Eine Architektur-Reportage aus der Kleinstadt Torshok im Vorfeld der russischen Präsidentschaftswahlen.

In 70 Jahren Kommunismus hatten die Städte der Sowjetunion vollends an Eigenständigkeit verloren. Welche Industriezweige angesiedelt, wie viele Wohnblöcke gebaut oder wo genau Straßenschneisen durch die Altstadt geschlagen werden sollten, wurde nicht von lokalen Fachleuten festgelegt, sondern von den staatlichen Planungsbehörden in Moskau, Kiew oder Minsk. Der Niedergang der Sowjetunion bedeutete jedoch nicht automatisch auch das Ende der zentralisierten Planungsstruktur: Noch heute sind die Stadtarchitekten der meisten Klein- und Mittelstädte Russlands in vielem abhängig von den Vorgaben der regionalen und nationalen Planungsinstitute - und vor allem von den Finanzmitteln aus Moskau.

Die Regierung bündelt - in Abkehr vom kommunistischen Prinzip der Umverteilung - ihre Investitionen heute aber vor allem in den größeren Städten und entlang der Hauptachsen des Verkehrs. Für die Provinz bleibt da kaum mehr etwas übrig - wobei in Russland unter "Provinz" durchaus Städte mit bis zu 300.000 Einwohnern zu verstehen sind: Städte, die weitaus mehr bieten, als das Klischee der tristen Industrie- und Platten bauagglomeration erwarten lässt; Städte, die ein Jahrhunderte altes, oft bis in die Hanse-Zeit zurückreichendes bauliches Erbe aufweisen - für deren Erhaltung und Erneuerung sie nun auf sich allein gestellt sind, parallel zur Bewältigung des radikalen ökonomischen und sozialen Wandels.

"Provinz" auf sich gestellt

Dabei zeigt sich gerade in historischen Städten, dass eine Lösung vieler wirtschaftlicher, ja alltäglicher Probleme untrennbar verbunden ist mit der Lösung stadtplanerischer Aufgaben. Das mittelrussische Torshok etwa war einst eine bedeutende Handelsstadt zwischen Moskau und Petersburg, wovon noch sein frühklassizistisches Stadtbild zeugt. Heute stehen die dominanten Gebäude der 55.000 Einwohner zählenden Kreisstadt allerdings leer und sind dem Verfall preisgegeben. So auch das Auferstehungskloster inmitten der historischen Altstadt, das im Kommunismus als Nähfabrik missbraucht wurde. Zwar ist die gewerbliche Nutzung mittlerweile aus dem sakralen Ensemble ausgelagert, für die Sanierung und Erhaltung der desolaten Gebäude fehlen aber sowohl die Konzepte als auch die nötigen Mittel von Seiten der übergeordneten Stellen. Daher suchte Torshok Unterstützung im westlichen Ausland.

Angeregt durch ein Projekt im nordrhein-westfälischen Raesfeld, wo in einer mittelalterlichen Schlossanlage Handwerker in traditionellen Bauberufen für die Restaurierung ausgebildet werden, kam man in Torshok auf die Idee, eine "Akademie des Handwerks" im Auferstehungskloster aufzubauen: eine Schule für Maurer, Steinmetze, Stukkateure, Maler, Zimmerer und Kunstschmiede - alles Berufe, die der industrialisierte Wohnbau der Sowjetunion aussterben ließ, da sie bei der Errichtung von Plattenbauten nicht von Nöten waren. Umso mehr bedürfen die heruntergekommenen russischen Altstädte jetzt und in Zukunft dieser Fachleute.

Verkommene Altstädte

Eine "Akademie des Handwerks" würde zum einen dem Wert des Standorts im Zentrum der Stadt und zum anderen der kulturgeschichtlichen Bedeutung des Klosters als traditionelle Ausbildungsstätte entsprechen. Noch entscheidender ist aber, dass die historische Anlage als Studien- und Übungsobjekt für angehende Handwerker eine umfassende und quasi kostenlose Sanierung erhielte. Schließlich könnte das ehemalige Kloster jungen Unternehmensgründern noch Raum für erste günstige Betriebsstätten bieten - und damit den Schulbetrieb finanzieren sowie die Entwicklung einer regional eigenständigen, kleinstrukturierten Bauwirtschaft initiieren.

Architektur und Tourismus

Auch die Planungen für das vom Verfall bedrohte "Haus des Gouverneurs", Teil des architektonisch bedeutsamen Palastplatzes, sollen mehrere Initialzündungen auslösen: Für den Komplex aus dem späten 18. Jahrhundert ist der Einbau eines Hotels mit 60 Betten und einem Restaurant vorgesehen - als notwendige Voraussetzung, um das große touristische Potenzial der historischen Altstadt und der umgebenden Landschaft zu entwickeln. Das Haupthaus sowie die alten Remisen sollen grundlegend renoviert und adaptiert - und durch einen sensiblen Anbau in zeitgenössischer Architektur erweitert werden. Dies ist für Russland nicht selbstverständlich, zumal man hier in Denkmalpflege und Stadterneuerung oft noch auf die originalgetreue Rekonstruktion setzt - auch um den Preis einer mangelnden wirtschaftlichen Nutzbarkeit der sanierten Objekte.

Das schrittweise realisierbare Konzept für die künftige Neunutzung als Hotel sieht vor, dass die Baumaßnahmen durch junge Fachleute der "Akademie des Handwerks" erfolgen. Doch nicht nur das Baugewerbe soll hier Arbeitskräfte qualifizieren können: Es ist geplant, das "Haus des Gouverneurs" in den Nebensaisonen als Schulbetrieb für Berufe der Hotellerie und Gastronomie zu führen. Wurden zur Entwicklung der Konzepte für die Handwerksakademie und das Schulhotel deutsche Planer als Berater in die Stadt geholt, so stand ein kanadischer Architekt für ein Projekt im Bereich Wohnbau Pate.

Ziel war es, einen Haustyp zu kreieren, der aufgrund der wirtschaftlichen Lage schlicht und pragmatisch sein musste - und dennoch modernen Anforderungen entspricht. So wurde eine Holz-Leichtbau-Konstruktion entworfen, die nicht nur die große russische Holzbautradition aufgreift, sondern vor allem entscheidende ökonomische Vorteile bietet: Das Baumaterial ist in der Regel vor Ort verfügbar, die Errichtung erfordert keine besonderen Fachkenntnisse, die notwendigen Werkzeuge sind einfach - und kein Bauteil ist schwerer, als dass er nicht von zwei Leuten getragen werden kann. Das "Torshok-Haus" kann also bei minimalen Kosten ohne Probleme im Eigenbau erfolgen. Der Wohnbau ist an sich zweigeschoßig konzipiert, kann aber unter Wiederverwendung der Dachkonstruktion auch nachträglich um ein drittes Geschoß erweitert werden. Die Anordnung des Treppenhauses erlaubt die Nutzung als Ein- oder Mehrfamilienhaus. Und städtebaulich kann der Typ sowohl als Einzel- als auch als Doppel- oder Reihenhaus Einsatz finden.

Neuer Haustyp

Für den Stadtarchitekten ist das "Torshok-Haus" ein Symbol für die neue Selbständigkeit, zu der seine Stadt durch das Versagen des Staates ursprünglich gezwungen wurde, an der Torshok nun aber freiwillig festhält - um nicht nur die Erneuerung des historischen Stadtkörpers, sondern auch seine sozioökonomische Entwicklung voranzutreiben. Damit zeigt Torshok einen neuen Weg für Tausende Klein- und Mittelstädte Russlands auf.

Der Autor war als Stadtplaner unter anderem auch in Russland tätig.

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