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Die geistige Dimension von 1989

1945 1960 1980 2000 2020

Wenn die europäische Einigung mehr sein soll als ein technokratischer Vorgang, tut eine gemeinsame Besinnung auf das, was 1989 eigentlich passiert ist, not.

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Wenn die europäische Einigung mehr sein soll als ein technokratischer Vorgang, tut eine gemeinsame Besinnung auf das, was 1989 eigentlich passiert ist, not.

Das Jahr 1989 brachte einen Umbruch für ganz Europa. Ich habe jedoch den Eindruck, daß die Bedeutung dieses Umbruchs - vor allem seiner geistigen Dimension - in Europa noch immer, bis zum heutigen Tag, nicht voll ins Bewußtsein gedrungen ist.

Damals, 1989 und in den zwei darauffolgenden Jahren, ist die in Jalta festgelegte Ordnung, die über 45 Jahre lang Europa und die Welt in zwei feindlich einander gegenüberstehende Blöcke teilte, zum Einsturz gebracht worden. Damit endete die politische und ideologische Teilung Europas. Mit der Einführung der Regeln der freien Marktwirtschaft endete auch die Teilung der Wirtschaftssysteme, die die in höchstem Maße verschiedenen Bedingungen geschaffen hatten, unter denen die Völker - geteilt in ein freies und ein von der UdSSR abhängiges Europa - gelebt hatten.

Diese Umwälzung hat nicht gleich die Teilung in ein reiches und ein armes Europa aufgehoben. Sie bedeutete aber den Anfang des europäischen Einigungsprozesses im Rahmen der früher gebildeten europäischen und euroatlantischen Strukturen.

Der Umbruch von 1989 hat auch neue Möglichkeiten für die europäische Einheit in der Sphäre der Kultur und des Geistes geschaffen. Dies ist aber wohl kaum entdeckt und wahrgenommen worden.

Es wird manchmal von der Rückkehr unserer Länder nach Europa gesprochen. Diese Bezeichnung wird auch bei uns manchmal als gängige Floskel gebraucht. Sie ist aber unzutreffend. Denn dabei wird doch etwas sehr Wesentliches vergessen, was damals, zur Zeit der auf Jalta basierenden europäischen Teilung von Jalta, existierte: Wir hatten diese ganze Zeit lang das Bewußtsein, in Europa zu sein, einen Teil - wenngleich ein abgesonderter - des gleichen Europas, mit seiner Tradition, Kultur und seinen Werten zu bilden. Dieses Bewußtsein gestaltete in einem erheblichen Maße unseren Kampf darum, die innere Freiheit des Menschen gegenüber dem totalitären System zu bewahren. Es gestaltete auch unseren - nicht immer mit Erfolg geführten - Kampf um eine Ausdehnung der Freiheitssphäre der Gesellschaft, um eine sogenannte Bürgergesellschaft zu bauen, die dem damaligen Staat trotzen könnte, dem Staat mit einer parteieigenen Identität, dem Parteistaat.

Je tiefer dieses Bewußtsein war, je freier es sich manifestieren konnte, desto europäischer und westlicher wurde es. Am Rande bemerkt: Deshalb auch hat es sich herausgestellt, daß die DDR Polen gegenüber geographisch westlich, politisch aber östlich gelegen war.

Dieses Gefühl einer Zugehörigkeit zu Europa hatte seine Quelle vor allem im Bewußtsein der gemeinsamen christlichen Wurzeln. Es manifestierte sich in der Lebendigkeit der Kirche und des Christentums, in deren Eigenschaft als Verankerung für den Menschen und für sein Wertgefühl als Person. Dieses europäische Gefühl beinhaltete aber auch eine Auffassung von Freiheit des gesellschaftlichen Lebens als Teil des Wertesystems. Es beinhaltete so gesehen die gesamte europäische Tradition.

In einer Zeit also, als in Westeuropa die Bedeutung, der Wert und die Kontinuität dieser Tradition und der eigenen Wurzeln nicht selten in Frage gestellt wurden, als sich diese Tradition als vielleicht ehrwürdiges doch gegenüber den Produkten der Massenkultur leicht angestaubtes Gut entpuppte - eben zur selben Zeit ist diese europäische Tradition für uns zu einer Quelle der Kraft und des Durchhaltevermögens geworden.

Heute, acht Jahre nach dem Umbruch, kann man sich fragen, was es nun verursacht, daß die europäischen Einigungsprozesse - die zwischen ehemals durch den Eisernen Vorhang getrennten Ländern Europas verlaufen - im Bereich der Kultur, in ihrer geistigen Dimension so wenig fortgeschritten sind. Es ist aber vielleicht besser, diese Frage anders zu formulieren: Warum verlaufen sie nicht in einer Dimension, die dem Umbruch von 1989 gleichen würde?

Ich sehe einige Gründe dafür.

Der erste reicht zeitlich über die letzten 50 Jahre hinaus. Es gibt hierzu übrigens nicht einfach eine einzige schematische Antwort. Europa ist ein heterogenes Gebilde. Heterogen waren auch die geistigen und kulturellen Traditionen der Länder, die infolge der Entscheidungen von Jalta sich selbst jenseits des Eisernen Vorhanges, oder gar innerhalb der Staatsgrenzen der Sowjetunion vorgefunden haben. Der Balkan, das ehemalige Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, Litauen, Lettland, Estland, Slowakei, Tschechien, Polen - das alles sind Länder mit unterschiedlichen Traditionen und historischen Erfahrungen. Manche von ihnen waren seit Jahrhunderten verstärktem Einfluß der östlichen Kultur ausgesetzt. Andere übten die Brückenfunktion zwischen dem Osten und dem Westen aus, manche wiederum stellten einen - wohlgemerkt: abgetrennten - Teil des Westens dar.

Ich wäre hier nicht imstande, diese Differenzen zu charakterisieren, und ich möchte es auch nicht tun. Aber es gibt jedenfalls zweifellos Unterschiede zwischen Spanien und Skandinavien, zwischen England und Italien - und doch bilden all diese Länder, samt unseren, ein Europa, nicht die europäischen Randerscheinungen, sondern Europa. In diesem Punkt können wir also nur sagen, daß wir zu wenig gemacht haben und weiterhin zu wenig tun, um uns gegenseitig besser kennenzulernen. Und ich füge hinzu, daß ich amüsiert bin über die Bemerkungen von Politikern, die nach Krakau kommen - immerhin in eine Stadt mit einer der ältesten europäischen Universitäten - und dann verkünden, nun seien sie doch hier in Europa. (Natürlich gilt diese Bemerkung nicht für die österreichischen Politiker.)

Daß die Kenntnisse der historischen Hintergründe unserer vielfältigen europäischen Kultur nicht erkennbar fortgeschritten sind - was einen triftigen Grund dessen bildet, daß die geistige und kulturelle Einheit Europas kein den Umwälzungen von 1989 vergleichbares Ereignis geworden ist -, liegt aber vor allem an der Oberflächlichkeit der "Weltöffnung", die wir erfahren haben, sowie an der Oberflächlichkeit dieser "Welt", die da zu uns gekommen ist.

Es war dies wohl ein Phänomen, das der Fall aller Barrieren unweigerlich mit sich bringen mußte. Ich denke hier vor allem an die ganze Brutalität dieses Angriffes, den die Medienwelt faktisch darstellt. Es wäre sehr leicht, die Medien einfach zu verteufeln - ich will es nicht tun. Ich will auch keine Reaktionen schildern, wie sie vor allem seitens der Kirchenvertreter zu vernehmen waren, bei denen allzuoft begründete Ablehnung von einer Ratlosigkeit gegenüber den Regeln des freien Staates und der pluralistischen Gesellschaft begleitet wurde.

Mir erscheint in diesem Zusammenhang viel wichtiger, daß eine Reflexion darüber, was 1989 eigentlich geschehen ist und wozu uns dies verpflichtet, irgendwo auf der Strecke geblieben ist.

Ich sagte "uns". Damit möchte ich klarstellen, daß ich damit uns alle dies- und jenseits des Eisernen Vorhanges meine, dies- und jenseits der Berliner Mauer.

Ist es nicht doch richtig und notwendig, daß nicht nur in unseren Ländern die Abrechnung mit der Vergangenheit gemacht wird, daß auch im Westen Europas die Frage und das Nachdenken darüber wach wird, welche Mitverantwortung der Westen daran hat, daß die in Jalta beschlossene Nachkriegsordnung, in der wir 45 Jahre lang gelebt haben, eingeführt wurde? Haben die Völker in diesem freien Teil Europas überhaupt ein Bedürfnis danach?

Es gibt auch eine andere Frage, die für die geistige Einheit sehr wesentlich ist: Ist diese unsere Erfahrung jener Jahre nur eine Art Alptraum gewesen, ein historisches Exoticum - oder ist sie eine Erscheinungsform des universellen, menschlichen Erfahrungsschatzes?

Ich stelle mir selbst und Ihnen diese Fragen, denn ohne sie beantwortet zu haben, kann man die Größe des Jahres 1989 nicht begreifen, in dem Unmögliches möglich wurde. Dies, was in der Europa- und Weltpolitik als unmöglich erschien, wurde Wirklichkeit. Dazu hat es eines langen Prozesses des Leidens, der Opfer aber auch der Fehler bedurft - und des radikalen Abbruchs, also des Widerstandes und der Bewahrung der inneren Freiheit des Menschen und der Völker.

Ich stelle mir selbst und auch Ihnen diese Fragen. Wenn man heute dem sich einigenden Europa eine Seele geben will, kann man um das Nachdenken darüber nicht herumkommen, was wir gemeinsam 1989, auf welchen Wegen und Umwegen, wiedererlangt hatten.

facts & figures Tadeusz Mazowiecki, geboren 1927, hat als Intellektueller, moralische Autorität und Politiker maßgeblich zum friedlichen Machtwechsel in Polen beigetragen. Bereits in den 60er und 70er Jahren in der Opposition engagiert, war er in den 80er Jahren einer der führenden Berater der Solidarno's'c. Im Frühjahr 1989 saß er mit am Runden Tisch, an dem jener Kompromiß über die Zukunft Polens ausgehandelt wurde, der die Erosion des Ostblocks einleiten sollte. Im September 1989 wurde er der erste nichtkommunistische Ministerpräsident seines Landes nach dem Zweiten Weltkrieg. Nachdem er in den Präsidentschaftswahlen vom Oktober 1990 unterlegen war, gründete er die liberale "Demokratische Union" (heute "Freiheitsunion"/UW, nach dem Zusammenschluß mit dem "Liberaldemokratischen Zentrum") - die Partei jener Intellektuellen und früheren Dissidenten, die sich von der mit der Zeit stärker konservativ-katholisch und national akzentuierten Solidarno's'c entfernt hatten. Seit den Parlamentswahlen vom September 1997 ist die UW wieder an der Regierung beteiligt, Mazowiecki Mitglied des Parlaments.

1992 wurde Mazowiecki zum Sonderberichterstatter der UNO für das ehemalige Jugoslawien berufen. Wiederholt warnte Mazowiecki schon zu diesem Zeitpunkt als einer von ganz wenigen, zu denen auch der damalige österreichische Außenminister Mock zählte, vor einer humanitären Katastrophe größten Ausmaßes auf dem Balkan. Aus Protest gegen die Wirkungslosigkeit seiner Berichte aus den Kriegsgebieten trat er 1995, nach dem Fall der UNO-Schutzzone Srebrenica, von seinem Amt zurück.

Der vorliegende Text ist die gekürzte Fassung der 11. Jan-Patocka-Gedächtnis-Vorlesung des "Instituts für die Wissenschaften vom Menschen", die Mazowiecki im November 1997 in Wien gehalten hat.

Mit freundlicher Genehmigung des IWM.

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