Die nackten Freunde des Erwin W.

Erwin Wurm zeigt in der Albertina seine Serie "De Profundis“, in der er Fotografien von unbekleideten, älteren Künstler-Kollegen durch Übermalungen wie Skulpturen bearbeitet hat. Das Bild des asketischen, auf Weisheit konzentrierten Künstlers findet man aber nicht.

Cajetan kniet, Hermann sieht aus dem Fenster, Herbert liegt im Garten, Michael faltet die Hände, Christian L. blickt zum Himmel. Fast alle sind nackt, die meisten mit Farben im Nachhinein teils bekleidet. Hermann darf als einer der wenigen seine Malerhose anbehalten. Matthias ist eine Ausnahme, weil er vollkommen unkenntlich gemacht wurde - würde ihn nicht der Vorname im Titel in Kombination mit den Burgtheaterwänden verraten.

Erwin Wurm hat für seine Serie "De Profundis“ bei zahlreichen Künstlerkollegen - von Attersee über Nitsch und Hartmann bis Scheibl und West - angeklopft und sie unbekleidet und teilweise in zum Titel passenden Büßerposen abgelichtet. Auch Wurm selbst fehlt nicht. Im zweiten Schritt hat er die Fotografien übermalt, manchmal mit dicker Schrift, manchmal mit einer Tuschezeichnung seines eigenen Körpers, zumeist mit Pinselstrichen. Viele wurden so zumindest teilweise unkenntlich gemacht, manche verschönert, andere zum Monstrum stilisiert, jedenfalls verletzlich und unschön präsentiert.

Körperliche Unzulänglichkeiten

Doch auch mit gemalten Balken über den Augen und Körperteilen erkennt man sie, die Riege großteils älterer österreichischer Künstler. Wurms Absicht war es jedoch, wie er sagt, nicht, ein Rätselraten in der Pfeilerhalle der Albertina zu provozieren: "Es geht nicht um die Wiedererkennbarkeit, es soll ganz egal sein, wer es ist, das ist doch völlig uninteressant. Sondern letztlich geht es um das Bild des Mannes, des nackten Mannes heute, um Körper, die wir als Besitz verstehen, verkaufen können … das hat mich interessiert.“ Das Bild eines Mannes also, der im Gegensatz zu den Künstlerbildnissen und -selbstbildnissen aus Mittelalter und Renaissance keineswegs der Asket ist, der zugunsten der Weisheit auf alle weltlichen Gelüste verzichtet. Ein Künstler, der nicht idealisiert dargestellt wird, der zu seinen Schwächen und körperlichen Unzulänglichkeiten steht.

"Schonungslos“ nennt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder die Ausstellung, in der er einen "ganz neuen Erwin Wurm zeigt, aber doch eine Bestätigung für das, wofür er weltweit bekannt ist: eine neue Art von Skulptur“. Die Arbeiten "sprechen dem Hohn, was in unserer Zeit als Schönheitsideal gilt“, sie erzählen, so Schröder, von Einsamkeit, Hässlichkeit und Verfall anstatt von der Überlegenheit des Alters, von einer Opulenz der Maßlosigkeit, von Fleischmassen anstatt von Weisheit und Zurückhaltung. "Diese Ausstellung“, so Schröder, "ist eine der wichtigsten in der Geschichte der Albertina. Sie ist eine, die den letzten Fragen nicht ausweicht. Sie ist uneitel und radikal.“

Anonymisierung der Modelle

Obwohl es sich bei Wurms Arbeiten um Fotografien und Übermalungen handelt, war es dem Künstler, der auch durch seine One Minute Sculptures international bekannt wurde, sehr wichtig "die Werke wie Skulpturen zu behandeln“. Einmal mehr hat er eine neue Version dessen schaffen wollen, was Skulpturen sein können. So verdecken die gemalten Streifen Bäuche und Genitalien, malen manch einem aber auch mehr Umfang dazu. "Abbilden alleine war mir nicht genug, ich wollte noch etwas verstärken und unterstreichen und habe sie skulptural verändert“, sagt Wurm. "Die neuen Körper verstümmeln die alten.“

Durch die Anonymisierung der Modelle wolle man aber auch erreichen, dass der Betrachter im Objekt sich selbst sieht und die Probleme des alternden Körpers. Kuratorin Antonia Hoerschelmann sieht in den Werken "Hoffnung zur Transformation in einen anderen Menschen, da die gemalten Gestalten einen neuen Körper bekommen“. Es gebe "wenige Künstler, die in dieser Lebensphase den Mut haben, den Schritt zu wagen und etwas völlig Neues, Unbequemes zu machen“, zollt sie Wurm Tribut. Und dieser verrät, dass die Serie "De Profundis“ zwar abgeschlossen ist, er die Ideen aber "noch weiter in Richtung Skulptur treiben möchte“.

Erwin Wurm: De Profundis

Albertina, Albertinaplatz 1, 1010 Wien

bis 17. Februar 2013, täglich 10-18, Mi bis 21 Uhr

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