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Die moralisierende Nation

Soziale Probleme, Kriminalität, Drogen, Arbeitslosigkeit sind in erster Linie Sache der individuellen Moral - "Sünden" überwindet man. In Europa dagegen gibt es keine "Sünden", weil man immer Gründe findet, warum man nicht schuld ist.

Amerika ist staatsfeindlich, Europa ist etatistisch: Ein bisschen stimmt das pauschale Vorurteil. Die Auswanderer und Flüchtlinge haben einen negativen Affekt gegen Regierung, Staat und Autorität geprägt.

Der Staat - das ist bloß das government. Das sind einige Leute, die man eine Zeitlang mit dem Job versehen hat, ein paar Angelegenheiten zu erledigen: those guys in Washington, denen man ohnehin - mit gebotenem Misstrauen - immer auf die Finger sehen muss. Der europäische "Staat" ist etwas ganz anderes; so etwas wie die Verkörperung von Sittlichkeit und Vernunft, ein Übermensch. Minister mögen Dummköpfe sein, der Staat ist Weisheit. Das ist den Amerikanern völlig fremd - da ist nichts neben den Dummköpfen. Der amerikanische Staat ist eine horizontale Angelegenheit, eine freiwillige Sache zwischen den Menschen. Der europäische Staat ist eine vertikale Angelegenheit, eine Hierarchie.

Anarchismus

Da die Amerikaner gegen jede Obrigkeit sind, neigen sie eher zum Anarchismus. Es hat in den USA, anders als in Europa, unter allen grassierenden Ideologien (einschließlich stupider Populismen) nie einen etatistischen Extremismus gegeben, wohl aber anarchistische Extremismen. Die Anarchisten treten in unterschiedlicher Verkleidung auf. Eine wilde Version besteht darin, dass sich immer wieder einmal einige Figuren auf einer abgelegenen Farm zusammenrotten, ihren eigenen Staat ausrufen und dann vom FBI beschossen werden. Eine abstrakte Version findet sich im Bereich der Wirtschaftstheorie - die libertäre Strömung. Für diese Theoretiker, die sich fälschlich in der Nachfolge Friedrich von Hayeks sehen, ist der Staat nichts anderes als eine "Gang", vergleichbar der Mafia. Besteuerung ist Diebstahl, die Zentralbank eine Fälschungsinstitution, Wehrpflicht ist Kidnapping.

Europa neigt dazu, den Einzelnen zu entlasten und zuweilen in übertriebener Weise gesellschaftliche Verantwortung einzumahnen: Der Verbrecher ist Opfer der Gesellschaft. Wenn man in der Schule scheitert, ist die Schule schuld. In den USA ist die Wahrnehmung anders: Soziale Probleme sind in erster Linie Sache der individuellen Moral. Kriminalität, Arbeitslosigkeit, Drogen - alles eine Sache des Charakters.

Auf individueller wie auf kollektiver Ebene gilt die Unterscheidung von Gut und Böse; sie wird in amerikanischen Kinofilmen immer und immer wieder dargestellt. Grauzonen, Ambivalenzen, Widersprüchlichkeiten - das ist nicht Sache der amerikanischen Weltsicht. Das Gute ist religiös begründet, darauf baut das Land auf. Die Existenz des Guten bedingt die Existenz des Bösen. Das Böse ist zu bekämpfen, allenfalls zu vernichten; Armageddon: eine Wahrnehmung, wie sie einem sektiererischen Denken geziemt. Da müssen im Ernstfall andere Werte zurückstehen.

Clintons Fummelei

Die Moralisierung geht mit Heuchelei einher. Bill Clinton brachte es nicht zu einem "normalen" Seitensprung, nur zu einer Fummelei (da sind die jederzeit abrufbaren Schuldgefühle typisch und hemmend). Aber er hat in der Folge getan, was nach amerikanischem Muster zu tun war: Er hat bereut; eingestanden, ein Sünder zu sein; zu Gott gebetet, ihm zur Besserung zu verhelfen. Das ist es, was Amerikaner erwarten: Reue, Besserung, die Herstellung von Konformität - dann dürfen auch alle verlorenen Söhne heimkehren.

Der Anspruch auf die Idealisierung und Vervollkommnung des Einzelnen wird auf die Gesellschaft übertragen. Sie müsste sich in amerikanischer Sicht zum perfekten Kollektiv formen: Perfektibilität der Menschen und Perfektibilität der Gesellschaft als Erbschaft der revolutionären Ursprungsideologie. Die Europäer finden wir am anderen Pol: Die Unterstellung, dass ihre Gesellschaft sich der Vollkommenheit nähere, würden sie bestenfalls ironisch kommentieren.

Die Moralisierung verhindert nicht Enron. Aber es liegt den Amerikanern, solche Probleme mit Ethik-Kodizes und anderen moralischen Propagandamaßnahmen beseitigen zu wollen. Doch da die amerikanischen Erzählungen über die Defizite der Institutionen meistens mit dem Sieg der gerechten Sache enden, gibt es keinen Grund dafür, trotz aller Unzulänglichkeiten das Land nicht doch mit Inbrunst für das beste der Welt zu halten und mit ihm versöhnt zu sein. Sünden überwindet man. In Europa gibt es keine Sünden, weil man immer Gründe findet, warum man nicht schuld ist.

Das Bewusstsein der Vereinigten Staaten, das Richtige zu tun, verbindet sich mit Missionarismus und Selbstgerechtigkeit. Denn Amerika weiß, dass es recht hat. Wer kritisiert, der schließt sich tendenziell aus der community aus. Für die Amerikaner besteht kein Zweifel, dass es das grundlegende Bestreben aller Menschen auf Erden sein müsse, Amerika ähnlich zu werden. Man muss es ihnen nur beibringen.

Die beste aller Welten

Amerikaner betrachten Europa als ein sonderbares Gemenge verrückter und unzuverlässiger Völkerschaften, die einander alle paar Jahrzehnte zu massakrieren trachten - was ja nicht so falsch ist. Deshalb fühlen sich die Amerikaner als einzige globale Ordnungsmacht, die sich um Gerechtigkeit und Menschenwürde bemüht. So betrachten sie es keineswegs als Hybris, sich über transnationale Einrichtungen wie die UNO hinwegzusetzen und der Weltwirtschaft die Spielregeln vorgeben zu wollen. Das ist nicht nur Arroganz, dem liegt der Glaube zugrunde, dass Amerika ohnehin für die beste aller denkbaren Welten sorgt. Und tatsächlich dürfte es im historischen Vergleich ein sehr gutes Imperium sein.

Die USA stellen aber zugleich ein vormodernes Imperium dar. Denn die staatspolitische Entwicklung der letzten Jahrhunderte hat von der Macht zum Recht geführt. Nach den Religionskriegen wurde das Völkerrecht zu einer politischen Denkkategorie, trotz aller Rückfälle. Und die Errichtung der Europäischen Union ist eine staatsphilosophische Sensation: Erstmals (nicht als Ergebnis eines Krieges, sondern durch Freiwilligkeit) findet ein Souveränitätsverzicht von Staaten statt, die sich unter ein gemeinsames Recht (und unter entsprechende Institutionen) einordnen: ein Verrechtlichungsprozess im transnationalen Bereich. Das steht im Gegensatz zum Entrechtlichungsprozess, in dem sich die USA befinden: Sie streifen die Bindungen ab, zunächst jene des Völkerrechts, dann jene der UNO, schließlich jene der NATO; am Ende auch die Konventionen des internationalen Umgangs unter befreundeten Staaten. Es gilt die Macht, das Recht des Stärkeren, natürlich mit den besten Absichten.

Recht - Macht - Moral

Wieder aber ist einzuschränken: Es steht für Amerika nicht nur das nüchterne Kalkül des Stärkeren im Hintergrund, die Vision, die amerikanische Superiorität global auch noch für die zweite Jahrhunderthälfte zu sichern; sondern eben die Verbindung von Recht, Macht und Moral. In Europa wird ein Verbrecher verurteilt, weil er Rechtsbrüche begangen hat, nicht weil er moralisch verwerflich ist. In den USA wird ihm sehr wohl mangelnde Moral vorgeworfen, und daraus lassen sich Rachegedanken und Todesstrafe erklären. Das lässt sich auf die internationale Ebene übertragen: Die Amerikaner fühlen sich zur Terminologie des Religiösen hingezogen, bis zum "Kreuzzug".

Das Verhalten irritiert Europa: Einmal paktieren die Amerikaner mit den übelsten Diktatoren, dann wieder stürzen sie sich mit emotionell-patriotischem Getöse in einen überhasteten Krieg. Amerika scheint unberechenbar, manchmal naiv, manchmal besonders hinterlistig und kaltschnäuzig. Der Umstand, dass schlechte Umfrageergebnisse über die Popularität des Präsidenten geeignet sind, Bombardierungen da und dort auszulösen, vermittelt den Europäern Unbehagen. Ein Missionar im Cowboy-Gewand ist eine prekäre Gestalt - besonders für opportunistische Europäer.

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