Kinderschuh - © Foto: Pixabay
Feuilleton

Die Kinder von Wien

1945 1960 1980 2000 2020

Ilse Aichingers Anfänge und die Situation der österreichischen Literatur 1945.

1945 1960 1980 2000 2020

Ilse Aichingers Anfänge und die Situation der österreichischen Literatur 1945.

Es begann mit Ilse Aichinger" (Hans Weigel) - dieser Satz scheint leitmotivisch alle Erörterungen über den Neubeginn in der Literatur nach 1945 in Österreich zu durchziehen, und mit dem hier abgedruckten Text dieser Autorin befinden wir uns am Anfang des Anfangs: Ein Hymnus auf die Befreiung von der Naziherrschaft und auf den Ort, der ein bedrohtes, aber beinahe idyllisches Asyl gewährte, das Ursulinenkloster in der Wiener Innenstadt. Der Klosterturm wird zum Garanten der Sicherheit, ein geheimes Wissen, das die Kinder bewahren, und dann findet sich ein Satz, der auch später das poetische Prinzip der Autorin zu bestimmen scheint, nämlich die Einsicht, "dass die verschwiegensten Dinge die mächtigsten sind". Der Text mündet in einem Lob Österreichs, das nun auch vorgebracht werden und nicht nur ein "leises Summen" sein darf.

Lob Österreichs und ...

Dieses patriotische Bekenntnis ist keineswegs atypisch für die Zeit unmittelbar nach Kriegsende. Ähnliches findet sich in einem Text des keineswegs linientreuen Kommunisten Ernst Fischer mit dem Titel "Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters", worin einem sich positiv von dem deutschen abhebenden österreichischen Nationalgefühl das Wort geredet wurde. Einem kritischen Patriotismus war auch die von Otto Basil herausgegeben Zeitschrift Plan (1945-1948) verpflichtet, das wichtigste literarische Dokument der Nachkriegszeit, in dem nicht nur ein breites Spektrum literarischer Verfahrensweisen und philosophischer Anregungen geboten wurde, sondern auch der im Nationalsozialismus verschütteten literarischen Moderne Raum gegeben wurde. So konnte man Zugänge zu Kafka und Camus, zu Brecht und Sartre, zu Valéry und Tristan Tzara erhalten. Aber auch der jungen Generation wurde im Juniheft 1946 Platz eingeräumt, und so findet sich dort neben einer Erzählung von Milo Dor und Gedichten von Paul Celan auch der kurze, nur eine Seite lange Text Ilse Aichingers, dessen Titel für ihre Generation zur Devise werden sollte: "Aufruf zum Misstrauen". Dessen Tenor ist ein anderer als der in der hier gebotenen Erzählung: Die fundamentale Skepsis richtet sich weniger gegen die politischen Mächte, sondern gegen das Individuum selbst: "Werden wir misstrauisch gegen uns selbst, um vertrauenswürdiger zu sein!"

... Aufruf zum Misstrauen

Man geht auf Distanz zu den Konventionen, zu den tradierten literarischen Praktiken, und das behagliche Erzählen ist unmöglich geworden: Es sei, heißt es an anderer Stelle bei Ilse Aichinger, ein "Reden unter dem Galgen". So verständlich das Bedürfnis nach einer Rückkehr in einen geregelten Alltag war, so wenig ließ sich die junge Generation von einer fragwürdigen Restauration blenden, so ganz im Gegensatz zu der Losung, die Alexander Lernet-Holenia 1945 ausgegeben hatte: Man müsse nur dort fortsetzen, wo "uns die Träume eines Irren unterbrochen haben".

Dass die Jüngeren von anderen Voraussetzungen ausgingen und andere Akzente setzten, wird im Werk Ilse Aichinger manifest, sowohl im Positiven wie im Negativen. Befinden sich im kurzen Furche-Text die "Kinder von Wien" im Schutze des Glockenturms von St. Ursula, so zeigt sie deren gefährdetes Leben im Roman "Die größere Hoffnung" (1948). Solche Ambivalenzen prägen diese Jahre, und darüber nachzudenken ist lohnend, nicht nur für Literaturhistoriker.

Der Autor ist Professor für Germanistik an der Uni Wien.

Es begann mit Ilse Aichinger" (Hans Weigel) - dieser Satz scheint leitmotivisch alle Erörterungen über den Neubeginn in der Literatur nach 1945 in Österreich zu durchziehen, und mit dem hier abgedruckten Text dieser Autorin befinden wir uns am Anfang des Anfangs: Ein Hymnus auf die Befreiung von der Naziherrschaft und auf den Ort, der ein bedrohtes, aber beinahe idyllisches Asyl gewährte, das Ursulinenkloster in der Wiener Innenstadt. Der Klosterturm wird zum Garanten der Sicherheit, ein geheimes Wissen, das die Kinder bewahren, und dann findet sich ein Satz, der auch später das poetische Prinzip der Autorin zu bestimmen scheint, nämlich die Einsicht, "dass die verschwiegensten Dinge die mächtigsten sind". Der Text mündet in einem Lob Österreichs, das nun auch vorgebracht werden und nicht nur ein "leises Summen" sein darf.

Lob Österreichs und ...

Dieses patriotische Bekenntnis ist keineswegs atypisch für die Zeit unmittelbar nach Kriegsende. Ähnliches findet sich in einem Text des keineswegs linientreuen Kommunisten Ernst Fischer mit dem Titel "Die Entstehung des österreichischen Volkscharakters", worin einem sich positiv von dem deutschen abhebenden österreichischen Nationalgefühl das Wort geredet wurde. Einem kritischen Patriotismus war auch die von Otto Basil herausgegeben Zeitschrift Plan (1945-1948) verpflichtet, das wichtigste literarische Dokument der Nachkriegszeit, in dem nicht nur ein breites Spektrum literarischer Verfahrensweisen und philosophischer Anregungen geboten wurde, sondern auch der im Nationalsozialismus verschütteten literarischen Moderne Raum gegeben wurde. So konnte man Zugänge zu Kafka und Camus, zu Brecht und Sartre, zu Valéry und Tristan Tzara erhalten. Aber auch der jungen Generation wurde im Juniheft 1946 Platz eingeräumt, und so findet sich dort neben einer Erzählung von Milo Dor und Gedichten von Paul Celan auch der kurze, nur eine Seite lange Text Ilse Aichingers, dessen Titel für ihre Generation zur Devise werden sollte: "Aufruf zum Misstrauen". Dessen Tenor ist ein anderer als der in der hier gebotenen Erzählung: Die fundamentale Skepsis richtet sich weniger gegen die politischen Mächte, sondern gegen das Individuum selbst: "Werden wir misstrauisch gegen uns selbst, um vertrauenswürdiger zu sein!"

... Aufruf zum Misstrauen

Man geht auf Distanz zu den Konventionen, zu den tradierten literarischen Praktiken, und das behagliche Erzählen ist unmöglich geworden: Es sei, heißt es an anderer Stelle bei Ilse Aichinger, ein "Reden unter dem Galgen". So verständlich das Bedürfnis nach einer Rückkehr in einen geregelten Alltag war, so wenig ließ sich die junge Generation von einer fragwürdigen Restauration blenden, so ganz im Gegensatz zu der Losung, die Alexander Lernet-Holenia 1945 ausgegeben hatte: Man müsse nur dort fortsetzen, wo "uns die Träume eines Irren unterbrochen haben".

Dass die Jüngeren von anderen Voraussetzungen ausgingen und andere Akzente setzten, wird im Werk Ilse Aichinger manifest, sowohl im Positiven wie im Negativen. Befinden sich im kurzen Furche-Text die "Kinder von Wien" im Schutze des Glockenturms von St. Ursula, so zeigt sie deren gefährdetes Leben im Roman "Die größere Hoffnung" (1948). Solche Ambivalenzen prägen diese Jahre, und darüber nachzudenken ist lohnend, nicht nur für Literaturhistoriker.

Der Autor ist Professor für Germanistik an der Uni Wien.

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