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Die Kunst der kalkulierten Flüchtigkeit

1945 1960 1980 2000 2020

Seit über 20 Jahren war in Österreich keine umfassende Werkschau des bekanntesten Vertreters des Impressionismus zu sehen. Die Albertina zeigt nun die Vielseitigkeit von Claude Monet -und seine Entwicklung bis zu einem bisher weniger beachteten Spätwerk.

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Seit über 20 Jahren war in Österreich keine umfassende Werkschau des bekanntesten Vertreters des Impressionismus zu sehen. Die Albertina zeigt nun die Vielseitigkeit von Claude Monet -und seine Entwicklung bis zu einem bisher weniger beachteten Spätwerk.

Wie vielfarbig Schnee sein kann, wie man die Schönheit von Licht und den Einfluss desselben auf die Landschaft auf die Leinwand bannen kann, wie Atmosphäre und Veränderung zum eigentlichen Bildmotiv werden -all das lehrte uns Monet. Die Albertina zeigt nun die erste umfassende Präsentation seines Œuvre seit mehr als 20 Jahren in Österreich, die durch eine enge Zusammenarbeit mit dem Musée Marmottan und weiteren internationalen Leihgebern 100 Werke präsentiert. Die Schau, die sich auf Monets Freiluftmalerei konzentriert, trägt den Untertitel "Die Welt im Fluss" nicht nur, weil Monet viel an der Seine und am Meer malte und das Ineinanderfließen von Wasser, Dunst, Nebel, Eis und Schnee sowie Spiegelungen auf der Wasseroberfläche zum Zentrum des malerischen Interesses machte. Vielmehr steht der Titel auch für die Veränderung der Natur, die er genauestens beobachtete, und spielt auf seine Vorliebe für japanische Holzschnitte an.

So homogen Monets Œuvre auf manche wirken mag, lässt die Ausstellung sehr wohl den Wandel eines Malers miterleben, der an jeder seiner Lebensstationen die Natur anders wahrnahm. "Unser Anliegen war, Monets Entwicklung als logische darzustellen. Wir wollten zeigen, wie das Frühwerk das Spätwerk vorbereitete -und vor allem auch das Wesen des späten Monet einfangen", sagt Kurator Heinz Widauer.

War es anfangs noch das moderne, pulsierende Leben in Paris, das ihn faszinierte, so brachte sein Umzug nach Argenteuil eine Konzentration auf die neuartige Verbindung zwischen Natur und Technik. Wie der Dampf der Lokomotive mit dem Morgennebel verschmilzt, wie Brücken sich in die Landschaft fügen, war hier für ihn interessant. "In Argenteuil hat er den Impressionismus zum Blühen gebracht", sagt Kurator Heinz Widauer. "Die Veränderungen der Jahres-und Tageszeiten sind nun seine Bildthemen. Nach seinem Umzug nach Vétheuil werden seine Bilder melancholischer und dramatischer. Nun malt er das Raue, Entlegene."

Drama in Farbe

Voll Dramatik sind etwa seine Eisgang-Bilder, die das aufgebrochene Eis in Türkis und Grau zeigen. Schnee schimmert bei Monet mal rosa, mal blau. "Monet versteht es, auch dem Weiß eine Farbigkeit zu entlocken", so Widauer. Wie sich das Licht in der Luft streute, wie Farben auf Wasseroberflächen reflektiert wurden, war für Monet interessant, der nicht umsonst bei eisigen Temperaturen mit Stövchen im Schnee saß und malte, der mit einem Atelierboot auf dem Fluss schipperte, um die beste Perspektive zu finden, der am Meer sogar einmal von der Flut mitsamt seiner Staffelei umgerissen wurde. Bei aller fingierter Spontaneität war Monets Vorgehensweise immer wohlkalkuliert, auch wenn der Eindruck, den der Betrachter hatte, stets ein flüchtiger bleiben sollte.

Als der Impressionismus in eine Krise kam, war es ihr Urvater Monet, der an dieser Stilrichtung festhielt, obwohl sich andere abwandten. Er gestaltete seine Werke noch dramatischer, unterstrich noch mehr das Skizzenhafte. In seinen nun folgenden Serien war ihm "nur mehr der Farbeindruck wichtig, nicht mehr das Motiv. Es ging ihm um Stimmungen und bei der Wiederholung um größtmögliche Wahrhaftigkeit", sagt Widauer in Bezug auf Heuhaufen, Pappeln und die Darstellungen der Kathedrale von Rouen. Die letzten Räume der Ausstellung gehören den in Giverny entstandenen Bildern, einige von ihnen sind wohlbekannt, darunter die Seerosen, die hier passenderweise ohne Rahmen präsentiert werden, um den Ausschnittcharakter noch mehr zu unterstreichen und ein optisches Weiterdenken zu ermöglichen.

Wilder Gestus im Spätwerk

Doch gegen Ende hin wird der große Bruch in Monets Werk sichtbar. Nun sind die japanische Brücke und die Rosenallee mit wildem Gestus und vom Bildmotiv losgelöst dargestellt. "Wir können davon ausgehen, dass sein grauer Star bis zu seiner Operation die Wahrnehmung der Farben beeinträchtigte. Da er Bilder, mit denen er nicht zufrieden war, vernichtete, kann das im Umkehrschluss heißen, dass er das, was heute vorhanden ist, als gut ansah. Nach der Operation verwendet er die Farben wieder stimmiger, der wilde Gestus aber bleibt." Tür und Tor für eine neue Betrachtung der Natur hat Monet jedenfalls mit seinem gesamten Œuvre, das hier in seiner ganzen Vielfalt erlebt werden kann, geöffnet.

Claude Monet Albertina, täglich 9 bis 18 Uhr Mittwoch &Freitag 9 bis 21 Uhr bis 6. Jänner 2019, www.albertina.at

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