Samuel Becketts "Warten auf Godot" im Wiener 3raum-anatomietheater.

Noch unter dem Eindruck des Ersten Weltkriegs publiziert der Soziologe Siegfried Kracauer 1922 in der Frankfurter Zeitung den Artikel "Die Wartenden", in welchem er die seelische Lage des modernen Menschen erörtert. Als dessen Zentrum diagnostiziert er das Leiden am Mangel eines religiösen Sinns im Leben. Der metaphysischen Leerstelle könnten - so Kracauer - die Menschen nur durch eine Haltung des Wartens begegnen.

Einzige Handlung: Warten

30 Jahre und einen verheerenden Krieg später veröffentlicht ein nicht mehr ganz junger Ire ein revolutionäres Theaterstück, dessen Thema die transzendentale Obdachlosigkeit des Menschen ist und dessen minimalistische ,Handlung' das Warten als Dauerzustand vorführt. Anlässlich des einhundertsten Geburtstags von Samuel Beckett inszeniert der Wiener Theatermacher und Aktionist Hubsi Kramar dieses wohl berühmteste Stück Theater im Anatomiesaal des ehemaligen veterinärmedizinischen Instituts der Uni Wien.

Trauriges Traumpaar

Er verzichtet klugerweise darauf, "Warten auf Godot" zu sezieren. Er fügt ihm nichts bei, sondern führt das Stück, in dem nichts passiert und das gerade deshalb so schwer zu spielen ist, weil dieses Nichts sich immer wieder ereignen muss, im besten Sinne des Wortes einfach vor. Dabei kann er sich auf ausgezeichnete Schauspieler verlassen: Michael Aichhorn als sachlicher Pozzo, Sascha Tscheik als wunderbar denkender Lucky und der 12-jährige Florian Pertiet als Junge. Andreas Erstling (Estragon) und Hubsi Kramar selbst (als Wladimir) geben ein berührend trauriges Tramppaar. Die kindischen Albernheiten, mit denen sie sich die Zeit vertreiben und gegen die Langeweile ankämpfen, spielen sie leise, mit einer sympathischen unaufgeregten Beiläufigkeit, so dass nie auch nur der Hauch von Klamauk entsteht.

Lernen von Gogo und Didi?

Es ist die Frage, was Becketts Sinn-und Bedeutungsentzug uns heute noch sagen. Denn die Rede von der inneren Leere hat ihren Neuigkeitswert längst schon eingebüßt. Der gottverlassene Gegenwartsmensch vermisst dennoch nichts und seine einzige Angst ist, es lasse sich nicht alles bereits im Diesseits verwirklichen. Was also lernen von Gogo und Didi? Es war Paul Ricoeur, der meinte, die Menschen müssen die ihnen gegebene Zeit in eine Erzählung des eigenen Lebens verwandeln, damit sie nicht zur physikalisch leeren Zeit erstarre. Vielleicht also dies: auch die leere Zeit hat lehrende Kraft.

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