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Die letzten Zuckungen

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Regisseur Michael Haneke stellte in Cannes seinen neuen Film "Code Inconnu" vor.

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Regisseur Michael Haneke stellte in Cannes seinen neuen Film "Code Inconnu" vor.

Das einzig österreichische an diesem Film ist Michael Haneke selbst. Bei den Filmfestspielen in Cannes feierte "Code Inconnu" ("Code unbekannt") mit dem französischen Star Juliette Binoche seine Weltpremiere im offiziellen Bewerb um die Goldene Palme. Die internationale Presse nahm das Werk geteilt auf. Nach der Pressevorführung gab es Jubel, aber auch Buh-Rufe. Hanekes erste rein französische Produktion ging beim Festival leer aus. Die Preise gewann ein anderer: Lars von Trier wurde für sein Musical "Dancer in the Dark" mit der Goldenen Palme ausgezeichnet, Hauptdarstellerin und Sängerin Björk erhielt den Darstellerpreis.

",Code Inconnu' erzählt von den Schwierigkeiten der Kommunikation, die es heute gibt. Diese Unfähigkeit zu kommunizieren kann der Film vielleicht ein wenig abbauen", erzählt Haneke im furche-Gespräch an der Croisette.

"Code Inconnu" ist ein Paradebeispiel für Hanekes fragmentarische Herangehensweise an seine Stoffe. Auf einem Pariser Boulevard wirft ein weißer Junge einer rumänischen Bettlerin achtlos ein Stück Papier in den Schoß. Ein Farbiger, der die Szene beobachtet hat, fordert den Jungen auf, sich bei der Frau zu entschuldigen. Eine Schlägerei beginnt, mit dem Resultat, dass der Farbige festgenommen und die Bettlerin nach Rumänien abgeschoben wird. Diese zehnminütige Anfangssequenz, die ohne Schnitt auskommt, führt direkt ins Zentrum des Films: Haneke thematisiert Rassismus und die emotionale Kälte der Gesellschaft in einzelnen Sequenzen, stets getrennt durch einige Sekunden Schwarzfilm, vorerst scheinbar unzusammenhängend, schließlich sich ergänzend. Ein Kriegsberichterstatter (Thierry Neuvic), der mit einer Schauspielern (Binoche) zusammenlebt; auch hier: nur Fragmente, kaum Verständigung. Haneke bleibt diesem Prinzip seit "Das Schloß" (1997) oder "71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls" (1994) treu.

"Die Schwarzfilmteile, die in mehreren meiner Filme vorkommen, sind der Ausdruck der Fragmentierung, weil ich denke, dass es unmöglich ist, Wirklichkeit im Kino wiederzugeben. Unsere Wahrnehmung ist absolut fragmentarisch, daher muss auch die Darstellung fragmentarisch sein. Diese Lüge, mit der das Unterhaltungskino Geld verdient, besteht darin, dass die Welt als begreifbar, veränderbar, beruhigend dargestellt wird. Auch in der Literatur würde heute kein ernstzunehmender Autor in der Ästhetik des 19. Jahrhunderts schreiben, die so tut, als wäre die ganze Wirklichkeit zwischen zwei Buchdeckel einzufangen. Das Hollywood-Kino macht das ununterbrochen: Wir haben ein schweres Problem, das in 90 Minuten gelöst wird, und nachher gehen wir glücklich nach Hause. Ein Kino, dass sich als Kunstfilm verstehen will, ist verpflichtet, dem Bewusstseinsstand nachzukommen. Die fragmentarische Erzählweise ist daher für mich die einzig mögliche heutzutage", meint Haneke.

Wettersäule Cannes Der Regisseur, der bereits mit "Funny Games" 1997 im Wettbewerb um die Goldene Palme dabei war, äußerte sich in Cannes auch politisch: Die EU-Sanktionen gegen Österreich seien in erster Linie eine Hilfe für Jörg Haider. "Die Regierung und die Medien behaupten, die Sanktionen wären gegen Österreich gerichtet und nicht gegen Herrn Haider. In Wahrheit sind diese Sanktionen da, weil man gegen eine rechtsextreme Partei in der Regierung protestiert. Bei der Bevölkerung entsteht der Eindruck, dass 'alle gegen uns sind'", meinte Haneke. Diese Haltung begünstige eine gefährliche "Jetzt erst recht"-Politik, "die wir noch aus der Waldheim-Ära kennen".

Recht unpolitisch und künstlerisch kaum erhebend gab sich die übrige Auswahl der Filme in Cannes, sieht man von Lars von Triers "Dancer in the Dark" oder Liv Ullmanns "Treulos" nach einem Drehbuch von Ingmar Bergman ab. Man hätte sich mehr Filme wie Hanekes "Code Inconnu" gewünscht, meinte auch der Kritiker des französischen Prestige-Blattes "Le Figaro", der - erfolglos - für Hanekes Film als Preisträger der Goldenen Palme plädierte.

Cannes ist seit jeher nicht nur ein Spiegel des Weltkinos, sondern ebenso eine Wettersäule für europäische Filmkunst, wie auch Michael Haneke weiß: "Es ist leider längst entschieden, dass Film nicht mehr als Kunstform, sondern als Wirtschaftsprodukt angesehen wird. Was wir hier tun, sind quasi die letzten Zuckungen des verendenden Tieres".

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