Digital In Arbeit
Feuilleton

Die heilige AUTOBAHN

1945 1960 1980 2000 2020

"Sacro GRA": Gianfranco Rosis preisgekrönter Film über den Autobahnring um Rom kommt nun endlich auch hierzulande ins Kino.

1945 1960 1980 2000 2020

"Sacro GRA": Gianfranco Rosis preisgekrönter Film über den Autobahnring um Rom kommt nun endlich auch hierzulande ins Kino.

In seinen Dokumentarfilmen porträtiert der italienische Regisseur Gianfranco Rosi -Menschen, denen man vielleicht nie begegnen würde etwa einen Auftragskiller in "El Sicario, Room 164". Sein Film "Sacro GRA", der bei den Filmfestspielen von Venedig 2013 mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde, versammelt verschiedene Protagonisten entlang der 68 Kilometer langen Ringautobahn, die Rom umfasst. Ursprünglich konzipiert, um die Millionenbürger besser zu verbinden, hat diese Autobahn im Gegenteil große Trennlinien gezogen; eine Straße wie eine Erinnerungsschleife an den wirtschaftlichen Boom, bei dem der Einzelne auf der Strecke blieb.

DIE FURCHE: Was war das Motiv, einen Film über Roms Autobahnring zu machen?

Gianfranco Rosi: Die Arbeiten des Landschaftsarchitekten Nicolò Bassetti haben mich auf die Idee gebracht, er war am Entwurf der Sacro GRA beteiligt, und ich habe mich viel mit ihm unterhalten.

DIE FURCHE: Dieser Ring grenzt nicht Vorstädte ab, sondern ist integraler Teil von Rom?

Rosi: Ganz genau: Dies ist kein Film über "die Vorstädte", sondern die verschiedenen Menschen, die wir hier sehen -vom Superreichen bis zum Obdachlosen -, wohnen alle direkt in Rom, wenn auch diese Gebiete eine "unsichtbare Stadt" in dieser Stadt darstellen. Bestimmt kann man sagen, es ist ein Film über Menschen "am Rand", aber ich selbst sehe sie nicht so. Mich hat interessiert, wie sie sich über ihre sozialen Zugehörigkeiten hinaus in dieser Stadt bewegen.

DIE FURCHE: Diese Beobachtungsweise gibt dem Film ein starkes poetisches Element

Rosi: Das kommt daher, dass, so wie sich diese Menschen bewegen, wie sie sprechen, sich ausdrücken, sie auch diese Stadt und Gesellschaft auf eine andere Art repräsentieren.

DIE FURCHE: Durch das Kino kennt man Rom vor allem als güldene, dekadente, heilige Stadt, als Zentrum des Dolce vita: Ist Ihr Film da ein Gegenentwurf zu Paolo Sorrentinos "La Grande Bellezza"?

Rosi: Ja. Rom hat immense Probleme. Diese beiden Filme zeigen Aspekte der Stadt, die einerseits dieselben Themen ansprechen und trotzdem gegensätzlich sind. Mein Film bewegt sich zentripetal, Sorrentinos dagegen zentrifugal. Dieser Autobahnring zeigt verschiedene Alltagsszenarien, mit lebendigen, interessanten Menschen. Das Zentrum von Rom dagegen ist wie mumifiziert, mit null Persönlichkeit. Es ist ein touristisches Chaos ohne Zukunft.

DIE FURCHE: Sie zitieren im Film Fellinis "Roma", in dem die GRA auch eine Rolle spielt.

Rosi: Ich habe Fellinis Film auf DVD gesehen und mir den Off-Screen-Kommentar dazu angehört, und da sagt er einmal: "Die Autobahn wirkte wie einer der Ringe des Saturn." Das traf meinen Eindruck von dieser eigentlich fremden, irgendwie heilig entrückt wirkenden Zone sehr gut, deswegen steht das Zitat jetzt auch am Anfang meines Films.

DIE FURCHE: Wie haben Sie die Charaktere ausgewählt?

Rosi: Durch lange Recherche. Ich habe allein sechs Monate damit verbracht, die Autobahn kennenzulernen, Plätze zu finden, die mich interessierten, und Menschen, die dort wohnen. Es war mir wichtig, mit ihnen Freundschaften aufzubauen, die auch über die Dreharbeiten hinaus dauern. Ich will die Menschen kennen, damit ich weiß, wie ich die Kamera positionieren muss, damit sie sie am leichtesten vergessen. Das Schwierigste war, mir die Autobahn selbst zu eigen zu machen und einen Weg zu finden, um zu zeigen, dass sie nicht nur eine endlose Betonbahn ist, sondern wie eine Lebenslinie verläuft, die viele Abzweigungen und Geschichten birgt und jeweils eine andere Zukunft.

DIe Furche: Sie sind als Regisseur wiederholt spürbar, indem Sie etwa den Figuren Anreize liefern, über etwas zu sprechen. Fiktionalisieren Sie den Film dadurch?

rosi: Die Autobahn ist an sich schon ein narrativer Prätext. Ein Ort, der erst durch die Menschen eine Identität erhält. Ich wollte keinen Plot oder einen Anfang oder ein Ende für diesen Film, sondern er sollte wie eine instinktive Bewegung sein. Alle Figuren eint ihre Verbindung zu einer Vergangenheit, die für jeden andere Dinge bereithält. Wenn ich als Dokumentarfilmer auch diese Ebene erzählen will, muss ich die Figuren manchmal darauf hinlenken, und auch das erschließt eine Wirklichkeit. Im Gegensatz dazu bestehen viele Dokumentationen aus aneinandergereihten Beschwerden. Die Protagonisten beschweren sich über etwas, dann folgt dazu eine Erklärung, aber in meinem Film beschwert sich niemand. Das ist Absicht: Ich will nicht, dass der Zuseher auf diese Weise die Probleme erfährt. Ich mache diesen Film auch nicht, um Probleme zu lösen.

DIe Furche: Sie beginnen zuerst mit dem Ort und lassen die Geschichten sich entwickeln? rosi: Ich beginne damit, einen Ort genau anzusehen. Optimalerweise entwickelt ein Ort bei genauer Betrachtung eine mythische Qualität, an dem Punkt abstrahiere ich diesen Ort gerne. Wie eben Rom: Das Rom, das ich empfinde, ist ein Rom, das niemand mehr zu erkennen scheint. Der Ort hat sich verändert, man erkennt die Stadt nicht mehr in derselben Weise wie früher. Heute lädt Rom nicht mehr aus "sich selbst" heraus zu einer figuralen Transformation ein, in der eine universelle Bedeutung mitschwingen würde, mit der man sich verbinden könnte.

DIe Furche: Woran liegt das?

rosi: Ganz klar an kapitalistischen Interessen, aber auch an einer Gesellschaft, die sich selbst unterhöhlt und ganz im buchstäblichen, physischen Sinn nur noch damit beschäftigt ist, eine perfekte Fassade intakt zu halten. Die eigentliche Krise dieses Landes ist keine finanzielle, sondern dass das Land keine Identität mehr hat.

DIe Furche: Der Ort, die Landschaft dominiert im Film über die einzelnen Figuren. Ist sie für Sie der zentrale Protagonist?

rosi: Vor allem durch die Weise, wie diese Landschaft inszeniert ist: Den Tiber habe ich zuvor nie auf diese Weise betrachtet. Als ich den Pier von einem Fenster aus filmte, stellte ich mir ein Raumschiff vor, das dort landet. Dann musste ich den Kreis dies Autobahnrings öffnen, um ihn zu einer Art Zeitschleife zu machen. Für den Film musste ich vergessen, dass Rom eine Stadt ist, in der drei Millionen Menschen wohnen, damit ich auch selbst die wenigen Protagonisten im Film besser beobachten konnte. Darum geht es mir beim Filmemachen: Etwas sichtbar zu machen, das man nicht jeden Tag sieht.