Digital In Arbeit

Die Himalaya-Schule Des Everest-Sherpas

Wenn das alles hier vorbei ist, seid ihr bessere Menschen", verspricht der Direktor mit einem Lächeln, dem man nicht ganz traut. "Doch bis dahin ist es ein weiter Weg", setzt er nach, und der Grinser wächst. Disziplin, Einheit, Kooperation schreit die Fahne auf seinem Rednerpult in Großbuchstaben. Wer sich nicht daran hält, fliegt aus dem Kurs. Wer unpünktlich ist, Befehle missachtet, beim Rauchen oder Trinken erwischt wird, ebenso. "Verstanden, Kurs?", brüllt der Direktor. "Yes, Sir!" schreit der Kurs zurück.

Der Kurs, das sind diesmal 51 Männer und 15 Frauen zwischen 18 und 40 Jahren. In der Besserungsanstalt wollen sie Bergsteigen lernen. Aus allen Teilen Indiens sind sie in die Teestadt Darjeeling gekommen. Sie haben ihren Job gekündigt oder ihr Studium unterbrochen, um sich in 28 Tagen zu Bergsteigern ausbilden zu lassen. Am prestigeträchtigen Himalayan Mountaineering Institute aus dem Nachlass von Tenzing Norgay. Auch wir wollen von ihm etwas lernen.

Disziplin ohne Widerspruch

Als Tenzing Norgay 1953 von der Everest-Erstbesteigung nach Indien zurückkehrte, war er ein Nationalheld. "Der Lockruf des Himalaya erreicht nun junge Menschen in ganz Indien", jubelte Jawaharla Nehru, Indiens erster Premierminister, und gründete ein Institut, das Bergsteigen zu einem organisierten Sport machen sollte. Er versprach Tenzing Norgay einen Job auf Lebenszeit, schickte ihn in die Schweiz, um sich Unterstützung für den Lehrplan zu holen, und eröffnete im Herbst 1954 stolz das Himalayan Mountaineering Institute.

Tenzing wurde zum Direktor der Geländeausbildung, und nach seinem Lehrplan wird noch heute, 18 Jahre nach seinem Tod, unterrichtet. Sechs Mal im Jahr findet am Institut ein Basis-Kurs statt, der immer gleich abläuft: Eine dreitägige Wanderung durch die Bergwelt von Sikkim führt zum Basecamp auf 4500 Meter. Dort, mitten im Kangchendzonga-Massiv, gibt's zwei Wochen Gletschertraining unter dem dritthöchsten Berg der Welt. Doch bevor es in die Berge geht, müssen wir ein einwöchiges Trockentraining in Darjeeling absolvieren: Tagwache um 5 Uhr, gemeinsamer Morgensport, Material-und Knotenkunde oder Klettern am "Tenzing Rock".

Nach dem Mittagessen dann Theoriestunden -ebenfalls mit Lehrplan aus dem vorigen Jahrhundert. Der Ausbilder der "Himalaya"-Klasse liest Namen der höchsten Gipfel der Welt vor, dann ihre Erstbesteiger. Herbert Tichy und Sepp Jöchler aus "Australia" sollen die ersten Menschen auf dem Gipfel des Cho

Oyu gewesen sein. Auch Kurt Diembacher und Hermann Buhl werden bei ihm zu australischen Expeditionsleitern. Unser österreichischer Widerspruch ist zwecklos. Und: Wer Befehle missachtet, fliegt. "Gibt es Zweifel, Kurs?", brüllt der Ausbildner am Ende. "No, Sir!", schreit der Kurs zurück.

Einheit rund um die Uhr

Einheit, die zweite Säule der Ausbildung, wird rund um die Uhr praktiziert: Wir schlafen in Achtbettzimmern, essen auf Glockensignal im Speisesaal und waschen uns sogar gleichzeitig, weil es nur einmal am Tag Fließwasser gibt. "Ich habe meinen Eltern am Telefon gesagt, dass ich nicht weiß, wie lange ich es hier aushalte", gesteht die 30-jährige Aashna aus Delhi am dritten Tag. Sie hat - im Gegensatz zu vielen anderen -schon etwas Bergerfahrung, war in Nepal und Ladakh trekken. Beim Sportprogramm hält sie gut mit. "Aber rund um die Uhr mit so vielen Leuten zusammen zu sein, das ist hart für mich".

Denn die Gruppe ist sehr heterogen. Sieben junge Mädchen aus Kalkutta, die gerade erst maturiert haben, hoffen auf ein lustiges Feriencamp. Nicholas, ein 26-jähriger Schönling aus Bangalore, macht den Kurs, um den Everest zu besteigen. Im Mai 2017 möchte er oben stehen. Sajid, ein Jungunternehmer aus Mumbai, träumt vom Eiger. Ein Geografielehrer will fit werden für Exkursionen mit seinen Schülern, eine Softwareentwicklerin aus Bangalore hat sich eine Auszeit von ihrem Job genommen, um Grenzerfahrungen zu machen. Junge Burschen aus der Umgebung von Darjeeling spekulieren darauf, später als Bergführer zu arbeiten. Wir zwei Österreicher wollen den Himalaya möglichst authentisch kennen lernen. Ein paar indische Soldaten wurden von ihren Einheiten geschickt. Sie kommen mit dem militärischen Führungsstil am besten zurecht.

"Mein Name ist Pawell Sharma, ich war der erste Inder am Gipfel des Makalu und habe am Everest zwei Finger verloren", stellt sich ein Ausbildner vor und streckt seine verletzte Hand in die Luft. Der Kurs raunt ehrfürchtig. Zwei Expeditionen schickte das Institut in den letzten Jahren auf den Mount Everest, eine davon bestand aus Kursabsolventen. "Wir trainieren hier Aspekte der Persönlichkeit, die ihr in der beschützten Umgebung zu Hause nicht lernen könnt", sagt Pawell Sharma. Zweifel?"No, Sir!" Die Mädchen aus Kalkutta weinen abends im Bett.

Trotzdem quälen sie sich eine Woche später in der langen Trekker-Karawane unter den schweren Rucksäcken den Berg hinauf. Selbst Tanya, die von Beginn an Knieprobleme hatte, und nicht länger als fünf Minuten in der Ebene laufen konnte, kommt mit. So streng die Ausbildner sich geben, so groß ist auch ihr Ehrgeiz, möglichst jeden ins Basecamp zu bringen. Das rächt sich später: Insgesamt 18 Teilnehmer müssen den Kurs vorzeitig abbrechen. Aus Erschöpfung oder Höhenkrankheit, mit Entzündungen oder Erfrierungen steigen sie ab. Die Enttäuschung ist groß. "Vielleicht sollten wir besser auswählen, wer mitkommt, aber bei dem schmalen Budget ist das nicht möglich", gesteht ein Ausbildner in einer ruhigen Minute, in der er darauf verzichtet, "Sir" genannt zu werden.

Strenge im Tal, Milde am Berg

Wer durchhält, verbringt fast zwei Wochen im Basecamp, einem kleinen Dorf in den Bergen. In mehreren Baracken haben über hundert Menschen Platz, es gibt eine Essenshütte und sogar eine Toilette für die Frauen. Der bescheidene Komfort tröstet nur kurz über die vielen Kämpfe, die es auszufechten gibt. Mit der Kälte, mit Langeweile, mit sich selbst. Das Wetter erlaubt nur an vier Tagen Gletschertraining, die restliche Zeit verbringen wir in den Holzbaracken. "Es ist eiskalt und es gibt nichts zu tun, das macht mich total fertig", klagt Sajid, der Jungunternehmer, der sich sonst immer um gute Laune bemüht. Er weiß, dass es jetzt um mentale Stärke geht, versucht mit Gedanken an Tenzing Norgay die Moral hochzuhalten. Und es gelingt ihm.

Als das Wetter aufreißt, und sich die Fitteren in den frühen Morgenstunden auf zum 5400 Meter hohen B. C. Roy-Peak machen, ist er dabei. Auf den letzten Metern zieht er sogar Aashna, die den Kurs doch nicht abgebrochen hat, mit. Zurück im Basecamp bricht sie in Tränen aus. Aus Stolz, Erleichterung, und auch Ärger. Denn mehr als die Hälfte der Gruppe bleibt lieber im Camp, als am Training teilzunehmen. Die Mädchen aus Kalkutta verbringen die Tage plaudernd im Schlafsack, sie genießen ihr Ferienlager.

"Am Ende bekommen sie auch ein Zertifikat, obwohl sie kein einziges Mal am Gletscher und schon gar nicht am Gipfel waren", schäumt Aashna. Die Strenge haben die Ausbildner in Darjeeling gelassen.

Die letzten Tage vergehen schnell. Zurück in Darjeeling gibt es einen Kletter-Wettbewerb, einen Hürdenlauf und einen theoretischen Test. Aashna wird zur besten Schülerin gekürt, Nicholas, der Everest-Aspirant, zum besten technischen Kletterer. Alle, die die vollen 28 Tage durchgehalten haben, bekommen ein Zertifikat und einen kleinen Eispickel zum Anstecken. Die Freude ist groß, vor allem darüber, dass es jetzt vorbei ist. Auch darüber, dass sie als Absolventen jetzt bessere Menschen sind?"Natürlich", strahlt Aashna: "Ich war da oben mit der puren Wahrheit über mich selbst konfrontiert." Nicholas meldet sich gleich für den Fortgeschrittenenkurs an. Für ihn ist der Mount Everest gerade ein bisschen geschrumpft.

FURCHE-Navigator Vorschau