„Die Liebe zum Singen hat sich durchgesetzt“

Elisabeth Kulman singt den Orfeo in der Salzburger Festspielproduktion von Glucks „Orfeo ed Euridice“. Ein Porträt der vielseitigen burgenländischen Künstlerin.

Dass sie singen werde, hatte die aus dem burgenländischen Opernpullendorf stammende Elisabeth Kulman immer schon gewusst. Trotzdem begann sie nach der Matura erst einmal ein Sprachstudium, entschied sich für Russisch und Ungarisch. Gleichzeitig lernte sie in so gut wie allen semiprofessionellen Chören Wiens die Chorliteratur intensiv kennen, ging mit den wichtigsten Dirigenten dieser Jahre, darunter Abbado, Mehta, Muti, vielfach auf Tournee. Die Folgen blieben nicht aus. Zuerst inskribierte sie sich zusätzlich für Musikwissenschaft, dann, mit 22, begann sie Gesang zu studieren. An der Wiener Musikuniversität bei Hanna Lazarska. Bis heute ihre wichtigste Ratgeberin. „Die Liebe und Leidenschaft zum Singen hat sich durchgesetzt. Ich bin meiner inneren Stimme und Berufung gefolgt“, charakterisiert die Mittdreißigerin diese Entwicklung. Auch wenn es selbst nach dem Diplom noch einige Zeit dauerte, bis sie sich damit abgefunden hatte, den Weg einer Opernsängerin zu gehen. Das war für sie „eine klischeehafte Sache, das wollte ich nie sein“.

„Immer die erste Geige gespielt“

In den Chören sang sie stets ersten Sopran, war Stimmführerin, sorgte damit wesentlich für einen schönen runden Klang. Kulman: „Ich habe immer die erste Geige gespielt, weil ich einen großen Tonumfang habe. Ich wollte immer die führende Stimme sein.“ So begann es dann auch: Am 30. Dezember 2001 debütierte sie als Pamina an der Volksoper. Später kamen die „Figaro“-Gräfin und Donna Elvira dazu. Die Basis für eine Karriere als Sopranistin schien gelegt.

Bald merkte die junge Solistin, dass Stimme und Körper müde wurden, sie die hohe Lange anstrengte. Sollte damit der Traum von der Sängerlaufbahn schon ein Ende gefunden haben? Denn mittel, also mezzo, das wollte sie nie sein. Gleichzeitig erkannte sie, dass sie über eine tiefe Stimme verfügt, die sie bis dahin nie genutzt hatte, das Mezzo- und Altfach „sehr gut bedienen kann“.

Freilich, die ersten Folgen waren fatal. Die Volksoper löste den Vertrag, stellte sie nach dem erfolgreichen Wechsel vom Sopran zum Mezzo und Alt aber später wieder ein. Just während dieses Fachwechsels kam ein verlockendes Angebot von den Salzburger Festspielen, im Mozartjahr 2006 in „Il re pastore“ mitzuwirken. Der Traum vom Salzburger Solodebüt war damit fürs Erste geplatzt.

Aber zielstrebig, wie sie ihre Sopranlaufbahn begonnen hatte, ging Elisabeth Kulman auch ihren Weg als Mezzosopran. Mittlerweile reüssierte sie als Carmen an der Berliner „Linden“-Oper, als Miss Quickly („Falstaff“), Marina („Boris Gudunow“), Ulrica („Maskenball“), erhielt glänzende Kritiken für ihre Gestaltung als Fricka an der Wiener Staatsoper, an der sie einen Residenzvertrag hat. Eben erst hatte sie mit dem neuen Direktor, Dominique Meyer, Gespräche. Aber nur soviel lässt sie sich entlocken: Sie wird weitere Wagner-, aber auch Verdi-Rollen studieren, würde gerne wieder eine Carmen machen, fühlt sich als Herodias besonders wohl, wartet darauf, einmal auch die Dalila in Saint-Saëns „Samson et Dalila“ singen zu können.

Originell am CD-Markt vertreten

In Genf, bei einer neuen „Ring“-Produktion“ unter Ingo Metzmacher, wird sie die Fricka singen, in der kommenden Staatsopernsaison als Smeton in der „Anna Bolena“-Premiere neben Netrebko und Garanca ebenso auftreten wie in den Reprisen des jüngsten Staatsopernerfolgs „Medea“ von Aribert Reimann.

Davor aber hat sie ihren großen Auftritt bei den Festspielen in Salzburg: als Orfeo in Glucks „Orfeo ed Euridice“. Eine Rolle, die sie bereits – wenn auch in einer sehr anderen Fassung von Pina Bausch – in Paris gestaltet hat. „Hochemotional, es passiert nicht viel, es geht um Gefühle“, charakterisiert die Mezzosopranistin ihre Partie. Gespannt ist die Sängerin, die mit besonderen Mahler- und Mussorgsky-CDs auch auf dem Plattenmarkt originell vertreten ist, nicht nur auf die Regie von Dieter Dorn und die Zusammenarbeit mit Riccardo Muti, sondern auch auf die mit ihrer einstigen Studienkollegin Genia Kühmeier. Sie singt die andere Hauptpartie: die Euridice. Premiere ist am 31. Juli.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau