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Feuilleton

Die Fremde als Lehrmeister

1945 1960 1980 2000 2020

Susanne Gregors zweiter Roman "Territorien" erzählt eine Geschichte von Macht und Abhängigkeit und der Suche nach Selbstbestimmung.

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Susanne Gregors zweiter Roman "Territorien" erzählt eine Geschichte von Macht und Abhängigkeit und der Suche nach Selbstbestimmung.

Ein Anruf genügt - und schon sieht das Leben anders aus. Und nicht nur das Leben, auch das Gegenüber wird bald nicht mehr sein, was es einmal war. Oder es war ohnehin nie das, für das man es hielt. Samuels Vater ist gestorben und Emma und Samuel fliegen nach Nicaragua, in Samuels Heimat. Was ursprünglich als kurze Reise zum Zweck der Teilnahme an einem Begräbnis geplant war, wird sich als entscheidender Einschnitt im Leben der beiden erweisen: Denn der Vater hat dem Sohn, mit dem er nicht viel zu tun hatte, eine Firma vererbt - und der Sohn möchte bleiben und die Firma übernehmen. Was aber will die schwangere Emma?

Susanne Gregor, 1981 in Zilina (Slowakei) geboren, kam als Kind mit ihren Eltern nach Österreich. 20 Jahre später erhielt sie den Exil-Literaturpreis "Schreiben zwischen den Kulturen", der Literatur von Autorinnen und Autoren fördert, die nicht in ihrer Muttersprache, sondern in deutscher Sprache schreiben. Gregors erster Roman "Kein eigener Ort" wurde 2011 in der Edition Exil publiziert. Ihr zweiter Roman erschien nun im renommierten Literaturverlag Droschl.

Gregor dreht darin eine gewohnte Perspektive um. Denn hier sieht sich eine Wienerin unversehens im Herkunftsland ihres Mannes all jenem ausgesetzt, was Einwanderer erfahren können. Die Palette reicht von der erlebten Einsamkeit bis zu Nichtanpassenkönnen und - wollen aus unterschiedlichen Gründen. Die Einsamkeit ist auch sinnlich erlebbar, etwa durch die eigene Sprache, die die anderen nicht sprechen, die fremden Bräuche, die man so nicht teilen kann oder will, das andere Essen, das möglicherweise gar nicht schmeckt, bis hin zu Gewürzen, die fehlen.

Neu und anders sehen

Emma hat einen Job an der Universität in Wien, nun aber findet sie sich in der nicaraguanischen Großfamilie wieder. Die Erfahrung des Fremdseins, der Fremde wirft sie auf sich selbst zurück, die junge Frau beginnt neu und anders zu sehen: sich selbst, ihren Mann, ihre Beziehung zu ihrem Mann. Die Fremde als Chance wird hier ganz konkret - aber auch das Risiko, die Gefahr bruchzulanden.

Deutlich werden die Anforderungen, die Emma von unterschiedlichen Seiten auf sich einwirken spürt. Während etwa in Österreich die Karriere, die man sich aufgebaut hat, unbedingt weiterverfolgt werden sollte (sagen die Eltern, obwohl das Studium und der Beruf nie Herzenswünsche von Emma waren), zählt in Nicaragua der Zusammenhalt der Familie. (Vielleicht ist das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung also doch nicht ganz so unähnlich, wie man auf den ersten Blick meinen könnte?)

Dort wo es heikel wird, weil bei einer solchen Thematik allerhand Klischees drohen, Länder- und Kulturstereotype ebenso wie Mann-Frau-Typologisierungen, biegt die Autorin gerade noch rechtzeitig ab. Auch Gefühlskitsch lässt sie nicht aufkommen, obwohl widersprüchliche Emotionen und Hormone in diesem Roman die Protagonistin geradezu überschwemmen. Entsprechend fließt der Text dahin, in langen Sätzen. Das Hin und Her im Innenleben dieser Frau beschreibt Susanne Gregor damit erstaunlich genau.

Die Autorin hat auch einen aufmerksamen Blick für die Sehnsucht, die besonders groß ist, wenn man lange weg ist, für Schweigen und Missverständnisse ebenso wie für trennende Sätze. Und für die Vergangenheit, die sich unerledigt besonders gerne hineindrängt in die Gegenwart.

Mit ihrem sprachbewussten Roman erzählt Gregor unter anderem eine Geschichte von Macht - und wie abhängig jemand werden kann, der in der Fremde lebt, von jenen mit Heimvorteil (die diese Abhängigkeit des anderen womöglich gar nicht wahrnehmen).

Ein wichtiger literarischer Beitrag zu Migrationsdebatten also - aber so wie Gregor ihren Roman erzählt, bietet sie zugleich viel mehr als eine Geschichte über das Zusammenprallen von Kulturen oder die Schwierigkeit, sich in fremden Kulturen zurechtzufinden. Es geht auch nicht bloß um ein Leben zwischen zwei Kulturen, um Interkulturalität, Integration oder gar Assimilation, um einige der Modeworte anzuführen. Sondern Gregor erzählt, wie in gewisser Hinsicht jedes Gegenüber ein Fremder, eine Fremde mit einer fremden Kultur ist. Jede Beziehung benötigt das Ausloten, das stets neue Verhandeln der titelgebenden Territorien - jede Beziehung ist in dieser Hinsicht interkulturell, immer eine Chance, immer ein Risiko und immer neu zu probieren.

Die Fremde ist in Susanne Gregors Roman "Territorien" das Spiegelkabinett, der Lehrmeister, der helfen kann, auch in diesem Sinn erwachsen zu werden.

Territorien

Roman von Susanne Gregor

Droschl 2015 207 S., geb., € 19,-

Ein Anruf genügt - und schon sieht das Leben anders aus. Und nicht nur das Leben, auch das Gegenüber wird bald nicht mehr sein, was es einmal war. Oder es war ohnehin nie das, für das man es hielt. Samuels Vater ist gestorben und Emma und Samuel fliegen nach Nicaragua, in Samuels Heimat. Was ursprünglich als kurze Reise zum Zweck der Teilnahme an einem Begräbnis geplant war, wird sich als entscheidender Einschnitt im Leben der beiden erweisen: Denn der Vater hat dem Sohn, mit dem er nicht viel zu tun hatte, eine Firma vererbt - und der Sohn möchte bleiben und die Firma übernehmen. Was aber will die schwangere Emma?

Susanne Gregor, 1981 in Zilina (Slowakei) geboren, kam als Kind mit ihren Eltern nach Österreich. 20 Jahre später erhielt sie den Exil-Literaturpreis "Schreiben zwischen den Kulturen", der Literatur von Autorinnen und Autoren fördert, die nicht in ihrer Muttersprache, sondern in deutscher Sprache schreiben. Gregors erster Roman "Kein eigener Ort" wurde 2011 in der Edition Exil publiziert. Ihr zweiter Roman erschien nun im renommierten Literaturverlag Droschl.

Gregor dreht darin eine gewohnte Perspektive um. Denn hier sieht sich eine Wienerin unversehens im Herkunftsland ihres Mannes all jenem ausgesetzt, was Einwanderer erfahren können. Die Palette reicht von der erlebten Einsamkeit bis zu Nichtanpassenkönnen und - wollen aus unterschiedlichen Gründen. Die Einsamkeit ist auch sinnlich erlebbar, etwa durch die eigene Sprache, die die anderen nicht sprechen, die fremden Bräuche, die man so nicht teilen kann oder will, das andere Essen, das möglicherweise gar nicht schmeckt, bis hin zu Gewürzen, die fehlen.

Neu und anders sehen

Emma hat einen Job an der Universität in Wien, nun aber findet sie sich in der nicaraguanischen Großfamilie wieder. Die Erfahrung des Fremdseins, der Fremde wirft sie auf sich selbst zurück, die junge Frau beginnt neu und anders zu sehen: sich selbst, ihren Mann, ihre Beziehung zu ihrem Mann. Die Fremde als Chance wird hier ganz konkret - aber auch das Risiko, die Gefahr bruchzulanden.

Deutlich werden die Anforderungen, die Emma von unterschiedlichen Seiten auf sich einwirken spürt. Während etwa in Österreich die Karriere, die man sich aufgebaut hat, unbedingt weiterverfolgt werden sollte (sagen die Eltern, obwohl das Studium und der Beruf nie Herzenswünsche von Emma waren), zählt in Nicaragua der Zusammenhalt der Familie. (Vielleicht ist das Verhältnis von Selbst- und Fremdbestimmung also doch nicht ganz so unähnlich, wie man auf den ersten Blick meinen könnte?)

Dort wo es heikel wird, weil bei einer solchen Thematik allerhand Klischees drohen, Länder- und Kulturstereotype ebenso wie Mann-Frau-Typologisierungen, biegt die Autorin gerade noch rechtzeitig ab. Auch Gefühlskitsch lässt sie nicht aufkommen, obwohl widersprüchliche Emotionen und Hormone in diesem Roman die Protagonistin geradezu überschwemmen. Entsprechend fließt der Text dahin, in langen Sätzen. Das Hin und Her im Innenleben dieser Frau beschreibt Susanne Gregor damit erstaunlich genau.

Die Autorin hat auch einen aufmerksamen Blick für die Sehnsucht, die besonders groß ist, wenn man lange weg ist, für Schweigen und Missverständnisse ebenso wie für trennende Sätze. Und für die Vergangenheit, die sich unerledigt besonders gerne hineindrängt in die Gegenwart.

Mit ihrem sprachbewussten Roman erzählt Gregor unter anderem eine Geschichte von Macht - und wie abhängig jemand werden kann, der in der Fremde lebt, von jenen mit Heimvorteil (die diese Abhängigkeit des anderen womöglich gar nicht wahrnehmen).

Ein wichtiger literarischer Beitrag zu Migrationsdebatten also - aber so wie Gregor ihren Roman erzählt, bietet sie zugleich viel mehr als eine Geschichte über das Zusammenprallen von Kulturen oder die Schwierigkeit, sich in fremden Kulturen zurechtzufinden. Es geht auch nicht bloß um ein Leben zwischen zwei Kulturen, um Interkulturalität, Integration oder gar Assimilation, um einige der Modeworte anzuführen. Sondern Gregor erzählt, wie in gewisser Hinsicht jedes Gegenüber ein Fremder, eine Fremde mit einer fremden Kultur ist. Jede Beziehung benötigt das Ausloten, das stets neue Verhandeln der titelgebenden Territorien - jede Beziehung ist in dieser Hinsicht interkulturell, immer eine Chance, immer ein Risiko und immer neu zu probieren.

Die Fremde ist in Susanne Gregors Roman "Territorien" das Spiegelkabinett, der Lehrmeister, der helfen kann, auch in diesem Sinn erwachsen zu werden.

Territorien

Roman von Susanne Gregor

Droschl 2015 207 S., geb., € 19,-