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Die neue Arithmetik von Öl und Brot

Ökonomen haben das Wechselspiel der Preise von Lebensmitteln und anderen Rohstoffen untersucht - mit sehr überraschenden, aber wenig Freude verbreitenden Ergebnissen.

Der moderne Mensch verlangt von der Wissenschaft längst nicht mehr die umfassende Deutung der Welt und die Erläuterung der letzten Seinsgründe. Manchmal passiert es freilich, dass er auch bei scheinbar banalen Fragen vergeblich auf Erleuchtung hofft. Eine dieser wissenschaftlichen Peinlichkeiten betrifft die Ökonomie - und ihre Versuche, das Geschehen auf Rohstoffmärkten zu deuten. Fragen-Beispiele: Wie wird der Brotpreis gemacht? Oder: Wer bestimmt den Ölpreis? Sind es Spekulation, sich ändernde Lagerbestände, steigende Nachfrage in China und Indien? Naturkatastrophen in Australien? Dürren in China? Die Konkurrenz von Biotreibstoffen?

Die Antworten auf diese Fragen sind heiß umfehdet und die Ratlosigkeit der meisten Forscher besonders schmerzlich, da die Welt nach der Preishausse zwischen 2006 und 2008 wieder vor einer rekordverdächtigen Preissteigerung steht.

Weizen durchbrach vergangene Woche an der Warenbörse in Wien die "Schallmauer“ von 300 Euro pro Scheffel, so hoch war der Preis noch nie. Die weltweite Preisentwicklung nähert sich generell dem höchsten Stand seit dem Zweiten Weltkrieg. Das hat nicht nur revolutionäre Auswirkungen für Konsumenten und Politik von Tunis bis Bahrain. Diese Entwicklung stellt auch eine der wichtigsten Grundkonstanten der Wirtschaftslehre infrage: Den "relativen Rückgang der Preise landwirtschaftlicher Güter“ seit 1945. Bisher gingen die Ökonomen aufgrund der vorliegenden Daten von einer Schrumpfung der Preise gemessen am allgemeinen Preisniveau aus und leiteten daraus auch einen zukünftigen Trend ab. Zurückgeführt wurde das auf die gleichbleibende oder schrumpfende, in der Fachsprache "unelastische“ Nachfrage nach diesen Basisgütern bei steigendem Wohlstand.

Die ökonomische Trendumkehr

Da sich derzeit auf den realen Märkten gerade das Gegenteil zeigt, stellt sich die Frage: Was hat sich geändert, dass der Trend nicht mehr hält? Im vergangenen Jahr haben sich nun zwei erfahrene Wissenschafter der Weltbank aufgemacht, die paradoxe Entwicklung zu untersuchen und zwar anhand der jüngsten Preisexplosion zwischen 2006 und 2008.

Und tatsächlich konnten John Baffes (Weltbank) und Tassos Haniotis (EU-Kommission) ein neues Erklärungsmodell entwickeln, das der Realität eher Rechnung trägt als alle fruchtlosen Versuche davor. Sie verglichen nämlich die Preisentwicklungen verschiedener Rohstoffe miteinander, anstatt sie als isolierte Entwicklungen zu sehen und zu deuten.

Dabei zeigte sich eine große Abhängigkeit der Preise verwandter Güter. So bewegten sich die Preise von Palmöl und Sojabohnenöl praktisch synchron. Das gleiche Phänomen beobachteten die Wissenschafter bei unterschiedlichen Getreidearten: Weizen, Mais, Reis und Soja. Die Märkte stehen also intensiver miteinander in Verbindung als bisher angenommen. Erklärung von Baffes und Haniotis: Eine Preissteigerung bei Mais führt Käufer dazu, ein im Vergleich billigeres Komplementärgut wie Soja zu wählen. Aufgrund der steigenden Nachfrage steigt nun auch der Preis von Soja und pendelt sich seinerseits auf einem höheren Marktpreis ein. Die Übereinstimmung erreicht übrigens in der Berechnung den Wert von 0,98 bei einem möglichen Höchstwert von 1.

Der Erdölfaktor

Die zentrale Verantwortung für die steigenden Lebensmittelpreise orten die Wissenschafter aber im Erdölmarkt. Bewegungen des Rohölpreises und jener für Nahrungsmittel (siehe Grafik oben) seien beinahe deckungsgleich. Schon in den 70er-Jahren waren während der Ölschocks nicht nur die Preise für Benzin, sondern auch die Lebensmittelpreise stark gestiegen. Einen ähnlichen Sprung vollzogen die Lebensmittel zwischen 2006 und 2008.

Mögliche Erklärungen dafür sind die mit fossilen Treibstoffen betriebenen Landwirtschaftlichen Nutzfahrzeuge, längere Transportwege mit Benzin- und Dieselgetriebenen Schiffen und LKWs und der steigende Einsatz von Kunstdünger, zu dessen Erzeugung große Mengen an Erdöl und Erdgas benötigt werden. Schluss von Baffes und Haniotis: Nicht so sehr die Biotreibstoffe sind Preistreiber bei den Lebensmitteln als vielmehr Erdöl selbst. Ausdrücklich wird allerdings hervorgehoben, dass Bio-spritrohstoffe sehr wohl in Zukunft einen größeren Einfluss auf die Lebensmittelpreise haben könnten.

Hier kommt auch die Spekulation von Hedgefonds und Investoren wieder ins Spiel. Denn nach dieser Lesart reicht eine Spekulationsblase auf dem Rohölmarkt aus, um die Lebensmittelpreise mit zu steigern. Doch auch die Spekulation von Hedgefonds und anderen Investoren in die landwirtschaftlichen Rohstoffmärkte hätten zugenommen. Dabei beziehen sich die Forscher auf eine 2010 veröffentlichte Arbeit des US-Agrarökonomen Christopher Gilbert, der zu der Auffassung gelangt war, dass "das Investment über die ganze Bandbreite agrarischer Rohstoffe eine Inflation der Preise zur Folge hatte“. Die Aktivität diverser Fonds hätte demnach "eine Schlüsselrolle bei der Preishausse 2008 gespielt“.

Diese Aktivitäten werden von den Studienautoren in Zusammenhang mit dem steigenden Investkapital gesehen, das durch die Niedrigzinspolitik der Notenbanken gefördert wird. "Obwohl dieses Kapital nicht in der Lage war, einen grundsätzlichen Trend zu schaffen, verstärkte und verlängerte es bestehende Preiszyklen.“

Eine weitere überraschende Erkenntnis betrifft den Energie- und Lebensmittelhunger der aufstrebenden Wirtschaftsmächte China und Indien, der so oft in Analysen als "Nachfrageschock“ und Ursache für den Preisanstieg gesehen wird: Die Autoren analysierten deshalb das Bevölkerungswachstum die steigenden Einkommen der vergangenen Jahrzehnte und verglichen sie mit der Nachfrage nach Nahrungsmitteln. Ihr Befund: "Wir fanden keinerlei Beweis, dass der angeblich höhere Bedarf in den Schwellenländern irgendeinen Effekt auf die Preisentwicklung hatte.“

Und Umweltkatastrophen oder Dürren als Ursache für steigende Preise? Die Analyse dazu fällt gemischt aus: "Solche Angebotsschocks sind keine Ausnahme. Australien erlebte von 2002 bis 2008 drei Dürren, Trockenheit in Südamerika beeinflusste die Ölsaaten-Märkte ein ganzes Jahr. Aber die Größe dieser Ereignisse kann nicht das Ausmaß der Preissteigerungen erklären.“

Etwas teure Aussichten

Was bedeuten diese Analysen nun aber für die Zukunft? Tendenziell nichts besonders Gutes, denn die Erdölpreise werden auch für die kommenden Jahrzehnte auf einem Preisniveau jenseits der 80 Dollar erwartet. Damit müsste sich die Menschheit von Lebensmittel-Preisen verabschieden, wie sie bis 2004 bei einem Ölpreis von 20 Dollar pro Fass üblich waren. Dagegen würden auch die von Frankreich propagierten Regelungen gegen Spekulation auf Nahrungsmittel kaum etwas ändern - schon gar nicht, wenn diese Regelungen nur auf einzelne Güter, etwa Weizen, angewendet werden und das Öl außer Acht lassen. Politisch-revolutionär gesehen wird es besonders für Ägypten Probleme geben. Das Land ist mit 10,2 Millionen Tonnen der größte Weizenimporteur der Welt und hat im Gegensatz zu seinen arabischen Nachbarn kein Öl.

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