Die Langeweile des Kritikers

Unlängst habe ich im Burgtheater Thomas Langhoffs "Wallenstein"-Inszenierung mit Gert Voss gesehen: eine der besten Wiener Aufführungen der letzten Jahre. Im Gewand eines zeitlosen Militarismus, halb Zweiter Weltkrieg, halb Gegenwartsguerilla, entfaltet sich die Psychologie des Verrats, des Verräters und des verratenen Verräters. Schillers ratloses Lehrstück über die Macht und Ohnmacht der Politik wird vom Regisseur und seinem prächtigen Ensemble (Ignaz Kirchner, Johannes Krisch, Petra Morzé) behutsam aus der klassischen Nussschale geholt und in allen dialektischen Verästelungen gezeigt. Die dreieinhalbstündige Fassung destilliert aus dem Ganzen der drei "Wallenstein"-Teile eine stringente Dramaturgie des Untergangs. Die hochkomplexe Schillersche Sprache wird so natürlich und plausibel realisiert, dass die Spannung bis zum Schluss nicht nachlässt. Dieser "Wallenstein" vermag auch Schiller-Neulinge zu packen.

Haben die Kritiker tatsächlich dasselbe Stück gesehen? Da war von einem "Regiedebakel" die Rede, das Drama sei "verkleinert bis zur Unverständlichkeit" (NZZ), ein "kostümierter Aktualitätsbetrug, ein ziemlich matter Mummenschanz" (FAZ). Man habe die "Schaubühne als eine statische Anstalt" erlebt, einen "traurigen Abend", "zuviel Psychologie, zu wenig Entwicklung" (Die Presse), einen "Ozean des Mittelmaßes", "eine Schulbuchreportage mit lauem Gegenwartsbezug", einen "bleischweren Abend" (Der Standard), oder, im Gegenteil, aber noch schlimmer: "pures Infotainment" à la "Die letzten Tage im Führerbunker", ja "Guido-Knopp-Theater" (Süddeutsche).

Ich könnte am eigenen Urteil zweifeln, aber wir waren zu fünft, und alle waren so begeistert wie hörbar auch das übrige Publikum. So zweifle ich an der Kritik und unterstelle ihr eine deformation professionelle - aus Langeweile und Theaterüberdruss.

Die Autorin ist Germanistin und Literaturkritikerin in Wien.

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