Die negativen Folgen des Klimagipfels

Das gescheiterte Klimatreffen von Kopenhagen hat zu einem Kurssturz der CO2-Zertifikate geführt. Die Wirtschaftskrise drückt zusätzlich auf den Markt für erneuerbare Energieträger.

Von einem „neuen Aufbruch“ hatte US-Präsident Barack Obama gesprochen, als er kurz nach dem Klimagipfel von Kopenhagen an die Öffentlichkeit ging. In fast gleichlautenden Worten ließ sich Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel vernehmen, die darum bat, die Ergebnisse des Gipfels „nicht kleinzureden“.

Zur Erinnerung: Die offiziell als Copenhagen-Accord bezeichnete Schlusserklärung sieht vor, dass dem verbindlichen, bis 2012 gültigen Kyoto-Protokoll zur Eindämmung der Treibhausgase unverbindliche, also freiwillige Zielsetzungen der einzelnen Nationen folgen. Weder China noch die USA haben sich bereiterklärt, die Einhaltung ihrer Ziele von internationalen Experten der Vereinten Nationen überprüfen zu lassen. Der Klimaschutz liefe demnach 2012 in seiner jetzigen Form ohne adäquaten Ersatz aus. Ende dieses Monats nun sollten die Staaten ihre freiwilligen Ziele bekanntgeben.

Dass das Vertrauen in die Freiwilligkeit der Leistungen gegen Null tendiert, lässt sich allerdings schon jetzt ablesen. Genauer gesagt an dem internationalen Handel mit Klimazertifikaten, der seit 2005 läuft. Gleich nach Ende des Dezembergipfels in Dänemark stürzte der Preis pro Tonne CO2 um zehn Prozent ab. Nur noch 12,40 Euro kostete die Tonne. Die NGO-Plattform Klimaretter.de brachte es so auf den Punkt: „Damit wird dreckige Luft billiger.“ Die Deutsche Bank drückte es ein wenig nobler aus: „Auf die Verwirrung nach Kopenhagen folgte Unsicherheit.“

Das verlorene Konzept

Dabei war das alles eigentlich ganz anders geplant gewesen. Der Handel mit Zertifikaten, die von den Hauptverschmutzern der Atmosphäre zu bezahlen wären, galt als für alle Beteiligten rentabler Weg, die Kosten des Klimawandels auf klimaschädliche Staaten zu verteilen und gleichzeitig einen Innovationsdruck in diesen Ländern Richtung Umweltschutz zu erzeugen. Je höher der Druck Richtung Klimaschutz, desto höher der Preis der Zertifikate. Von mindestens 30 Dollar pro Tonne CO2 war damals die Rede.

Doch was, wenn 2012 die Vereinbarungen von Kyoto ersatzlos auslaufen? Bestünde dann noch Nachfrage an Zertifikaten? Sicher, meinen Experten, aber nur in ausgewählten Regionen, etwa in der EU, die sich verpflichtet hat, bis 2020 mit ambitioniertem Klimaschutz fortzufahren. Zusätzlich würden die alten Ausstoßrechte nicht verfallen, sondern wären über das Jahr 2012 hinaus übertragbar. Umweltschutzorganisationen fürchten jedoch einen „toten Markt“, der stark an Attraktivität verliert. Außerdem dürfte sich das Lobbying der europäischen Industrie in Brüssel wegen des globalen Wettbewerbsnachteils durch die Klimakosten massiv verschärfen. Die bereits beim Klimagipfel in Kopenhagen diskutierte Kohlendioxidsteuer als Alternative vergrößert zusätzlich die Befürchtung, der Emissionshandel könnte bald schon Geschichte sein.

Schon im Vorjahr, zu Beginn der Wirtschaftskrise, hatte sich das börsenartige Zukunftsmodell des Zertifikatehandels als äußerst anfällig erwiesen. Der Kurs der Zertifikate sank binnen weniger Monate weitgehend unbemerkt von der Weltöffentlichkeit um zwei Drittel.

Währenddessen priesen Wirtschaftswissenschafter in aller Welt Umwelttechnologien und Klimaschutz als das Feld, auf dem sich die kommende Technologierevolution abspielen und – wenn nicht schon alles – so doch die Weltwirtschaft zu neuen Höhenflügen treiben würde.

Doch nichts von alldem scheint sich nun zu bewahrheiten. Im Gegenteil. Die Aktien für Unternehmen, die erneuerbare Energie produzieren und neue Technologie entwickeln, vereinigt im „WilderHill New Energy Global Innovation Index“, sanken im Kurswert zum Teil stärker als jene der im S&P-Index notierten Technologieunternehmen.

Das Unternehmen British Petrol, das vor 2008 massiv in den Bereich erneuerbarer Energien investiert hatte, senkt die Investitionen laut dem Londoner economist von 1,4 Milliarden Dollar im Jahr 2008 auf eine Milliarde Dollar 2009. Auch der Shell-Konzern kündigte an, sich in Zukunft mehr auf die Entwicklung der umstrittenen Bio-Treibstoffe konzentrieren zu wollen als auf die Bereiche Wind-, Wasser und Solarenergie.

Der Grund für die sinkende Bereitschaft der Konzerne und Investoren, die Entwicklung von erneuerbaren Energien voranzutreiben, dürfte darin zu suchen sein, dass die Entwicklungskosten im Vergleich zu den zu erwartenden Gewinnen relativ hoch sind, die kreditgebenden Geldinstitute deshalb mit Investitionskapital geizen. Im Vergleich mit erneuerbaren Energieträgern sind fossile Rohstoffe in der Gewinnung um mehr als 30 Prozent billiger.

Dass im Zuge der Lehman-Pleite gerade die besonders in erneuerbaren Energien tätigen Banken Fortis und American Mutual ins Trudeln gerieten, verschärfte noch die Geldknappheit – und damit gleichzeitig die Zurückhaltung auf den Aktienmärkten.

Die harten Folgen der Krise

Dazu kam noch der sinkende Energiebedarf in der Wirtschaftskrise und die trotz aller Absichtserklärungen sinkende Bereitschaft der Staaten, erneuerbare Energieträger steuerlich aufzuwerten. Laut HSBC-Analysten sank beispielsweise die Auftragslage international operierender Windturbinen-Erzeuger um mehr als die Hälfte.

Das alles sind allerdings nur Details in einem großen Gesamtbild, das von der generellen Umgangsweise der Staaten mit dem Klimaschutz geprägt ist, der den auf dem internationalen Aktienmärkten so wichtigen Glauben an den Erfolg unterminiert und das nicht erst seit Kopenhagen. In Kyoto hatten sich die meisten Industrienationen verpflichtet, ihre Treibhausgasemissionen empfindlich zu senken. Demgegenüber – und jedem Zertifikat-Preisdruck zum Trotz – stieg aber der Ausstoß von Treibhausgasen weltweit um 20 Prozent seit 1997 an. Was immer die Staaten also in drei Wochen an die UNO an CO2-Verpflichtungen melden werden – es wird sich um Zahlen handeln, die der Wirtschaftskrisen-Realität eher entsprechen als dem Klimagewissen. Was wiederum nichts anderes bedeutet als eine Aktionsflaute, die der politischen von Kopenhagen auf den Fuß folgt.

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