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Die Kollegialität steht immer noch aus

Der Papst-Rücktritt zeigt, dass Kirchenleitung für einen Einzelnen zu schwer ist. Deswegen plädierte Kardinal König († 2004) für dezentralere Führung.

V om Augenblick seines Bekanntwerdens an füllte der Rücktritt des Papstes ausnahmslos die vorderen Seiten der Zeitungen. In fast allen Radio- und TV-Programmen unterbrach die Nachricht als sogenannte "Breaking news“, als Eilmeldung von hoher Relevanz, das reguläre Programm. Das beobachtend, konnte man feststellen: jenseits von üblicher Sensationsgier ist ein Papst offenbar doch immer noch ein glaubwürdiger Hoffnungsträger unserer Zeit, auf den viele, wenn auch manchmal leise murrend, ihre Aufmerksamkeit richten.

In den vielen Kommentaren der folgenden Tage geht mir aber eine Überlegung ab: ist die Last der Verantwortung für eine Kirche, die im Verlauf des 20. Jahrhunderts zur "Weltkirche“ geworden ist, für die Schultern eines einzigen Menschen nicht auf Dauer zu schwer?

Das Zweite Vatikanische Konzil hat sich in der Kirchenkonstitution "Lumen Gentium“ vorsichtig, aber ausführlich mit dem sensiblen Thema der hierarchischen Verfassung der Kirche befasst und dabei wiederholt vom weltweiten Kollegium der Bischöfe gesprochen, das "nur in Gemeinschaft“ mit dem Bischof von Rom Autorität ausüben kann. Die Frage ist: Wurde und wird diese "Autorität in Gemeinschaft“ auch ausgeübt? Gibt es ehrliche und furchtlose Kollegialität in der Kirche, in Erinnerung an das Apostelkollegium?

Papstamt gemeinsam mit Bischöfen

Kardinal König hat bis zu seinem Tod unermüdlich immer wieder das Prinzip der Kollegialität eingemahnt, die - auf dem Konzil angedacht und in der Zeit danach immer wieder eingefordert - seiner Meinung nach bis auf den heutigen Tag nicht eingelöst wurde. Der Kardinal war der festen Überzeugung, dass eine Weltkirche des 21. Jahrhunderts nicht mehr auf eine derart zentralistische Weise geführt werden kann, wie dies immer noch der Fall ist. Oft hat er hingewiesen auf das weithin vergessene und nur wenig bekannt gewordene Rundschreiben Johannes Pauls II. "Ut unum sint“ aus 1995, worin dieser bereits wiederholt deutlich an die notwendige Verbindung des Petrusamtes mit dem Kollegium der Bischöfe erinnert hatte.

In einem Beitrag zur Festschrift "150 Jahre Österreichische Bischofskonferenz“ im Jahr 1999 stellte Kardinal König daher fest: die Kirche, die im 20. Jahrhundert in der Tat "Weltkirche“ geworden ist, könne nicht mehr auf eine derart zentralistische Weise geführt werden, wie dies mehr oder weniger immer noch der Fall ist.

Kaum jemand hat je aus dem Mund Kardinal Königs öffentliche Kritik an Rom gehört. Als Leiter des im Gefolge des Konzils gegründeten Sekretariates für die Nichtglaubenden durch 15 Jahre kannte er die vatikanischen Behörden aus eigener Erfahrung und nahm sie auch gegen überzogene Kritik in Schutz. Allerdings war er mit dem Konzil der Meinung, dass diese Behörden, die zwar dem Papst und den Hirten der Kirche eine vorzügliche Hilfe geleistet haben, (dennoch) eine neue Ordnung erhalten (sollten), die den Erfordernissen der Zeit … stärker angepasst ist, besonders, was ihre Zahl, Bezeichnung, Zuständigkeit, Verfahrensweise und Koordinierung ihrer Arbeit angeht.

Gegen Ende seines Lebens hat König dann einige Male doch deutliche Sorge über verschiedene Gepflogenheiten der römischen Zentrale laut werden lassen. Und immer wieder ging es ihm um die Kollegialität - das Verhältnis zwischen Rom und den Diözesanbischöfen bzw. den lokalen Bischofskonferenzen. Aus persönlicher Überzeugung wies er dabei aber immer auf die einzigartige und unersetzliche Bedeutung des Petrusamtes hin, angesichts eines gegenseitigen Misstrauens, einer Angst im kurialen Bereiche selber, dass der innerkirchliche Dialog die Einheit gefährde und die Loyalität der Zusammenarbeit untergrabe: Ohne das Petrusamt in der katholischen Kirche, ohne römischen Papst würden wir alle in Bedrängnis geraten: Wer hätte sonst ein Zweites Vatikanisches Konzil einberufen können, außer Papst Johannes XXIII.? Wer hätte auf internationaler Ebene so eindrucksvoll für Menschenrechte, menschliche Freiheit und Würde gesprochen, in Verbindung mit der Botschaft Christi, als der römische Papst, Johannes Paul II.? -Es geht hier nicht um eine Eliminierung des römischen Papstes als Garant und Zeichen der Einheit, sondern um jene neue und im Grunde auch alte Form kirchlicher Führung zu finden, die in besonderer Weise auch dem ökumenischen Anliegen dient. Wenn nicht das Kollegium der Bischöfe mitverantwortlich wird in Verbindung mit dem römischen Bischof, so werden weder Orthodoxe, noch Anglikaner, noch protestantische Kirchen an der Fortführung der Ökumene mit praktischen Schritten in Richtung Einheit interessiert sein.

Und zusammenfassend meinte er: Heute geht es darum, die Aufgabe des Bischofs von Rom zu sehen in Verbindung mit der kollegialen Mitsorge, Mitverantwortung der Bischöfe, für die Gesamtkirche, im Sinne des Konzils; aber nicht nur das: es geht gerade … darum, die notwendigen Folgerungen für die Praxis in Angriff zu nehmen. Solche Überlegungen ändern nichts an der Struktur der Kirche selber, sondern sprechen für eine Rückkehr zu einer dezentralisierten Form der obersten kirchlichen Führung früherer Jahrhunderte.

Einen neuen Anlauf nehmen

Nun hat Papst Benedikt XVI. mit seinem Rücktritt ganz neue Maßstäbe gesetzt, die mit allen ihren Konsequenzen, etwa für die Ökumene, noch gar nicht wirklich bewusst sind: das Papsttum hat sich - in unveränderter Treue zu Jesus Christus, aber vielleicht auch in demütiger Erkenntnis des Unterschiedes zwischen Christus und seinem "Stellvertreter auf Erden“ - für immer verändert und bleibt doch unveränderlicher Maßstab.

Vom hl. Hieronymus ist das Dictum überliefert: "Lache nicht vorschnell über jemanden, der einen Schritt zurückgeht! Er nimmt vielleicht nur einen Anlauf!“ Diese kirchenväterliche Mahnung trifft meiner Meinung nach punktgenau auf Joseph Ratzinger zu.

Die Autorin ist Leiterin des Wiener Diözesanarchivs

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