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Die Liebe kommt wie ein Donnerschlag

Mit einer Einfachheit und Konzentration, die einem den Atem stocken lässt, erzählt Filmemacher Andreas Dresen im Film „Wolke 9“ von der Liebe dreier durchschnittlicher Berliner um die 70.

Andreas Dresen ist der Regisseur von „Wolke 9“, in dem er auf seine eigene Weise versucht, das Thema Erotik im Alter in einem Film umzusetzen.

Die Furche: Herr Dresen, wie wichtig war es Ihnen, mit „Wolke 9“ ein Tabuthema aufzugreifen?

Andreas Dresen: Natürlich wollte ich dieses Tabu aufbrechen. Denn einerseits wird die Gesellschaft immer älter, aber andererseits gesteht man dieser Generation keinen Sex oder keine Leidenschaft mehr zu. Im Fernsehen gibt es solche Bilder nicht, oder sie wirken sehr verkleistert. Sepiagefärbte, klavierbegleitete Bilder, meistens unter dem Leintuch, und dazu die Großaufnahme einer Hand, die über einen Rücken streichelt. Das finde ich echt ätzend. Ich dachte, es ist schade, dass es darüber keinen Film gibt, und deshalb wollte ich eine Liebesgeschichte mit alten Leuten machen, so als ob es junge Leute wären, denn letztendlich machen sie ja nichts anderes, nur dass man es ihnen nicht zubilligt.

Die Furche: Ihr Film feierte ausgerechnet in Cannes Premiere, wo es Stars und Sternchen, aber wenig alte Menschen gibt …

Dresen: Es war eigentlich logisch, dass der Film in Cannes Premiere hatte, denn wer einmal über die Croisette schlendert und all die jugendversessenen Menschen sieht, der weiß, es gibt keinen besseren Ort für diesen Film. Ein echtes Kontrastprogramm.

Die Furche: Was ist das Thema von „Wolke 9“?

Dresen: Es ist die Geschichte eines Aufbruchs einer Frau, die noch mal eine Naturgewalt erlebt. Denn die Liebe kommt über sie wie ein Donnerschlag. Damit habe ich im Film auch gespielt: Die Bilder ihrer Figur immer mit der Natur zu verbinden. Die Frau hat eine Sexerfahrung mit einem Kerl, will dem Ruf zunächst aber nicht folgen. Letztlich können wir uns dem Ruf des Herzens aber nicht verwehren. Das fand ich schön zu erzählen, dass sie den Aufbruch gegen alle Widerstände wagt.

Die Furche: Wie haben Sie die Intimität am Set hergestellt, um diese ero- tischen Szenen drehen zu können?

Dresen: Zunächst einmal dadurch, dass es gar kein richtiges Drehbuch gab. Der Film wurde in einem sehr kleinen Team gedreht, es gab nur einen Szenenfahrplan ohne Dialoge. Die wurden erst während des Drehs entwickelt. In diesem Prozess braucht man sehr viel Ruhe, daher musste das Team klein sein, um eine Intimität zu wahren. Die Erotik des Films herzustellen war nicht einfach, eine erste Hemmschwelle musste überwunden werden, doch dann ging das eigentlich ziemlich gut. Uns war wichtig, in diesen Szenen auch eine gewisse Distanz zu wahren. Auch um zu verhindern, voyeuristisch zu sein. Das Licht wurde übrigens nicht verändert, sondern nur natürliches Licht benutzt. Wir wollten in diesem Film nichts verstecken oder beschönigen, sondern abbilden, was vor der Kamera passiert.

Die Furche: Hat es Vorteile, in einem kleinen Team zu arbeiten?

Dresen: Als Regisseur fühlte ich mich beim Dreh mit so einem kleinen Team enorm frei, weil mir kein Apparat von 60 Leuten im Genick saß. Es gab keinen Drehplan, keine Dispo, sondern einfach nur ein paar Leute, die früh morgens in diese Wohnung gegangen sind und dort den Film gemacht haben, indem sie sich langsam an die Geschichte herangetastet haben.

Die Furche: Sie haben den Film mit einer sehr reduzierten Bildsprache realisiert.

Dresen: Ich habe bei „Wolke 9“ viel über das Filmemachen gelernt. Vor allem in Bezug auf das Weglassen. Wir gehen in sehr vielen Szenen extrem spät in die Szene hinein. Hitchcock hat einmal gesagt: „Das Drama ist das Leben, aus dem die langweiligen Momente rausgeschnitten wurden.“ Wir haben’s genau umgekehrt versucht: Die dramatischen Momente rauszuschneiden und die scheinbar langweiligen Momente stehen zu lassen und spannend zu erzählen. Diese Art des Erzählens ist dann erst im Schneideraum entstanden, wo wir mit dem Material viel experimentiert haben. Wir haben immer geschaut, wie viel wir von einer Szene noch wegnehmen können. Dem fielen auch viele Dialoge zum Opfer. Denn bei frisch Verliebten braucht es nicht viele Worte. Da genügt die Körpersprache.

Die Furche: Sie gelten als Vertreter des „jungen deutschen Films“.

Dresen: Ich bin mittlerweile 44, die grauen Haare sind auch schon da. Also so ganz jung fühle ich mich nicht mehr. Aber es ist schön, wenn der Film als erfrischend bezeichnet wird. Das junge deutsche Kino gibt es nicht, das ist nur ein Schlagwort. Es gibt viele Individualisten. Die sitzen nicht gemeinsam am Frühstückstisch und überlegen sich, welche Geschichte sie erzählen.

Die Furche: Für wen ist „Wolke 9“ gemacht?

Dresen: Dieser Film ist nicht nur für die Alten gemacht. Es wäre schön, wenn die auch gehen würden und ein bisschen ihre Lebensrealität darin wiederfinden könnten. Teenager werden wohl nicht in diesen Film gehen, das kann ich mir nicht vorstellen. Aber die mittlere Generation könnte das Thema auch interessieren. Die Geschichte dreht sich ja darum, wie man mit der Urgewalt der Liebe umgeht. Und das trifft schließlich alle Generationen.

Die Furche: Wieso haben Sie Ihren Film „Wolke 9“ genannt?

Dresen: Wolke 7 oder Siebter Himmel, das kennt man ja. Und Wolke 9 ist da noch zwei Etagen drüber.

Wolke 9

D 2008. Regie: Andreas Dresen. Mit Ursula Werner, Horst Westphal, Horst

Rehberg. Verleih: Senator. 98 Min.

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