Die fürstlichen Objekte der Begierden

August von Sachsen besucht Ferdinand II. auf Schloss Ambras: 426 Jahre nach dem Tod des Kurfürsten konnten 65 ausgewählte Objekte aus seiner Kunst- und Wunderkammer nach Innsbruck reisen. Das reicht für einen Einblick in Pracht, Mirabilia und Technik.

August von Sachsen wurde 1526 geboren, Ferdinand II. drei Jahre später. Der Sachse wurde 60 Jahre alt, der "Tiroler“ sechs Jahre älter. Der eine war Kur-, der andere Landesfürst. Was die seit ihrer Knappenzeit befreundeten Adeligen verbunden hat, war ihr Faible für alles Schöne, Exotische, Wundersame. Damit füllten sie ihre Kunst- und Wunderkammern. August hat diese unter dem Dach seiner Dresdener Residenz eingerichtet, Ferdinand neben dem Ambraser Hochschloss ein eigenes Museum gebaut. Das älteste im modernen Sinn nördlich der Alpen. Es ist urkundlich verbrieft, dass Ferdinand August in Dresden besucht und dessen Kunstschätze gesehen hat. Ein Gegenbesuch hat aller Wahrscheinlichkeit nach aber nie stattgefunden. Vielleicht, weil August seinem Freund nicht seinen prachtvollen Trabharnisch überlassen wollte, den dieser so gern für seine Rüstkammer gehabt hätte. Das stattdessen 1558 nach Ambras gesandte, mit kunstvollen Ätzungen verzierte eiserne, teils vergoldete "Rennzeug“ war für Ferdinand nur ein schlaffer Ersatz.

Adelige Handwerker

August längst fälliger Besuch auf Ambras findet aber nun statt. 426 Jahre nach dem Tod des Kurfürsten kommen aus dem Grünen Gewölbe in Dresden, wo dessen Sammlung aufbewahrt wird, 65 ausgewählte Objekte nach Innsbruck. Darunter auch solche, die üblicherweise nicht verliehen werden, was die Ambraser "Schlossherrin“, Veronika Sandbichler, erfreut.

Darunter eben dieser Prachtharnisch genauso wie das "Rennzeug“ und der aus kostbarem italienischem Gold- und Silberstoff geschneiderte Anzug, den August 1548 bei seiner Hochzeit mit der dänischen Prinzessin Anna getragen hat. Sie beide sind, genauso wie Ferdinand II. und seine - unstandesgemäße - Frau Philippine Welser in der Form von prachtvollen Bildnissen präsent. Umgeben sind sie von den in vielfacher Weise erstaunlichen Objekten der Begierde.

Die letztlich doch bestehenden Unterschiede zwischen Ferdinand und August zeigen sich bei jenen Arbeiten, bei denen die zwei selbst Hand angelegt haben. Sie waren nicht nur tüchtige Landesväter sondern auch geschickte Handwerker. Das Drechseln in Elfenbein hatte es August besonders angetan. Eine Reihe dieser filigranen "kleinen kunststucklein“ sind auf Ambras zu bewundern, genauso wie Landkarten, die der sächsische Kurfürst selbst gezeichnet haben soll. Erstellt auf der Basis heute höchst skurril anmutender "Reiseroutenrollen“. Ferdinand II. soll sich dagegen als Glasbläser versucht haben. Allerdings ohne nur im entferntesten die Kunstfertigkeit der Meister der Innsbrucker Hofglashütte zu erreichen. Aus deren Werkstatt etwa ein wunderbarer, um 1570/90 datierter Deckelpokal mit einer filigran aus buntem Glas gearbeiteten Kreuzigungsgruppe in seinem Inneren stammt.

Ein besonderes Faible hatten August und Ferdinand für Gebrauchsgegenstände aus exotischen Materialien. Etwa einen Pokal, dessen Schale aus einem Nautilusgehäuse besteht, gefasst in vergoldetes Silber, mit einem Schlangengriff und stehend auf einem Fuß in der Form einer Adlerklaue. Ob das Besteck mit Griffen aus roter Koralle sich wirklich zum Gebrauch eignet, sei dahingestellt. Nützlicher dürften die Löffel gewesen sein, deren Schaufeln aus dem Haus von Tigerschnecken geschnitten sind, denen der Ruf nacheilt, sich beim Kontakt mit Gift farblich zu verändern.

Absolute Raritäten um 1600 waren allerdings die sogenannten "Mirabilia“. Es handelt sich dabei um händisch aufziehbare Automaten, mit dem Ziel, die Natur zu simulieren. Wie etwa eine in der Schau zu sehende winzige Spinne, die verblüffend echt gehen konnte oder eine venezianische Gondel mit eifrig ruderndem Gondoliere und kostbar bekleideten, sich im Takt der Ruderschläge bewegenden Passagieren. Nur singen konnte der Gondoliere (noch) nicht.

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