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Die Kraft der Peripherie

Die documenta 11 dokumentierte die Fülle außereuropäischer Kunst.

Und Tschüss! hieß es in geografisch astreinem Dialekt für die documenta mit der Nummer 11 zum September mit der Nummer 15. Es war die erste documenta in diesem Jahrhundert, ja in diesem Jahrtausend, und es war die erste documenta, die keinen europäischen Chefkurator hatte. Eine documenta, die bei derart vielen Erstmaligkeiten auch inhaltlich besonders "neu" sein wollte.

Die erste Neuerung, die Enwezor Okwui, primus inter pares des Kuratorenteams - neben ihm noch bestehend aus Carlos Basualdo, Ute Meta Bauer, Susanne Ghez, Sarat Maharaj, Mark Nash und Octavio Zaya - setzte, waren die der nunmehrigen Ausstellung in Kassel vorgelagerten vier Plattformen in Wien, Neu-Delhi, St. Lucia und Lagos. Auf diesen Plattformen wurde einerseits theoretisiert, den Orten jeweils paradigmatisch zukommende Fragestellungen wurden im Kontext von Kunst besprochen, andererseits sollten sie auch denen, die niemals die Chance haben würden, nach Kassel anzureisen, vor Ort einen Einblick in das Unternehmen documenta bieten. Hartnäckige Befürchtungen, die documenta könnte kopflastig und damit langweilig ausfallen, folgten auf den Fuß.

Erkenntnis durch Kunst

Die letzten 100 Tage in Kassel zeigten allerdings ein anderes Bild. Bereits der kuratorische Ansatz versuchte, einen Ausgleich zu schaffen zwischen der Klarheit des Kopfes im wissenschaftlichen Diskurs hier und der Verworrenheit einer aus dem Bauch kommenden Kunst dort, indem als große Klammer das Motto "Erkenntnis durch Kunst" über die fünf Plattformen gesetzt wurde. Ein äußerst sympathischer Ansatz, auch wenn die einzelnen Kunstwerke in der Schau je nach Ausgangspunkt der Künstlerinnen und Künstler eine Schlagseite in die eine oder andere Richtung hatten. Dieser Erkenntnisgewinn durch die Kunst bei dieser documenta war dann konkret verortet in den großen sozialen, politischen, wirtschaftlichen und auch religiösen Problemen, die unsere heutige Welt erschüttern, auch wenn wir geneigt sind, diese möglichst alltäglich außen vor zu halten. Kassel war der Versuch, die gesamte Welt in der "geschützten Werkstätte der Kunst" an einem runden Tisch zusammen zu rufen mit dem Auftrag: Reden wir uns das aus und schauen wir uns dabei an.

Den Rahmen für diese diskursive Kunst respektive für diesen künstlerischen Diskurs gibt die Leitfigur des Post-Kolonialismus vor, der Umstand, dass die gewohnte Zuordnung von Zentrum und Peripherie nur mehr sehr bedingt funktioniert. Der koptische Flüchtling aus Ägypten lässt seine Sympathiewerte bei mir nicht unbedingt steigen, wenn er meinen Postkasten trotz aufgeklebtem Wunsch, diesen von Werbematerial rein zu halten, aufgrund seiner mangelnden Sprachkenntnisse dennoch mit eben dieser Papierflut auffüllt. Wenn mir der gleiche koptische Ägypter aber im Kunsthistorischen Museum einen Hieroglyphentext entschlüsselt, haben sich Zentrum und Peripherie völlig verkehrt, obwohl wir uns nach wie vor in der gleichen Stadt befinden. Manche offizielle Stellungnahme bei dieser documenta erinnert dann an Antonio Gramscis Kerkerbriefe oder an das Wechselspiel zwischen Deterritorialisierung und Reterritorialisierung in der Philosophie von Gilles Deleuze, direkte Bezugnahmen gibt es zu Frantz Fanons "Verdammten dieser Erde" oder zu den Untersuchungen des Exzesses von Georges Batailles. Und dies in beiden Bereichen, im diskursiven Text und im diskursiven Bild.

Und die Künstlerinnen und Künstler? Beinahe möchte man lieber schweigen, hin- und hergerissen zwischen der gewaltigen Betroffenheit, die viele Arbeiten in ihrer "Einfachheit" auslösen, und der achselzuckenden Abkehr ob der angebotenen Banalitäten. Dass dieses Hin und Her bei ein und demselben Ausstellungsobjekt passieren kann, weist auf eine der großen Stärken dieser documenta hin: die Herausforderung dieses Balanceaktes wird mit voller Risikobereitschaft, aber auch mit bestmöglicher Absicherung aufgenommen. Schweigen möchte man auch ob der Bemerkung von Pascale Marthine Tayou, Teilnehmer aus Kamerun, dass "Information einer Entfremdung gleichkommt, denn sie operiert punktuell, also entkommt man ihr nicht". Erst wenn man dann seine "beredte" Installation betritt und seine Aufforderung zur Entspannung mitgeliefert bekommt, weil Nicht-Information ebenso punktuell vorgeht, wird auch der eigene Balanceakt erträglicher.

Kunst und Voyeurismus

Im Rundgang durch die verschiedenen Spielstätten der documenta 11 fällt auf, dass der erste Raum im Fridericianum, der üblicherweise von den Kuratoren als heimliches Zentrum und Aushängeschild benutzt wurde, diesmal leer blieb. Im Zentrum war nichts, die Peripherie schöpfte aus dem Vollen. Dieser einfach leer gelassene Raum deutete aber auch auf eine andere brisante Problemlage hin, die mit der gestalteten Leere in der Arbeit von Alfredo Jaar, "Klage der Bilder", kongenial aufgegriffen wurde. Es stellt sich nämlich die Frage, wie kann man mit künstlerischen Mitteln auf unterschiedliche, äußerst abstoßende Notlagen von vielen Menschen auf dieser Welt hinweisen, ohne diese Menschen ein weiteres Mal durch eine unangebrachte Ästhetisierung zu missbrauchen respektive wie verhindert man es, dass man sich sowohl als Produzent als auch als Rezipient einem billigen, wenngleich als Hochkultur angefärbtem Voyeurismus hingibt. Jaar thematisiert in seiner Arbeit den Genozid in Ruanda im Jahr 1994. In einer Vorgängerarbeit hatte er noch die Augen der Zeugin Gutete Emerita in unzähligen Diapositiven auf einen Leuchtkasten zu einem riesigen Haufen aufgetürmt, unzählige Male legten diese Augen Zeugenschaft über die Geschehnisse ab. Diesmal zieht er sich einerseits auf die Transformation der Greueltaten in Leuchttext zurück, im zweiten Raum wird der Besucher von einem gleißenden Rechteck auf schwarzer Wand geblendet. Geblendet durchaus in der verschärften Bedeutung des Wortes. "Das weiße Rechteck bildet die Leere der Bilder ab, die uns ein Bild der Welt vermitteln wollen und am Ende doch nur sich selbst abbilden." Der visuelle over-kill kehrte in der subtraktiven Ergänzung wieder zum "reinen" Weiß zurück.

Publikum produziert weiter

Und die Fülle der Peripherie? Ein große Gruppe betätigt sich als Sammler und Archivar, sowohl von realen als auch von virtuellen Materialien. Neben dem bekannteren Dieter Roth und Georges Adéagbo reizt vor allem die Boutique von Chohreh Feyzdjou, in der sie ihre aus armen Materialien wie Papier, Pappe und Stoff hergestellten Arbeiten als Produkte anbietet. Als Jüdin in Teheran geboren, von Exil und Krankheit selbst hart betroffen, erzeugen ihre Produkte eine unprätentiöse Melancholie, die jenseits der reinen Ökonomiekritik den Betrachter leichtfüßig an den Reden-wir-uns-das-aus-Tisch herbeiwinkt. Unter den Filmemachern lädt Steve McQueens "Western Deep" zu einer wahren Höllenfahrt in einer der tiefsten Goldminen Südafrikas ein. Beim Betreten von Tania Brugueras Raum ist man gleißendem Scheinwerferlicht ausgesetzt und es dauert eine Weile bis man erfasst, dass die Geräusche, die man vernimmt - Menschenschritte und das Klicken von Gewehren -, von Menschen erzeugt werden, die Teil der Performance sind. Die Sicherheit einer Tonbandeinspielung verkehrt sich plötzlich in die Möglichkeit einer tatsächlichen Attacke. Unter den Fotografen transponiert Jeff Wall eine literarische Vorlage auf überzeugende Weise, daneben dokumentiert Touhami Ennadre in einfühlsamen Schwarz-Weiß-Arbeiten die Ereignisse von 9/11 als einen Aufruf gegen Gewalt und schilt seine bunt arbeitenden Kollegen: "Für mich ist jemand, der Farbfotografien macht, wie ein Koch, der Tiefgefrorenes serviert." In der Fotografie gibt es keine Farbe, sondern nur Licht. Auch solche Konfrontationen gehören zum Gespräch am runden Tisch. [Wahlweise: Eine subjektive Auswahl, entfremdet weil punktuell agierend, die trotzdem manches auf den Punkt zu bringen versucht.]

Hatte man nun tatsächlich das Ende der 100 Tage in Kassel erwartet, so wird man enttäuscht. Denn nun wird von den Kuratorinnen und Kuratoren die Plattform mit der Nummer 6 ausgerufen, auf der nun auch das Publikum mit voller Produktionskraft einsteigen soll. Und so ist diese documenta 11 keineswegs beendet. In geografisch astreiner Dialektik muss man sagen, dass es jetzt erst richtig losgeht. Na servas.

Der Autor ist Theologe

und Künstler.

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