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Die Geschichte vom TIGERTRAUM

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Von der blumigen Wissenschaft zu einer neuen Vision des Menschen: Über die Europapremiere der "Prospektiven Psychologie" in Wien.

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Von der blumigen Wissenschaft zu einer neuen Vision des Menschen: Über die Europapremiere der "Prospektiven Psychologie" in Wien.

Wenn Martin Seligman auftritt, dann steht meist Großes auf dem Programm. So auch letzte Woche, als der amerikanische Psychologie-Professor der Universität Pennsylvania in Wien zu Gast war. Bei einem Symposium wurde die "Prospektive Psychologie" erstmals von ihren amerikanischen Vertretern in Europa präsentiert. Nichts weniger als ein Paradigmenwechsel in der Theorie des Fühlens, Denkens und Handelns soll dieser Ansatz darstellen, eine "neue Vision des Menschen", wie Sozialpsychologe Roy Baumeister, Professor an der Florida State University und einer der Mitstreiter Seligmans, sagt. "Homo Prospectus" heißt daher der begleitende Theoriewälzer, der demnächst bei Oxford University Press erscheinen wird. "Das alte Paradigma ging davon aus, dass wir Kinder - oft auch Opfer - unserer Vergangenheit sind", erläutert der Grazer Psychotherapeut Philip Streit, der die namhaften internationalen Vordenker bei der vierten "Seligman Europe Tour" nach Österreich gebracht hat. "Das neue Paradigma hingegen beschreibt uns als Kinder unserer Erwartungen an die Zukunft."

Abkehr von der Glücksideologie

Schon einmal hat Seligman richtig viel Staub aufgewirbelt, als er einer erstaunten Fachwelt die Prinzipien einer "Positiven Psychologie" präsentierte: Nicht mehr nur Störung und Krankheit, sondern auch die Gesundheit und das geistige Wohlbefinden sollten die ureigenste Angelegenheit der modernen Seelenforschung sein, verkündete er vor knapp zwei Jahrzehnten als Präsident der weltgrößten Psychologenvereinigung (APA). Ein Aufschrei war die Folge, doch Seligman blieb beharrlich. Es gehe nicht nur um die Minderung von psychischem Leid, sondern auch um jene Bereiche, die in der westlichen "Wissenschaft des Geistes" bislang kaum beachtet wurden: die Realisierung der eigenen Stärken, die Entfaltung, das "Aufblühen" der Menschen -blumige Begriffe, die bislang eher in spirituellen Traditionen als in der nüchternen Welt der Wissenschaft beheimatet schienen.

Heute ist die "Positive Psychologie" auch dank des Vermarktungstalents ihres Pioniers über die akademische Welt hinaus präsent. Die wissenschaftliche Bewegung der "Positiven Psychologie" hat weltweit zu Versuchen angeregt, auch unsere ganz normalen Geisteszustände zu erfassen - und diese in lichte und heitere Gefilde, also gewissermaßen nach oben zu bringen. Die US-Psychologin Barbara Fredrickson etwa hat Wege entwickelt, die in eine "Aufwärtsspirale des Wohlbefindens" hineinführen sollen. In Unternehmen, Schulen oder in der Arbeit mit älteren Menschen kommen bereits "positive Programme" zur Anwendung. In ihnen geht es nicht mehr nur um das Erreichen von Glück und anderen positiven Emotionen, nicht um "Happyologie" oder Glücksideologie, wie Kritiker anfangs meinten - denn das wäre eine allzu naive und unzulässige Reduktion des menschlichen Wohlbefindens.

"Es ist ein durchaus nettes Ziel, manche unserer negativen Emotionen zu lindern und die positiven zu stärken", sagt Roy Baumeister, Autor viel beachteter Sachbücher wie "Die Macht der Disziplin"(2014)."Aber selbst wenn man die negativen Gefühle wie ein Chirurg aus dem menschlichen Geist rausschneiden könnte, wäre das wenig zielführend, ja gefährlich im Hinblick auf unser Überleben." Deshalb differenziert das PERMA-Modell - das aktuelle theoretische Fundament der "Positiven Psychologie" - fünf Säulen, die unabhängig voneinander unser Wohlbefinden befördern: Neben den positiven Gefühlen sind das Engagement (Aufgehen in einer Tätigkeit), sozialer Rückhalt (positive Beziehungen), die Entwicklung von Sinn (Anschluss an höhere Ideen und Visionen) sowie konkrete Erfolgserlebnisse. All diese Faktoren sollen auf eine Verfassung verweisen, welche die alten Griechen "Eudaimonia" nannten und Seligman heute als umfassendes Wohlsein oder eben Aufblühen ("Flourishing") charakterisiert.

Insofern erscheint die nun präsentierte "Prospektive Psychologie" teils als logische Weiterentwicklung der "Positiven Psychologie": "Schließlich wollen wir Verbesserungen im Leben der Menschen erreichen, und die Auseinandersetzung mit der Zukunft scheint dafür der bessere Weg zu sein als nur in der Vergangenheit zu wühlen", resümiert Baumeister. "Generell gibt es heute großes Interesse zu verstehen, wie die Menschen nach vorne blicken. Denken Sie nur an die bevorstehenden Wahlen in den USA oder an die ungewisse Zukunft der EU." Was aber bedeutet das für die Haltung gegenüber psychischen Problemen und Störungen? Diese erscheinen hier nicht zwangsläufig als Ergebnis früherer Konflikte und Probleme, sondern als das Resultat negativer Prospektionen, abträglicher Erwartungshaltungen gegenüber dem Künftigen.

Ideengeschichte und Hirnforschung

Bei Depression oder bei Ängsten etwa gibt es eine starke Fixierung auf eine negative Zukunft: "'Ich bin depressiv, weil ich mir sicher bin, dass nichts mehr gut gehen kann' oder 'Ich habe Platzangst, weil ich glaube, dass ich nicht hinausgehen kann und mich jeder lächerlich findet': All das sind negative Prospektionen, denen man in Beratung und Therapie oft begegnet", berichtet Philip Streit. "Prospektive Psychologie vermittelt hier eine neue Haltung, wie wir die Schatten der Vergangenheit ablegen können." Frühere Erfahrungen werden nicht mehr als Hindernis, sondern als nützliches Sprungbrett betrachtet, um voranzuschreiten.

Coaching oder Therapie würde dann bedeuten, alternative Aussichten zu vermitteln, zum Beispiel durch Anreize und Belohnungen. Ganz unbekannt ist das freilich nicht. Bereits der kanadische Psychologe Albert Bandura hat die Menschen an das Potenzial ihrer "Selbstwirksamkeit" erinnert, und lösungsorientierte Therapieformen sind stets davon ausgegangen, dass Visionen, Ziele sowie Erwartungen ein wichtiger Motor für das menschliche Handeln sind. Neu ist aber die Untermauerung der Prospektiven Theorie durch die Gehirnforschung - und die epochale Breite ihrer ideengeschichtlichen Abhandlungen. Diese widmen sich etwa dem kläglichen Scheitern des Behaviorismus im 20. Jahrhundert: einer Theorie, deren Vertreter sich einst weigerten anzuerkennen, dass Tiere Erwartungen bilden und ein zukunftsorientiertes Verhalten an den Tag legen können -bis sie durch schlagende Experimente eines Besseren belehrt wurden.

Der Einfluss der Kindheit

Aber auch das einflussreiche Werk von Sigmund Freud steht, überspitzt gesagt, auf der Abschussliste der "Prospektiven Psychologie". Der große Wiener Denker und Begründer der Psychoanalyse ist dafür berühmt geworden, unser Denken und Handeln auf unbewusste Dynamiken zurückzuführen, deren Wurzeln in einer fernen kindlichen Vergangenheit zu suchen sind. "Trotz rund 100-jähriger psychoanalytischer Praxis gibt es bislang keinen überzeugenden Beleg für ihre Wirksamkeit", so Seligman und seine Mitstreiter. Und es gebe kaum empirische Evidenz dafür, dass das Verhalten eines Erwachsenen tatsächlich durch Traumata und ungelöste Konflikte aus der Kindheit bestimmt werde. "Ich bin ein großer Bewunderer von Freud, er war ein außergewöhnliches Genie", bemerkt Roy Baumeister. "Aber mehr als siebeneinhalb Jahrzehnte nach seinem Tod hat sich die Psychologie nun einmal weiterentwickelt."

Der heute 73-jährige Seligman denkt durchaus in Kategorien Freudscher Größe: Seine Autobiographie, an der er gerade schreibt -so viel hat er bereits verraten -, wird mit einer verheißungsvollen Vision enden. Es ist das Bild eines mächtigen Tigers, der von einem Hügel herabsteigt und sich daran macht, alte Konzepte und etablierte Denkweisen aus dem Weg zu räumen. Die Zukunft dieses Tigers bleibt derweil offen.

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