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Die Klasse der Zukunft

Mit Schritten in die richtige Richtung will Ministerin Claudia Schmied den Reformstau im Schulwesen beenden, doch flankierende Maßnahmen fehlen.

Zugegeben, Krisenzeiten sind nicht optimal für Bildungsreformen. Wenn Hunderttausende um ihre Jobs zittern und ebenso viele in die Kurzarbeit gezwungen werden, steht kaum jemand der Sinn nach subtilen Überlegungen zur "Individualisierung des Unterrichts" oder zur Integration von Behinderten und Migrantenkindern. Umso beachtlicher, wenn die Bundesregierung gerade jetzt gebetsmühlenartig wiederholt, dass das ökonomische Schicksal unseres Landes in den Klassenzimmern entschieden wird. Nur: Was geschieht neben diesen schönen Worten tatsächlich?

Zunächst einmal will die Regierung 600 Millionen Euro in die Hand nehmen, um damit Schulen zu sanieren. Als bildungspolitisches Konjunkturprogramm. Das klingt gut. Aber reicht es auch für unsere 1,2 Millionen Schüler?

Soeben hat das Bundesland Hessen mit seinen 750.000 Schülern mitgeteilt, dass es ein Schulsanierungsprogramm im Umfang von 1,9 Milliarden Euro aufgelegt hat. Das ist mehr als das Dreifache des österreichischen - für eine um ein Drittel geringere Schülerpopulation. Dazu kommen noch 12 Milliarden Euro für Bildungsinvestitionen von der deutschen Bundesregierung. Schon hier liegt der Verdacht nahe, dass wir wieder einmal kleckern, anstatt zu klotzen.

Aber auch im internen Vergleich beweist die österreichische Regierung einmal mehr, was sie von Bildung und Bildungsreform hält - nämlich herzlich wenig. Acht Milliarden Euro macht man für Konjunkturprogramme locker - ganze 600 Millionen davon für die Schulen. Das sind 7,5% - Peanuts.

Unsinn, der viel Geld kostet

Dabei gäbe es so viel zu tun. Wie Deutschland hinkt auch Österreich bei den ganztägigen Kindergarten- und Schulformen hinten nach. Wir würden dringend mehr Zeit brauchen in der Schule, für das Wiederholen und Vertiefen, aber auch für mehr Sport und Musik, Naturwissenschaften und Theateraufführungen. Das Musikland Österreich leistet sich 1 Musikstunde pro Woche, das Sportland Österreich 2 Turnstunden - eine Schande. In den Naturwissenschaften liegen wir international weit abgeschlagen. 40.000 Sitzenbleiber pro Jahr sind nicht nur Weltrekord, sondern ein blühender Unsinn, der uns allein 280 Millionen Euro kostet. Dazu kommen 140 Millionen für Nachhilfestunden - ein Phänomen, das in diesem Umfang ebenfalls einmalig ist.

Dazu muss man wissen, dass Österreich pro Schüler 10.700 Dollar im Jahr ausgibt - um 3300 Dollar mehr als der Durchschnitt der OECD-Länder. Nur verschlingt die Verwaltung der Schulen bereits einen Löwenanteil dieser Summe, weil wir uns von den theresianischen Strukturen unserer monströsen Verwaltung nicht trennen können. Diese Verwaltung ist nicht nur sauteuer, hochbürokratisch und total veraltet, sondern in jeder Hinsicht kontraproduktiv:

Ihre ständigen Eingriffe in viele Details des Schulbetriebs verhindern die Entwicklung jeder Form von Verantwortung der Schulen für ihre Schüler. Autonomie ist an Österreichs Schulen nach wie vor ein Fremdwort. Und dennoch gibt es keine Anzeichen für die höchst notwendige bildungspolitische Staatsreform.

Dazu kommt, dass Österreichs Lehrer immer noch keinen Arbeitsplatz in der Schule haben. Wie übrigens auch in Deutschland nicht. Nur dass dort die Bildungsministerin jetzt 100.000 Euro pro Schule aufwendet, um überall im Land solche Lehrer- Arbeitsplätze zu schaffen. In Österreich rührt sich dagegen nichts.

Jahrzehnte hindurch wurde bei uns die Mär verkündet, dass wir eines der besten Schulsysteme der Welt haben. Ein typischer Selbstrenner. Kaum kamen freilich die ersten internationalen Vergleichstests, war die Mär zu Ende. Österreichs Schüler schneiden dort bestenfalls durchschnittlich ab, obwohl wir überdurchschnittlich viel Geld für sie aufwenden.

Schlechte Schüler haben kaum Zukunft

Aber was noch viel schlimmer ist, sind die vielen ganz schlechten Schüler. 10% der einheimischen Schüler und sogar 30% der Migrantenkinder gehen ohne Abschluss von den Schulen ab. Das sind die geborenen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger.

Dazu kommen weitere 30% sogenannte "Risikoschüler", die in jedem der getesteten Fächer miserabel abschneiden. Zum Vergleich: In Deutschland sind das 20%, in Finnland gar nur 4%. Nimmt man noch dazu, dass bei uns 21% der 15-Jährigen nicht sinnerfassend lesen können, und dass wir mit Deutschland die einzigen Länder der Welt sind, in denen - mangels irgendwelcher ernsthafter Integrationsbemühungen für Migrantenkinder - die zweite und dritte Generation der Einwanderer schulisch schlechter abschneiden als die erste Generation - dann bekommt man eine Ahnung vom ganzen Ausmaß der österreichischen Schulmisere. Über 60 Jahre Reformuntätigkeit wegen gegenseitiger ideologischer Blockierung - sieht man von ein bisschen Kosmetik ab - rächen sich eben.

Vor allem auch in der entscheidenden Frage der sozialen Gerechtigkeit. Durch die viel zu frühe Selektion mit zehn Jahren in Deutschland und Österreich, die ohne sachliche Begründung hauptsächlich nach Stand und Prestige erfolgt, werden Bildungsqualifikationen vererbt, statt erworben, und Tausende von Talenten jährlich brach liegen gelassen. Das geschieht so extrem nur noch in diesen beiden Ländern. Die ideologischen Hahnenkämpfe gehen hier eindeutig zu Lasten der unteren sozialen Schichten.

Entscheidende Paradigmenwechsel

Der Modellversuch "Neue Mittelschule" der Frau Ministerin Schmied zielt daher in die richtige Richtung. Zumal er keineswegs nur ein Strukturversuch ist, sondern mehrere entscheidende inhaltliche Paradigmenwechsel bringt. Es wird auf kreative Vielfalt gesetzt statt auf Segregation und Ausschließung, und es werden alle Anlagen, Talente und Interessen aller Schüler bis an die Grenzen ihrer Leistungsfähigkeit gefördert. Das sind ganz entscheidende Fortschritte gegenüber dem jetzigen System.

Nur fehlen auch hier noch sämtliche flankierenden Maßnahmen. Beginnend bei der gemeinsamen Ausbildung aller Kindergärtner und Lehrer an den Universitäten über ein gemeinsames Dienstrecht bis hin zu einer strengen Auswahl der pädagogischen Kandidaten. Nur wer Kinder mag, wird ein guter Lehrer. Und dieses "mögen" kann man nicht lernen.

Hinter so viel notwendiger Überwindung von jahrhundertelangem Reformstau müsste freilich die ganze Regierung stehen. Das ist gegenwärtig nicht der Fall. Wenn es um mehr als Sprüche geht, nämlich um Taten, sind die bildungspolitischen Leistungen dieser Regierung alles andere als eindrucksvoll.

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