Die Gründung der Moderne

1945 1960 1980 2000 2020

Die biblische Exodus-Erzählung treibt die Menschheit seit Jahrtausenden um. Jan Assmann spannt dazu den Bogen vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart.

1945 1960 1980 2000 2020

Die biblische Exodus-Erzählung treibt die Menschheit seit Jahrtausenden um. Jan Assmann spannt dazu den Bogen vom Alten Ägypten bis in die Gegenwart.

Es ist die große Geschichte vom Aufbruch, die das Buch Exodus bereithält. Im heutigen Kanon der Bibel steht es als zweites Buch nach der Genesis, die den Schöpfungsbericht, die Erzählungen über die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob und die Josefs-Geschichte enthält: Das Volk Israel stöhnt unter der Last der Sklaverei in Ägypten. Seinem Führer Mose gibt sich Gott als Jahwe im brennenden Dornbusch zu erkennen: Er hat den Notschrei seines Volkes gehört, und wird es befreien. Jahwe schlägt die Ägypter mit zehn Plagen; erst nach der zehnten, der Tötung von Ägyptens Erstgeburt, lässt der Pharao das Volk Israel ziehen.

Trockenen Fußes überwindet dieses Volk auch das Meer, das seinerseits die verfolgenden Ägypter verschlingt. In der Wüste murrt Israel wiederholt gegen Mose, den Anführer, mit Jahwes Hilfe gibt es aber Wasser und Nahrung (Manna, Wachteln ...). Auf dem Berg Sinai verkündet Jahwe sein Gesetz. Nach einer großen Krise, in der Israel trotz des Bilderverbots, das eben am Sinai verkündet wurde, Gott in Form eines Goldenen Kalbes anbetet, gelingt es dann nach 40 Jahren, das von Jahwe verheißene Land zu erreichen. Mose stirbt jedoch, bevor das Volk über den Jordan in die künftige Heimat übersetzt.

Gerade in diesen Tagen wird an dieses Geschehen religiös erinnert. Das jüdische Pessachfest ist das rituelle Gedächtnis des im Buch Exodus Geschilderten. Es beginnt mit dem Sederabend (heuer am 3. April), der unter anderem aus einem festlichen Mahl in der Familie besteht, in der die Exodus-Ereignisse nacherzählt und symbolisch nachempfunden werden - etwa mit Speisen wie den Mazzot, den ungesäuerten Broten.

Auch das Letzte Abendmahl Jesu, das in der christlichen Eucharistiefeier immer neu begangen wird, steht im Kontext einer Pessachfeier. In der katholischen Liturgie des Gründonnerstags wird die Einsetzung des Pessachmahls aus Exodus gelesen, eine der wesentlichen Lesungen in der Osternachtfeier ist der Exodus-Bericht über den Durchzug des Volkes Israel durchs Schilfmeer.

Eine bleibende Erinnerung

Doch nicht nur die unmittelbaren Riten von Pessach bzw. der Kar-und Ostertage, rufen das Buch Exodus bleibend in Erinnerung. Der deutsche Ägyptologe und Kulturtheoretiker Jan Assmann hat in seinem jüngsten Opus Magnum eine grandiose Neuerzählung des biblischen Buches gewagt und darin seine Text-und Interpretationsgeschichte sowie alle möglichen historischen bis aktuellen Bezüge zu den Entwicklungen seit der Entstehung des Exodus mit hinein verwoben. Das Buch "Exodus. Die Revolution der Alten Welt" könnte sich, so der Eindruck des interessierten Lesers, als kulturgeschichtlicher Referenztext erweisen, der zur Diskussion und auch zum Verständnis kultureller und religiöser Phänomene bis in die Gegenwart taugt. Assmann mutet in seinem Buch die These zu, dass Exodus nicht weniger als die Gründung der modernen Welt beschreibt.

Im Buch verstreut sind Beispiele angeführt, wie sehr Menschen im Lauf der Geschichte sich auf Exodus bezogen haben - beileibe nicht nur das Judentum. Assmann nennt u. a. die Armenier oder die Siedler, die in die USA auswanderten, die Buren in Südafrika, aber auch das Civil Rights Movement im 20. Jahrhundert wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die etwa explizit auf den Satz Jahwes, als er sich Mose im brennenden Dornbusch offenbart, rekurriert: Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, / und sein Geschrei wegen seiner Antreiber habe ich gehört; / ja, ich kenne seine Schmerzen. / Und ich bin herabgekommen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu erretten /und es aus diesem Land hinaufzuführen in ein gutes und geräumiges Land /in ein Land, das von Milch und Honig überfließt (Ex 3,7-8)

Assmann, der Ägyptologe, macht auch darauf aufmerksam, dass das kulturelle Bild von Ägypten durch Exodus weithin bis heute geprägt ist: der Pharao ein Sklaventreiber, der das Volk Israel unterdrückt und es vertreibt. Auch wenn das historisch falsch ist, hat sich dieses Motiv durch die herrschenden monotheistischen Religionen bis in die Gegenwart weiterverbreitet - auch im Islam: Wenn etwa (man denke an die Demonstrationen im Arabischen Frühling) ein Staatschef wie Ägyptens Hosni Mubarak als fira'ûn (Pharao) beschimpft wird, so ist hier die Perpetuierung des biblischen Ägyptenbildes augenfällig.

Geschichte "machen", nicht "schreiben"

Jan Assmann setzt sich in seinem Buch natürlich mit der Frage der historischen Wahrheit auseinander: Das Buch Exodus ist nicht als Geschichtsbericht zu verstehen, Assmann redet aber dennoch nicht von einer (literarischen) Fiktion, wenn er auch die Person des Mose, wie er im biblischen Buch geschildert erscheint, als fiktive Person einschätzt. Sigmund Freud hat, wie Assmann anführt, in der kurz vor seinem Tod 1939 fertig gestellten Studie "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" noch den historischen Mose, entkleidet von allerlei mythischem Überbau, darzustellen versucht.

Assmann hingegen redet da einer "performativen Wahrheit" das Wort, und er meint damit, dass die biblische Exodus-Erzählung nicht Geschichte "schreibt", sondern Geschichte "macht". Auch dafür führt der Kulturtheoretiker Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte an -nicht zuletzt zwei musikalische Werke: Georg Friedrich Händels "Israel in Egypt", das neben dem "Messias" einzige Oratorium des großen Protestanten, dessen Libretto ausschließlich aus biblischen Texten besteht, sowie Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron".

Jan Assmanns kulturgeschichtliche Theorien stehen bekanntlich seit gut zwei Jahrzehnten im Diskurs. Vor allem die aus seinen Büchern "Moses, der Ägypter"(1998) und in der Folge "Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus" (2003) diskutierte These, dass durch den absoluten Wahrheitsbegriff, den der Monotheismus gebracht habe, die religiöse Gewalt gekommen sei, hat Widerspruch hervorgerufen - bis hin zum Vorwurf, er fröne hier einem Antisemitismus. Assmann selber hat sich dieser Debatte gestellt (nachzulesen im Internet-Magazin perlentaucher.de, unter dem Suchwort Monotheismus-Debatte) und seine Position entscheidend modifiziert.

Der "Monotheismus der Treue"

In seinem Buch beschreibt er nicht mehr einen Monotheismus, der zwischen wahr und falsch unterscheidet, sondern die via die biblische Exodus-Geschichte in die Kultur gekommene und sie seither prägende Gestalt ist ein "Monotheismus der Treue": Jahwe schließt mit Israel einen Bund; diesem Bund ist Gott treu - und er verlangt auch von seinen Bundesgenossen, dem Volk Israel, diese Treue. Dies sei etwas völlig Neues, argumentiert Assmann: "'Glaube' heißt im Alten Bund dasselbe wie 'Treue', die Verheißungen Gottes, in den Eid, den er den Vätern geschworen hat und in die versöhnende und rechtfertigende Kraft der Gesetze." Die Konsequenzen dieses Bundes buchstabiert Assmann in unnachahmlicher Weise an den Episoden der Exodus-Geschichte ebenso durch wie an den weiteren Darstellungen in der Bibel sowie in der Kulturgeschichte der Menschheit seither: Die Erwählung Israels und sein Verständnis als einzigartiges Volk ist menschheitsgeschichtlich in anderen Zusammenhängen gleichfalls nachweisbar: Auch das Christentum kennt ein Erwählungsdenken, dem Islam ist Ähnliches nicht fremd, von politischen Heilsversprechen, etwa des Nationalismus, ganz abgesehen.

Eine fulminante Neuerzählung des Exodus

Gleichzeitig identifiziert Assmann mit dem "Monotheismus der Treue" das dauerhafte Auftreten des Eingottglaubens und die Weltordnung nach menschengerechten, weil göttlichen Gesetzen. Auch Jesus zitiert in den Evangelien die zwei wichtigsten Gesetze aus dem Alten Testament, die sich daraus ergeben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und gleichzeitig: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,37.39)

Assmanns ebenso bestechende wie faszinierende Tour d'Horizon durch die Kulturgeschichte bietet neben vielen unmittelbaren Informationen und Deutungen zur Textgeschichte auch immer wieder "profane" Bezüge, die schlüssig machen, dass die Exodus-Erzählung tatsächlich noch mitten in der Moderne wirkmächtig bleibt. So entdeckt Assmann - um nur ein Beispiel anzuführen - im Organisationshandeln des Mose am Sinai die "Erfindung der Bürokratie", die er wiederum als "rationales, abstraktes und neutrales Prinzip der Gliederung, Erfassung und Verwaltung einer großen Gruppe von Menschen" und mithin zur "Vorbedingung der Demokratie" erklärt.

Manchen mag die Ägyptologie ja als Orchideenfach gelten. Jan Assmann beweist längst das Gegenteil - wenn auch klar bleibt: Es bedarf eines großen Geistes und geradezu monumentalen Wissens, um den Bogen über Jahrtausende ins Heute zu spannen. Unabhängig davon, wie sich der wissenschaftliche Diskurs seiner Thesen im Detail entwickeln wird, ist Assmann dies in seiner Erzählung des Buches Exodus fulminant gelungen.

Es ist die große Geschichte vom Aufbruch, die das Buch Exodus bereithält. Im heutigen Kanon der Bibel steht es als zweites Buch nach der Genesis, die den Schöpfungsbericht, die Erzählungen über die Erzväter Abraham, Isaak und Jakob und die Josefs-Geschichte enthält: Das Volk Israel stöhnt unter der Last der Sklaverei in Ägypten. Seinem Führer Mose gibt sich Gott als Jahwe im brennenden Dornbusch zu erkennen: Er hat den Notschrei seines Volkes gehört, und wird es befreien. Jahwe schlägt die Ägypter mit zehn Plagen; erst nach der zehnten, der Tötung von Ägyptens Erstgeburt, lässt der Pharao das Volk Israel ziehen.

Trockenen Fußes überwindet dieses Volk auch das Meer, das seinerseits die verfolgenden Ägypter verschlingt. In der Wüste murrt Israel wiederholt gegen Mose, den Anführer, mit Jahwes Hilfe gibt es aber Wasser und Nahrung (Manna, Wachteln ...). Auf dem Berg Sinai verkündet Jahwe sein Gesetz. Nach einer großen Krise, in der Israel trotz des Bilderverbots, das eben am Sinai verkündet wurde, Gott in Form eines Goldenen Kalbes anbetet, gelingt es dann nach 40 Jahren, das von Jahwe verheißene Land zu erreichen. Mose stirbt jedoch, bevor das Volk über den Jordan in die künftige Heimat übersetzt.

Gerade in diesen Tagen wird an dieses Geschehen religiös erinnert. Das jüdische Pessachfest ist das rituelle Gedächtnis des im Buch Exodus Geschilderten. Es beginnt mit dem Sederabend (heuer am 3. April), der unter anderem aus einem festlichen Mahl in der Familie besteht, in der die Exodus-Ereignisse nacherzählt und symbolisch nachempfunden werden - etwa mit Speisen wie den Mazzot, den ungesäuerten Broten.

Auch das Letzte Abendmahl Jesu, das in der christlichen Eucharistiefeier immer neu begangen wird, steht im Kontext einer Pessachfeier. In der katholischen Liturgie des Gründonnerstags wird die Einsetzung des Pessachmahls aus Exodus gelesen, eine der wesentlichen Lesungen in der Osternachtfeier ist der Exodus-Bericht über den Durchzug des Volkes Israel durchs Schilfmeer.

Eine bleibende Erinnerung

Doch nicht nur die unmittelbaren Riten von Pessach bzw. der Kar-und Ostertage, rufen das Buch Exodus bleibend in Erinnerung. Der deutsche Ägyptologe und Kulturtheoretiker Jan Assmann hat in seinem jüngsten Opus Magnum eine grandiose Neuerzählung des biblischen Buches gewagt und darin seine Text-und Interpretationsgeschichte sowie alle möglichen historischen bis aktuellen Bezüge zu den Entwicklungen seit der Entstehung des Exodus mit hinein verwoben. Das Buch "Exodus. Die Revolution der Alten Welt" könnte sich, so der Eindruck des interessierten Lesers, als kulturgeschichtlicher Referenztext erweisen, der zur Diskussion und auch zum Verständnis kultureller und religiöser Phänomene bis in die Gegenwart taugt. Assmann mutet in seinem Buch die These zu, dass Exodus nicht weniger als die Gründung der modernen Welt beschreibt.

Im Buch verstreut sind Beispiele angeführt, wie sehr Menschen im Lauf der Geschichte sich auf Exodus bezogen haben - beileibe nicht nur das Judentum. Assmann nennt u. a. die Armenier oder die Siedler, die in die USA auswanderten, die Buren in Südafrika, aber auch das Civil Rights Movement im 20. Jahrhundert wie die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die etwa explizit auf den Satz Jahwes, als er sich Mose im brennenden Dornbusch offenbart, rekurriert: Gesehen habe ich das Elend meines Volkes in Ägypten, / und sein Geschrei wegen seiner Antreiber habe ich gehört; / ja, ich kenne seine Schmerzen. / Und ich bin herabgekommen, um es aus der Gewalt der Ägypter zu erretten /und es aus diesem Land hinaufzuführen in ein gutes und geräumiges Land /in ein Land, das von Milch und Honig überfließt (Ex 3,7-8)

Assmann, der Ägyptologe, macht auch darauf aufmerksam, dass das kulturelle Bild von Ägypten durch Exodus weithin bis heute geprägt ist: der Pharao ein Sklaventreiber, der das Volk Israel unterdrückt und es vertreibt. Auch wenn das historisch falsch ist, hat sich dieses Motiv durch die herrschenden monotheistischen Religionen bis in die Gegenwart weiterverbreitet - auch im Islam: Wenn etwa (man denke an die Demonstrationen im Arabischen Frühling) ein Staatschef wie Ägyptens Hosni Mubarak als fira'ûn (Pharao) beschimpft wird, so ist hier die Perpetuierung des biblischen Ägyptenbildes augenfällig.

Geschichte "machen", nicht "schreiben"

Jan Assmann setzt sich in seinem Buch natürlich mit der Frage der historischen Wahrheit auseinander: Das Buch Exodus ist nicht als Geschichtsbericht zu verstehen, Assmann redet aber dennoch nicht von einer (literarischen) Fiktion, wenn er auch die Person des Mose, wie er im biblischen Buch geschildert erscheint, als fiktive Person einschätzt. Sigmund Freud hat, wie Assmann anführt, in der kurz vor seinem Tod 1939 fertig gestellten Studie "Der Mann Moses und die monotheistische Religion" noch den historischen Mose, entkleidet von allerlei mythischem Überbau, darzustellen versucht.

Assmann hingegen redet da einer "performativen Wahrheit" das Wort, und er meint damit, dass die biblische Exodus-Erzählung nicht Geschichte "schreibt", sondern Geschichte "macht". Auch dafür führt der Kulturtheoretiker Beispiele aus der Rezeptionsgeschichte an -nicht zuletzt zwei musikalische Werke: Georg Friedrich Händels "Israel in Egypt", das neben dem "Messias" einzige Oratorium des großen Protestanten, dessen Libretto ausschließlich aus biblischen Texten besteht, sowie Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron".

Jan Assmanns kulturgeschichtliche Theorien stehen bekanntlich seit gut zwei Jahrzehnten im Diskurs. Vor allem die aus seinen Büchern "Moses, der Ägypter"(1998) und in der Folge "Die mosaische Unterscheidung oder der Preis des Monotheismus" (2003) diskutierte These, dass durch den absoluten Wahrheitsbegriff, den der Monotheismus gebracht habe, die religiöse Gewalt gekommen sei, hat Widerspruch hervorgerufen - bis hin zum Vorwurf, er fröne hier einem Antisemitismus. Assmann selber hat sich dieser Debatte gestellt (nachzulesen im Internet-Magazin perlentaucher.de, unter dem Suchwort Monotheismus-Debatte) und seine Position entscheidend modifiziert.

Der "Monotheismus der Treue"

In seinem Buch beschreibt er nicht mehr einen Monotheismus, der zwischen wahr und falsch unterscheidet, sondern die via die biblische Exodus-Geschichte in die Kultur gekommene und sie seither prägende Gestalt ist ein "Monotheismus der Treue": Jahwe schließt mit Israel einen Bund; diesem Bund ist Gott treu - und er verlangt auch von seinen Bundesgenossen, dem Volk Israel, diese Treue. Dies sei etwas völlig Neues, argumentiert Assmann: "'Glaube' heißt im Alten Bund dasselbe wie 'Treue', die Verheißungen Gottes, in den Eid, den er den Vätern geschworen hat und in die versöhnende und rechtfertigende Kraft der Gesetze." Die Konsequenzen dieses Bundes buchstabiert Assmann in unnachahmlicher Weise an den Episoden der Exodus-Geschichte ebenso durch wie an den weiteren Darstellungen in der Bibel sowie in der Kulturgeschichte der Menschheit seither: Die Erwählung Israels und sein Verständnis als einzigartiges Volk ist menschheitsgeschichtlich in anderen Zusammenhängen gleichfalls nachweisbar: Auch das Christentum kennt ein Erwählungsdenken, dem Islam ist Ähnliches nicht fremd, von politischen Heilsversprechen, etwa des Nationalismus, ganz abgesehen.

Eine fulminante Neuerzählung des Exodus

Gleichzeitig identifiziert Assmann mit dem "Monotheismus der Treue" das dauerhafte Auftreten des Eingottglaubens und die Weltordnung nach menschengerechten, weil göttlichen Gesetzen. Auch Jesus zitiert in den Evangelien die zwei wichtigsten Gesetze aus dem Alten Testament, die sich daraus ergeben: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben, und gleichzeitig: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. (Mt 22,37.39)

Assmanns ebenso bestechende wie faszinierende Tour d'Horizon durch die Kulturgeschichte bietet neben vielen unmittelbaren Informationen und Deutungen zur Textgeschichte auch immer wieder "profane" Bezüge, die schlüssig machen, dass die Exodus-Erzählung tatsächlich noch mitten in der Moderne wirkmächtig bleibt. So entdeckt Assmann - um nur ein Beispiel anzuführen - im Organisationshandeln des Mose am Sinai die "Erfindung der Bürokratie", die er wiederum als "rationales, abstraktes und neutrales Prinzip der Gliederung, Erfassung und Verwaltung einer großen Gruppe von Menschen" und mithin zur "Vorbedingung der Demokratie" erklärt.

Manchen mag die Ägyptologie ja als Orchideenfach gelten. Jan Assmann beweist längst das Gegenteil - wenn auch klar bleibt: Es bedarf eines großen Geistes und geradezu monumentalen Wissens, um den Bogen über Jahrtausende ins Heute zu spannen. Unabhängig davon, wie sich der wissenschaftliche Diskurs seiner Thesen im Detail entwickeln wird, ist Assmann dies in seiner Erzählung des Buches Exodus fulminant gelungen.

BUCH

Exodus

Die Revolution der Alten Welt

Von Jan Assmann. Verlag C.H. Beck 2015.

493 Seiten, geb., 40 Abb., € 24,99

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