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Die Krise als Chance?

Die Krise wirft Fragen nach der Rolle der Intellektuellen auf. Die Diskrepanz zwischen Wollen und Wirklichkeit ist offenkundig. Der Versuch einer "realistischen Utopie" würde sich lohnen.

Dass die gegenwärtig anhaltende Finanz- und Wirtschaftskrise auch eine moralisch-politische Dimension in sich birgt, scheint in weiten Teilen der Öffentlichkeit unbestritten zu sein. Zentral ist hierbei zunächst die Frage, wer Schuld an der jetzigen Misere trägt und wer zur Verantwortung gezogen werden soll. Diese Frage zersplittert in eine Vielzahl weiterer Verdachtsmomente: Mangelte es den Bankern nicht an Verantwortungsgefühl für das gesellschaftlich Ganze, als sie gewieft Lücken im System nutzten, um schnellen Profit zu lukrieren? Verweist der nun aufkommende Ruf nach mehr (über)staatlicher Regulation nicht auf ein allgemeines Ordnungsdefizit, das die internationale Finanzmaschinerie viel zu lange leidlich auszunutzen wusste? Ist der Vertrauensverlust in die Regenerationskraft der globalen Ökonomie nicht vielleicht ein Symptom für eine tiefersitzende Zivilisationskrankheit?

Wenn nun plötzlich von eben jenen Managern der Staat in die Pflicht genommen wird, die über Jahre hinweg dem von allen staatlichen Schranken befreiten Markt gehuldigt hatten, dann kann man wohl gar nicht anders, als opportunistische Heuchelei zu vermuten. In Europa stehen Arbeitsplätze und Wachstum in solch einem Ausmaß auf dem Spiel, dass protektionistische Maßnahmen zum Schutz nationaler Interessen immer unausweichlicher wirken - kein gutes Zeugnis für das Gemeinschaftsprojekt der EU. All diese Prozesse halten die internationale Öffentlichkeit seit nunmehr einem halben Jahr im Bann. Das ist einerseits ein begrüßenswertes Signal, denn die Dauerpräsenz der Krise erzeugt Druck auf die politische Klasse, weder tatenlos zuzusehen noch überhitzt zu agieren.

Doppelte Verengung des Blicks

Andererseits jedoch stellt uns die mediale Konzentration auf Skandale wie jenen um den Spekulanten Bernie Madoff vor ein Dilemma. Das absurde Ausmaß des Milliardenbetrugs erzwingt geradezu hastiges Urteilen, wo subtile Unterscheidungen angebracht wären. Die Entrüstung über begangenes Unrecht kann so zur fieberhaften Suche nach Sündenböcken werden. Damit geht weniger die Gefahr einher, dass einzelne Banker falsch verdächtigt würden. Bedrohlich ist vielmehr, dass die Jagd nach Sündenböcken eine intensive Beschäftigung mit jenen komplexen Zusammenhängen untergräbt, die kriminelle Karrieren teilweise über Jahre hinweg erst ermöglichen konnten. Auch ist abzusehen, dass bei einer Verschärfung der Krise gesellschaftliche Randgruppen - Migranten und Migrantinnen wären besonders leichte Beute für den Volkszorn - zu Sündenböcken gestempelt würden.

Spiegelbildlich dazu verhält sich das Verlangen nach einer raschen und sauberen Lösung des Problems. So wie sich die Diskussion über die Frage nach den Ursachen auf isoliert handelnde Missetäter zuspitzt, so bündeln sich die positiven Erwartungen im heilsbringenden Versprechen einzelner Politiker. Mit dem Charisma alleine lässt sich die religiös verbrämte Inszenierung Obamas inmitten der tobenden Finanz- und Wirtschaftskrise nämlich nicht erklären. Ein tief sitzendes Bedürfnis nach einem Reformer, der das Ruder quasi im Alleingang herumreißen könnte, kam da zum Vorschein. Auch deshalb hat der US-Präsident wohl selbst von Anfang an darauf gedrängt, die übersteigerten Erwartungen an sein Wirken zu dämpfen.

Angesichts dieser doppelten Verengung des Blicks gilt es, sich klar vor Augen zu führen, wo die moralisch-politische Dimension der Malaise wirklich liegt. Entgegen der sensationshungrigen Zurschaustellung von Wirtschaftskriminellen und im Gegensatz zum kindlich-bangen Warten auf die erlösende Geste eines "Übervaters" sollte die Krise als Chance für einen demokratischen Erneuerungsprozess gesehen werden. Diese Gelegenheit ließe sich freilich nur dann nutzen, wenn zum Kern des Problems vorgestoßen würde: das heißt zur Frage, inwieweit die Finanz- und Wirtschaftskrise mehr als ein bloß zyklisch auftretender Fehler im System sei, der sich durch Feinadjustierungen beheben ließe. Es müsste also eine breite Auseinandersetzung darüber geführt werden, ob es sich bei den Ursachen der nun einsetzenden Rezession um nicht prognostizierbare, irrationale "Exzesse" des freien Marktes gehandelt habe, die mehr oder weniger umfangreiche Korrekturmaßnahmen auf den Plan rufen; oder ob das System der globalen Ökonomie im Ganzen für die jetzigen Schwierigkeiten verantwortlich sei. Mit anderen Worten: Chancenreich ist die Situation deshalb, weil in Momenten des Abschwungs die Fundamente einer politischen Ordnung sichtbar und damit revidierbar werden.

Die Utopie einer gerechteren Welt

Heute eröffnet sich uns also die Perspektive, über Alternativen im großen Maßstab nachdenken zu können. Die Reflexion über die Grenzen der politischen Ordnung als Potenzial für ein demokratisches Gemeinwesen wahrzunehmen, ist keineswegs selbstverständlich. Gegen diesen Vorschlag könnte etwa eingewendet werden, er mache sich eindimensionaler Kapitalismusschelte schuldig. Doch geht es bei der Forderung nach alternativen Ordnungsmodellen nicht darum, endgültige Schlüsse über den Zustand der globalen Ökonomie, so wie wir sie kennen, zu ziehen. Worum sich die Herausforderung, vor die uns die Krise stellt, in Wahrheit dreht, ist der Anspruch, eine "realistische Utopie" (John Rawls) für eine gerechtere Welt zu entwerfen. Eine Utopie in diesem Sinn bedient keinen abgehobenen Idealismus, sondern schlägt stets kritische und zuweilen radikale Richtlinien für die Transformation bestehender Strukturen vor.

Diesbezüglich drängt sich eine Überlegung zur sozialen Rolle der Intellektuellen auf. Die Diskrepanz zwischen Wollen und Wirklichkeit ist offenkundig: Während in den letzten Jahren eine wahre Publikationsflut zur "Globalisierung" über uns hereingebrochen ist, gelang es nur Wenigen, die heutige Situation in ihrer ganzen Tragweite vorwegzunehmen. Das bedeutet natürlich keineswegs, es wären keine Kassandrarufe zu vernehmen gewesen. Sowohl konservative als auch linksgerichtete Kreise monieren seit Langem, dass die weit verbreitete "Kultur der Gier" unweigerlich in die Sackgasse führen würde. Doch die überwiegende Mehrzahl der Intellektuellen verabsäumte es, gangbare Alternativen jenseits von Kulturpessimismus und naiver Ostalgie ins Spiel zu bringen.

Alternativen, die mehr sind als Kosmetik

Der Reiz einer "realistischen Utopie" liegt gerade darin, pragmatische Realitätsnähe mit einer moralisch-politischen Imaginationskraft zu kombinieren, die festgefahrene Denkmuster aufzulockern vermag. Es ist klar, dass dies kein leichtes Unterfangen darstellt. Aber manche Ansätze in der zeitgenössischen politischen Theorie weisen in diese Richtung. So plädieren einige Philosophinnen und Philosophen dafür, globale Institutionen nicht nur mit völkerrechtlichen Instrumenten wie der Ahndung schwerer Menschenrechtsverletzungen auszustatten, sondern auch demokratische Prozeduren wie das Wahlrecht auf diese Institutionen auszudehnen. Bestehende Strukturen wie die UNO werden dabei nicht einfach als Hindernisse erachtet, die rasch beseitigt werden sollten - immerhin erbringt die UNO in mancherlei Hinsicht wichtige Leistungen, ohne selbst direkt legitimiert zu sein. Verfechter der "kosmopolitischen Mitbestimmung" argumentieren vielmehr unter Verweis auf die EU-Bürgerschaft, dass es trotz aller Schwierigkeiten machbar ist, demokratische Prozeduren zugleich in nationalen und transnationalen Kontexten zur Geltung zu bringen.

Dieses Modell bietet ein illustratives Beispiel dafür, wie man sich der moralisch-politischen Dimension der Krise auf konstruktive Weise annähern könnte: indem das Versagen bestehender Strukturen zum Anlass genommen wird, Alternativen für eine gerechtere Welt zur Diskussion zu stellen, die über bloß kosmetische Verbesserungsvorschläge hinausgehen. Sollte es gelingen, die öffentliche Debatte auf diese Weise zugunsten eines demokratischen Erneuerungsprozesses anzuregen, ließe sich der Rezession unter Umständen sogar Gutes abgewinnen.

* Der Autor ist Philosoph und Senior Researcher an der Universität Coimbra (Portugal)

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