Die friedliche Revolution der „Pfaffen“

Jahrzehntelang setzte die Kirche in der DDR dem Absolutheitsanspruch des Sozialismus allein durch ihre pure Existenz Grenzen. Im entscheidenden Moment 1989 diente sie als Gerüst für den Aufstand des Volkes.

„Sogar Atheismusforscher können sich irren“, mit diesem unerwarteten Eingeständnis überraschte uns Olof Klohr, der führende Religionssoziologe der DDR, im Herbst 1986 in Erfurt. Dass dieses Treffen der besonderen Art überhaupt zustande kam, wirkte damals wie ein Klopfzeichen auf mich, dass sich tief im ideologischen Untergrund etwas zu ändern begann.

Der parteiliche Forscher war nämlich einer Einladung, die wir, ein ökumenischer Kreis von Studierenden aller theologischen Ausbildungsstätten des Landes, an ihn ausgesprochen hatten, tatsächlich gefolgt. Und eines Tages sah sich Klohr plötzlich 150 erwartungsvollen Gesichtern gegenüber. Die relativ große Zahl junger Leute, die für die Theologie votiert und damit den herrschenden Verhältnissen eine Absage erteilt hatten, war für den altgedienten Kader keine kleine Überraschung. „Nach dem Krieg“, so Kohr, „war ich überzeugt: In ein paar Jahrzehnten sind alle Pfaffen verschwunden.“ – Was sich augenfällig als Trugschluss erwies.

Eine Welt der Gegensätze

Dass sich der „Professor für wissenschaftlichen Atheismus“ schließlich zu dem Bekenntnis durchrang, „mit dem Christentum ist noch Jahrhunderte zu rechnen“, hat mich nicht kalt gelassen. Denn meine ganze Schulzeit war geprägt von dem scharfen Gegensatz: christliches Elternhaus – sozialistische Schule. Und manchmal, wenn vor der Klasse wieder nachgeforscht wurde: „Na, wer von Euch glaubt denn noch an Gott?“, versteinerte sich etwas und ich kam mir vor wie ein Fossil aus dem Oligozän. Da war es bloß gut, dass es neben mir, dem katholischen Exoten, noch eine Hand voll evangelischer Christen gab.

Was sich da drei Jahre vor der friedlichen Zeitenwende im Erfurter Philosophisch-Theologischen Studium, der einzigen Ausbildungsstätte für Katholische Theologie in der DDR, ereignete, scheint mir symptomatisch für eine ganze Generation ostdeutscher Christinnen und Christen zu sein. Sie war durch die Konfrontation mit dem verordneten Atheismus geprägt – und wusste, dass sie zusammenhalten musste. Überhaupt war „Kirche“ die einzige Großorganisation, die dem absoluten Anspruch des Staates allein durch ihre pure Existenz Grenzen setzte. Und viele von uns 150 jungen Theologie-Studierenden begannen in evangelischen und katholischen Kirchen- und Studentengemeinden bald darauf, widerständigem christlichen Denken und Handeln Raum zu geben.

Aber die Ausgangsbedingungen der beiden Konfessionen waren im „Mutterland der Reformation“ ganz verschieden: Im Gründungsjahr des Dreibuchstabenlandes 1949 bekannten sich rund 80 Prozent der Einwohner zur evangelischen Volkskirche; elf Prozent, darunter viele Flüchtlinge, gaben an, katholisch zu sein. Bei der Volkszählung 1964 wurde noch ein Anteil von etwa 59 Prozent Protestanten und acht Prozent Katholiken erhoben. Der dramatische Rückgang der Kirchenmitglieder konnte kaum gestoppt werden. Bis zum Ende der DDR hatten sich die Prozentzahlen nochmals halbiert. Angesichts dieses Prozesses spricht der evangelische Theologe Wolf Krötke in Hinblick auf seine Kirche treffend von einer „Volkskirche ohne Volk“. Aber ohne dieses „Gerüst“, ist sich der Systematiker sicher, „hätten wir die gesellschaftliche Bedeutung für den Herbst 1989 nicht gewinnen können.“

Sucht man nach Orten, an denen die Opposition gegenüber dem vormundschaftlichen Staat besonders wachsen konnte, wird man vor allem in evangelischen Gemeinden fündig: in der Leipziger Nikolaikirche und in der Berliner Gethsemane- oder Zionskirche. Hans Simon, langjähriger Pfarrer der Zionskirche, berichtet mit Sympathie davon, dass die jungen Leute der dortigen „Umweltbibliothek“ den Ökologiebegriff längst erweitert hatten: „Zur ‚Umwelt‘ gehörte für sie auch die soziale und politische Struktur der Gesellschaft.“ Anders als die katholischen Bischöfe, die auf spürbare Distanz zur Staatsmacht bedacht waren, definierte sich der Bund der Evangelischen Kirchen als „Kirche im Sozialismus“ – und seit Ende der siebziger Jahre nutzen oppositionelle Pfarrer diese widersprüchliche Formel im Sinn eines neuen gesellschaftlichen Selbstverständnisses, das Umwelt-, Friedens- und Menschenrechtsgruppen Schutz und Freiraum bot. Aber auch die kleinere katholische Kirche, die das 1979 von Johannes Paul II. in seiner polnischen Heimat gesprochene Wort „Habt keine Furcht!“ zuerst zögerlich aufnahm, verließ seit Mitte der achtziger Jahre ihre Deckung. Sie begann sich – etwa mit dem Dresdner Katholikentreffen mit 100 000 Gläubigen (1987) – stärker einzumischen. Als die „Ökumenische Versammlung der Christen und Kirchen in der DDR“ Anfang 1988 ihre Arbeit aufnahm, beteiligte auch sie sich an diesem großen gemeinsamen Lernprozess, der – wie der katholische Theologe Lothar Ullrich erklärt – zum „Auszug aus dem selbst gemachten Ghetto führte“.

Das Wunder des Friedens

War es aber nicht vor allem der Massenexodus über Ungarn oder die wirtschaftliche Misere des SED-Staates, die schlicht zur Implosion des ostdeutschen Systems führten? All das spielt eine Rolle. Aber wer sich damals aktiv in der friedlichen Revolution engagiert hat, weiß aus eigener Erfahrung: Zu keinem Zeitpunkt gab es einen Automatismus der Ereignisse. In Berlin suchten die von der Polizei brutal Verfolgten Zuflucht in der Gethsemane-Kirche – und fürchteten, dass bei ihrer Erstürmung Blut fließen würde. Am 9. Oktober wollte die Staatsmacht die Leipziger Montagsdemonstration ein für alle Mal gewaltsam niederschlagen – aber es kamen einfach zu viele, die friedlich und mit Kerzen in der Hand demonstrierten.

„Wir waren auf alles vorbereitet, nur nicht auf Kerzen und Gebete“, hat ein hoher Funktionär später hellsichtig bemerkt. Viele militant atheistisch Erzogene haben es 1989 aus Angst und Verzweiflung erstmals überhaupt gewagt, in einer Kirche eine Kerze zu entzünden – bloß gut, dass dies fast überall möglich war. Was davon bleibt? „Keine Gewalt!“ – jener Ruf, der einer friedlichen Revolution zum Durchbruch verhalf: Kein kleines Wunder. Das Wunder.

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