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Die knisternde Kopfarbeit

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Das "Vienna Humanities Festival" zelebriert die jahrtausendealte Erotik der Geisteswissenschaft. Über Glanz und Elend einer bedrohten Spezies.

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Das "Vienna Humanities Festival" zelebriert die jahrtausendealte Erotik der Geisteswissenschaft. Über Glanz und Elend einer bedrohten Spezies.

Wissenschafter und Künstler, Politiker und Manager stellen sich der Debatte: Als viertägiger urbaner Salon ist das "Vienna Humanties Festival" (27.9.-30.9.) rund um den Karlsplatz konzipiert, und die "großen Fragen unserer Zeit" sollen dort auf die Agenda. Das übergeordnete Thema: "Macht und Ohnmacht", die Schwerpunkte: die Krise der Demokratie, das Erstarken fundamentalistischer Kräfte, die Suche nach Auswegen. Der US-Historiker Timothy Snyder eröffnet das Festival mit der Präsentation seines neuen Buches "Der Weg in die Unfreiheit: Russland -Europa -Amerika"(C. H. Beck, 2018), die belgische Politikwissenschafterin Chantal Mouffe erörtert die Strategie eines linken Populismus und Michael Ignatieff, Rektor der "Central European University"(CEU) in Budapest, spricht über die bedrohte akademische Freiheit in Ungarn. Im Gedenk-und Erinnerungsjahr 2018 stehen freilich auch österreichische Geschichte und Gegenwart auf dem Programm: Zeithistoriker etwa werfen Licht auf die letzten hundert Jahre -und behandeln jedes Jahrzehnt in einer eigenen Veranstaltung.

Im Zeitalter des Algorithmus

International und interdisziplinär, mit politischem Bewusstsein und im Dialog mit der Gesellschaft: Das "Vienna Humanities Festival" ist ein kräftiges Lebenszeichen der Geistes-und Kulturwissenschaften. Die Veranstaltung zeigt, wie relevant deren Beiträge für den öffentlichen Diskurs und für das Verständnis unserer komplexen Gegenwart sein können. Das ist heute gar nicht so selbstverständlich. Denn wer sich mit Geschichte, Philologie oder Philosophie beschäftigt, ist rasch dem Vorwurf ausgesetzt, im Elfenbeinturm zu sitzen und einer lebensfernen Kunst zu frönen. Schon gar, wenn man sich einem "Orchideenfach" wie etwa der Tibetologie oder Byzantinistik zuwendet. Auf dem Arbeitsmarkt haben es die Absolventen wirtschaftsferner Studien nicht gerade leicht. Und in einer Zeit rasanter technischer Innovationen und einer zunehmend ökonomisierten Lebenswelt sind die Geisteswissenschaften zuletzt überhaupt in Bedrängnis geraten.

"An vielen Universitäten quer durch die USA leiden diese Fächer unter geringen Einschreibungen und mangelnder finanzieller Unterstützung", schrieb kürzlich Ronald J. Daniels, Präsident der Johns-Hopkins-Universität, in der Washington Post. "Die Zahl der Studienangebote und der Fakultätsmitglieder ist im Schwinden. Bei amerikanischen Rektorentreffen gelten die Geisteswissenschaften oft schon als 'fragile Disziplinen'." Daniels hatte am Uni-Campus zufällig einem Gespräch von ein paar Studierenden gelauscht. Einer der jungen Männer hatte sich entschieden, entgegen seinem Interesse doch nicht an einem Philosophie-Seminar teilzunehmen. Er wählte stattdessen einen "praktischen" Kurs -ginge es doch letztlich darum, einen guten Job zu finden. Uni-Präsident Daniels sah sich veranlasst, ein flammendes Plädoyer für die "unpraktischen" Geisteswissenschaften zu verfassen. Und viele seiner Argumente treffen tatsächlich ins Schwarze.

Eine wichtige Funktion der höheren Bildung ist auch heute noch die Einladung, an jahrtausendealten Debatten teilzunehmen, für die gerade Philosophie, Literatur, Geschichte und politische Theorie unabdingbares Rüstzeug sind: Was heißt zum Beispiel Gerechtigkeit? Wo liegen die Grenzen der Demokratie? Was bedeutet es, lebendig zu sein? Daniels ist überzeugt, dass in einer Zeit zunehmender Automatisierung gerade jene Fähigkeiten gefragt sind, die man an geisteswissenschaftlichen Fakultäten trainiert: Kreativität, Imagination, Urteilskraft und Verständnisvermögen ("Nur was der Geist geschaffen hat, versteht er", so Wilhelm Dilthey, eine Galionsfigur der Geisteswissenschaften). Die Gründer von Tech-Firmen wie LinkedIn, Slack und Flickr sind Absolventen der "Humanities", die ihren Erfolg rückblickend auf eben dieses Training zurückführen. Dass Lektionen aus Literatur, Geschichte und Philosophie dazu beitragen können, aktuelle Herausforderungen in der Geschäftswelt zu lösen, hat der Unternehmensberater Christian Madsbjerg in seinem Buch "The Power of the Humanities in the Age of the Algorithm"(Hachette, 2017) detailliert dargestellt.

Kunst des Lebens

Und dann wäre da noch die Frage nach dem guten Leben, die seit der Antike die ureigenste Kompetenz der Geisteswissenschaften ist. Der Wert von kritischem Denken, Empathie und Toleranz wird nämlich erst dann richtig deutlich, wenn man selbst von den Wellen des Lebens durchgebeutelt wird. Versuchen, andere und sich selbst zu verstehen, sowie der Frage nachzugehen, wie man sein Leben führen sollte, ist ein existenzielles Projekt, das schon Platon vordringlichst empfohlen hat. Philosophisch gesehen ist Erfolg kein Selbstzweck, aber Selbstreflexion und Kritikfähigkeit gelten heute als Rezept für ein erfolgreiches Leben.

Doch diese Orientierung am Wesentlichen kommt so manchem Forscher mitunter selbst abhanden. Es reicht ein Blick in das Programm eines bekannten Fachverlags, um Glanz und Elend der Geisteswissenschaften intuitiv zu erfassen: Im transcript-Verlag finden sich immer wieder großartige Neuerscheinungen, die u. a. technische Entwicklungen wie Smartphones, das "Internet der Dinge" oder "Machine Learning" originär reflektieren. Andere Buchtitel jedoch vermitteln bereits in ihrer Aufmachung genau jenes Bild vom Elfenbeinturm, das Geisteswissenschafter tunlichst vermeiden sollten. Das liegt nicht unbedingt an der Themenwahl, sondern am hartnäckigen Irrglauben, nur durch intellektuelle Überreiztheit wirken zu können. Wenn jedoch sprachliche Distinktion vor allem im Gestus der Abgrenzung und Überlegenheit zum Einsatz kommt, tragen Geisteswissenschafter dazu bei, ihr eigenes Grab zu schaufeln.

Mysterium des Menschseins

Keine andere Spezies von Forschern ist dazu fähig, so tiefe Einblicke in das Mysterium des Menschseins zu vermitteln. Der französische Philosoph Michel Foucault etwa erarbeitete eine "Geschichte der Sexualität", die völlig neue Sichtweisen eröffnet hat. Wer das Werk liest, spürt das intellektuelle -vielleicht gar sapiosexuelle -Knistern auf jeder Seite. Geisteswissenschafter sind aber auch dazu fähig, Überlegungen wie die folgenden zum Besten zu geben: "Sex ist im Gespräch, Sex sells, Sex findet statt -und man weiß, dass er stattfindet ( ). Genauer betrachtet, lässt sich das erotische Zusammenspiel von Alter und Ego sogar als paradigmatischer Ausdruck sozialen Handelns begreifen. Geht es um Sex in einer nicht nur diskursiven, sondern wahrhaft handgreiflichen Form, so agieren diese beiden über ihre Körper mit-und füreinander. Sie richten, mit Max Weber formuliert, je für sich, ihr Handeln an dem Verhalten des/der anderen aus und orientieren sich daran." Im schlimmsten Fall, so scheint es, vermögen Geisteswissenschafter nur noch sich selbst intellektuelle Befriedigung zu verschaffen.

Vielleicht hilft der Blick über die eigenen Grenzen hinaus: Das Anliegen, Wissenschaft klar zu kommunizieren, dürfte im angloamerikanischen Raum stärker ausgeprägt sein als in der deutschsprachigen Tradition. Vielleicht auch gilt es, das Verhältnis von Theorie und Praxis zu überdenken: "Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht", hat bereits der Psychologe Kurt Lewin postuliert. Vor allem an den kritischen Nahtstellen von Theorie und Praxis liegt heute der unumstößliche Wert der Geisteswissenschaften. Oder mit Lewin gesagt: "Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie."

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