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Die Helden der Wohnzimmer

Der Staubsauger ist der mächtigste Verbündete im Kampf gegen der Hausfrau schlimmsten Feind: den Staub.

Tornado", "Matador", "Bonzo" oder "Victor": martialische Namen lassen an muskelbepackte Superhelden, Götter und Wirbelstürme denken. Der "Hercules-Volks-Staubsauger" bekennt sich in der spießigen Aufrichtigkeit der Nachkriegszeit endlich zum profanen Zweck hinter dem antiken Götternamen, dabei ist das kleine, rote Modell mit Rädern von durchaus ansprechendem Design. Immerhin: obwohl Staubsauger, ein "Hercules" ist er doch. Zum "Vampyr", der gleich dem transsilvanischen Blutsauger versprach, alle Staubpartikel ebenso gierig zu inhalieren, gab es sogar ein Pendant in femininer Form als "Vampyrette". Wer von den beiden gefräßiger war, lässt sich im Nachhinein nicht mehr überprüfen. Schon die Einführung des neuen Haushaltsgerätes war von klingenden Namen geprägt, die sich findige Werbestrategen nicht zufällig einfallen ließen. Große Feinde lassen sich nur mit Hilfe großer Helden besiegen, der größte Feind einer Hausfrau, die auf sich hält, ist der Staub.

"Wichtig sind ferner die hygienischen Vorteile. Man ist nicht mehr den von Kehren und Teppichklopfen herrührenden Staubwolken ausgesetzt, auch nicht mehr den Spenden aus Lappen, Besen und Vorlegern, die aus den Fenstern geschüttet werden. Infizierter Staub, der bekanntlich die meisten ansteckenden Krankheiten überträgt, wird aus seinem Schlupfwinkel herausgesaugt, wo seine Tilgung bisher unmöglich war", heißt es vielversprechend in einem der ersten Begleittexte zu den neuen Wundermaschinen.

Welch unglaublichen Reichtum an gesundheitsgefährdendem Gefahrenpotential Staub in sich birgt, illustriert das Lehrbuch der Hygiene von Max Rubner 1890: "Der Straßenstaub besteht aus mehr oder weniger großen Körnchen und Splitterchen, aus denen das Pflaster, die Mauern, die Dächer bestehen. Aus Sand, trockenem Pferdemist oder sonstigem Unrat. Man findet weiter in ihm Kohleteilchen, dem Russ der Feuerungen entstammende Haare, Woll- und Baumwollfasern, zumeist durch Abnützung der Kleider entstandene Stärkezellen, Eisenteilchen, etc. in großer Fülle. Aber auch die seltensten und wertvollsten Stoffe trifft man im Straßenstaub der Städte an, selbst Gold und Silber. Die Pflanzenwelt liefert Staub, welcher Samen, Sporen, Keime und Pollen und Zerfallsprodukte enthält. Das Thierreich gibt Staub, der aus Epithel, Eiterzellen, eingetrockneten Se- und Exkreten, Partikelchen unveränderter, verwesender oder verwester Körpergewebe usw. besteht."

Bestandteile des ganzen Universums besiedeln als graue Staubschichtkolonien unsere Heime. Wie wunderbar, wenn man sich im einsamen Kampf gegen die unzähligen Partikel, die sich unermüdlich nur vermehren, auf einen mechanischen Superhelden verlassen kann. Schon der ohrenbetäubende Lärm, den Staubsauger in eingeschaltetem Zustand machen, dokumentiert die Kraft, die hier am Werk ist.

"Victor" eines der ersten Geräte, verspricht sogar noch mehr: "Victor" reinigt Bücher nicht nur von Staub, sondern auch von Bücherwürmern, wie denn die Benützung des "Victor" allgemein eine konservierende, schützende Wirkung hat", ist in der Werbebroschüre zu lesen. Wer weiß, wie viele Hausfrauen darauf hofften, Bücherwürmer in Gestalt lästiger Gatten auf diese Weise in tiefen Staubbeuteln auf lange Zeit konservieren und solchermaßen ruhigstellen zu können? Weil davon auszugehen ist, dass "Victor" in männlicher Solidarität den menschlichen Bücherwurm nicht geschluckt hat, wird die Hausfrau ihre Lektion gelernt haben: Trau der Werbung nicht!

Staubsauger sind nicht die erwartungsvoll ersehnten "Wundermaschinen", die mühelos von allem Dreck befreien. Zählten sie noch in der Nachkriegszeit zum prestigeträchtigen Statussymbol, das jede staubsaugerlose Nachbarin vor Neid erblassen ließ, sind sie inzwischen längst zum Alltagsgegenstand geworden. Was sich bei mir folgendermaßen auswirkt: der Staubsauger ruht im Besenschrank, und der Staub frönt ungehemmt dem Wachstum.

Eines jedenfalls weiß ich sicher: Stauballergie hab ich keine, und Wundermaschine auch nicht. Die Kraft meines elektrischen Staubsaugergottes reicht nur so weit, wie das Kabel ihn lässt, und das ist immer zu kurz. Wenn ich ihn nicht aus seinem Gefängnis des Besenschrankes befreie, mit Strom versorge und hinter mir herziehe, ist mein Staubsauger machtlos. Ich harre noch immer der Erfindung der Wundermaschine, die mich vom Staub befreit. Inzwischen ist meine Immunität gegen die Stauballergie das einzige diesbezügliche Wunder, und das lässt sich ganz leicht erreichen: durch konsequentes Nicht-Saugen.

Tipp

Die Ausstellung "Wunschmaschine Staubsauger" im Technischen Museum Wien beleuchtet technik-, medizin-, sozial- und kulturhistorische Aspekte der häuslichen Staubentfernung.

Bis 6. Oktober

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