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Die Meisterin der Verwandlung

Die Galerie in der Verbund-Zentrale zeigt frühe Arbeiten der US-Starfotografin und Avantgarde-Ikone Cindy Sherman. Die Faszination, die von Shermans Arbeiten für breite Kreise ausgeht, liegt wohl darin, dass sie genau das tut, wovon viele Menschen nur träumen …

Wenn jemand dazu beigetragen hat, dass Fotografie zu dem begehrtesten Medium der Kunst nach 1945 wurde, dann war es Cindy Sherman. Seit Jahrzehnten zählt die 1954 in New Jersey geborene Fotografin als Star der internationalen Kunstszene schlechthin und ihre Fotografien erzielen in Auktionen Preise, an die sonst nur gemalte Meisterwerke der Kunstgeschichte herankommen. Das Interesse war dementsprechend groß, als die amerikanische Avantgarde-Ikone vor zwei Wochen in Wien zu Gast war. Anlass des Besuchs: Gabriele Schor, Leiterin der Sammlung Verbund, hat nach dreijähriger intensiver Zusammenarbeit mit der Künstlerin einen umfangreichen Catalogue Raisonné des Frühwerks herausgegeben und begleitend dazu eine Ausstellung in der vertikalen achtstöckigen Stiegenhaus-Galerie der Verbund-Zentrale eröffnet. Der Verbund-Sammlung gelingt es mit dem Sherman-Projekt die bisher eingeschlagene Linie erfolgreich fortzusetzen. Denn bereits bei der Gründung im Jahr 2004 lag der Schwerpunkt auf feministischer Avantgarde und auf der Sammlung sowie fundierten Aufarbeitung einzelner Werkkomplexe.

Viele Ichs in einem Körper

Die Sherman-Publikation wie auch die Präsentation mit 50 Fotos und Videos sind insofern besonders gelungen, da sie kunstinteressierte Laien, eingefleischte Sherman-Fans und Fachleute gleichermaßen ansprechen. Vorgestellt werden weitgehend unbekannte frühe Arbeiten, die alle in einem Zeitraum von zweieinhalb Jahren von 1975 bis Sommer 1977 während Shermans Studienzeit in Buffalo entstanden sind. Zu sehen sind also lauter Werke noch vor der Zeit der legendären Filmstills aus den Jahren 1977 bis 1980, in denen sich die Künstlerin in Form von Schwarz-Weiß-Fotografien in fiktiven Filmszenen inszeniert. Dass Shermans Fotoarbeiten in breiten Kreisen auf so große Faszination stoßen, liegt unter anderem daran, dass sie das tut, wovon viele träumen. Mittels subtiler Schminkkunst und vielfältigsten Verkleidungen verwandelt sie sich ständig. Und sie schlüpft für jedes Foto in eine andere Identität, lotet aus, wie viele Ichs in ein und demselben Körper stecken.

Überraschend und überzeugend an der aktuellen Schau ist, dass sie unübersehbar macht, wie früh Sherman bereits ihre charakteristische künstlerische Sprache gefunden hat. Da gibt es kaum ein Experimentieren mit unterschiedlichen Stilrichtungen und Medien wie sonst meist bei Künstlern. Bereits die ganz frühen Shermans sind unverwechselbar. Anhand der Serien "A Play of Selves“ oder "Bus Riders“ (beide 1976) wird sichtbar, dass das Schlüpfen in unterschiedliche Rollen und das Sich-selbst-Inszenieren Sherman bereits zu Beginn ihrer Studienjahre faszinierten; zu einer Zeit, als sie neben dem Studium durch das von Künstlern selbstverwaltete Ausstellungszentrum Hallwalls in Kontakt mit aktuellen Ausdrucksformen wie der Body Art, der Konzept- oder Videokunst kam. Während die ersten Arbeiten wie "Growing Up“ (1975) ganz auf die Wiedergabe des eigenen Gesichts und dessen Verwandlungsmöglichkeit konzentriert sind, beginnt Sherman in einer zweiten Phase ihren ganzen Körper miteinzubeziehen. Mittels Perücken und Verkleidungen fotografiert sie sich in unterschiedlichen Rollen und Posen - als verführerischen Vamp genauso wie als jungen Dandy. Die entworfenen Figuren schneidet sie papierpuppenartig aus dem Fotopapier aus (Cutout) und lässt sie dann in der dritten Werkphase (1976 bis Mitte 1977) miteinander interagieren. So entstehen an den Ausstellungswänden Bilderzählungen wie in der Serie "Murder Mystery“ (1976), in der Sherman mittels 211 ausgeschnittener Figuren eine komplexe Kriminalgeschichte entwickelte.

Eine Liebe-Hass-Geschichte

So humorvoll Shermans Arbeiten erscheinen, so gesellschafts- und sozialkritisch sind sie bei näherer Betrachtung. Dass sie dabei insbesondere die gesellschaftlichen Stereotypen von Weiblichkeit fotografisch auslotet, macht sie zu einer der Hauptvertreterinnen der feministischen Avantgarde, ohne dass dies ursprünglich beabsichtigt war: "Obwohl ich mein Werk nie in einem aktiven Sinne für feministisch oder für ein politisches Statement gehalten habe, beruht natürlich alles daran auf meinen Beobachtungen als Frau in dieser Kultur. Und ein Teil davon ist eine Liebe-Hass-Geschichte, die Tatsache, dass mich Make-up und Glamour faszinieren und ich sie zugleich verabscheue.“

Cindy Sherman. Das Frühwerk 1975-1977

Verbund-Zentrale, Am Hof 6a, 1010 Wien

bis 16. Mai, Mi 18 Uhr, Fr 16 Uhr

Anm.: 050313-50044, sammlung@verbund.com

Katalog: Cindy Sherman. Das Frühwerk 1975-1977. Catalogue Raisonné von Gabriele Schor, Hatje Cantz 2012, 376 S., € 49,-

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