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Die neuen Weissagungen

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Die Orakel-Kunst alter Zeiten ist heute zum boomenden Geschäft der Zukunftsforschung geworden: Immer mehr Forscher werden von der "Welt von Morgen" in den Bann gezogen.

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Die Orakel-Kunst alter Zeiten ist heute zum boomenden Geschäft der Zukunftsforschung geworden: Immer mehr Forscher werden von der "Welt von Morgen" in den Bann gezogen.

Die Fähigkeit, künftige Ereignisse vorherzusehen, war schon immer heiß begehrt. Im antiken Griechenland etwa war das Orakel von Delphi die wichtigste Kultstätte der hellenischen Welt. Am Hang des Parnass-Gebirges vollzog eine Priesterschaft eindrucksvolle Rituale, um Einsichten in die Zukunft zu erhalten. Die Weissagung erfolgte im Apollon-Tempel. Der Überlieferung nach setzte sich eine Priesterin über eine Erdspalte, aus der berauschende Dämpfe aufstiegen. Im Trancezustand soll sie rätselhafte Sprüche formuliert haben, die nach einer Deutung verlangten. Berühmte Klienten des Orakels erhielten so ihr Schicksal enthüllt: König Laios (der Vater des Unglücksraben Ödipus) ebenso wie der sagenhaft reiche Krösus oder Alexander der Große.

Historiker vermuten, dass es nicht nur außergewöhnliche Bewusstseinszustände waren, welche die delphischen Priester zur Weissagung ermächtigten. Sie hatten wohl auch spezielle Informanten und die Fähigkeit, deren Mitteilungen zu vernetzen und ungeahnte Zusammenhänge herzustellen.

Heute sind aus mythisch umnebelten Weissagungen wissenschaftlich fundierte Prognosen geworden. Das rituelle Brimborium ist verschwunden, doch ihren Stellenwert hat die zur Zukunftsforschung transformierte Orakel-Kunst nicht eingebüßt. Im Gegenteil: Je mehr Informationen verfügbar sind, desto dichter werden die Vernetzungen. Und desto eher erhofft man sich den rechnerischen Zugriff auf die Zukunft. Rasant wachsende Datenmengen erscheinen nun wie Goldminen, um wertvolle Prognosen zu schürfen.

Prognosen durch "Big Data"

Kein Wunder, dass sich Forscher jetzt gerne auf das Künftige verlegen. Das gilt nicht mehr nur für Meteorologen oder Demografen, die traditionell darauf spezialisiert sind, das Wetter oder die Bevölkerungsentwicklung vorherzusagen. Angesichts des viel diskutierten Aufbruchs ins digitale Zeitalter verwandeln sich nun so manche Vordenker zu säkularen Propheten. Selbst Historiker, die ihren Blick sonst konsequent auf die Vergangenheit gerichtet haben, wenden sich der faszinierenden Welt der Zukunft zu: Nachdem Yuval Noah Harari die Geschichte der Menschheit im Schnelldurchlauf beleuchtet hat, ist er mit seinem Buch "Homo Deus" (Beck, 2017) in der "Geschichte von Morgen" angekommen und widmet sich der großen Frage, wie neue Technologien dem Menschen gottgleiche Fähigkeiten verleihen werden. Darin zeigt sich das Narrativ eines neuen Selbstverständnisses: der Mensch -ein Wesen, das sich vom Tier zum (Prothesen-)Gott entwickelt hat.

Tatsächlich scheint eine Welle technologischer Beschleunigung die Welt erfasst zu haben. Staucht man die Zeitleiste so, dass die Erde erst vor einem Jahr entstanden wäre, dann betrat der "Homo sapiens" vor weniger als zwölf Minuten die Bühne, die Landwirtschaft begann vor etwas mehr als einer Minute und die industrielle Revolution vor weniger als zwei Sekunden; der Computer wäre nur 0,4 Sekunden alt und das Internet weniger als eine Zehntelsekunde: Die Halbwertszeit der technischen Innovationen wird immer kürzer. Für den Technologieforscher Vaclav Smil ist klar, "dass es in den letzten sechs Generationen zu den schnellsten und tiefgreifendsten Veränderungen gekommen ist, die unsere Spezies seit Beginn der Geschichtsschreibung vor 5000 Jahren erlebt hat."

Hinzu kommen die besorgniserregenden Befunde zum Klimawandel und Artensterben; ja der Verdacht, dass die ökologischen Eingriffe des Menschen bereits unwiderruflich in das neue Erdzeitalter des Anthropozän geführt haben. Unsere Vorstellungen von der Zukunft werden damit immer abenteuerlicher, immer wahnwitziger, immer bedrohlicher.

Wie lange dauert es noch, bis selbstfahrende Autos, putzige Roboter, genetische Manipulationen und Gehirn-Computer-Schnittstellen unseren Alltag prägen werden? Und vor allem: Wo führt das letztlich hin? Dass es in der Geschichte der Menschheit bald zu einer technologischen "Singularität"(ein Begriff, den Physiker für den Urknall verwenden) kommen wird; einem radikalen Umbruch, nach dem es das gewohnte menschliche Leben nicht mehr geben wird, ist ein Gedanke, der bereits in den 1950er-Jahren formuliert worden ist. Heute erhält er neuen Auftrieb durch die Fantasien einer künstlichen Intelligenz, die sich explosionsartig entwickelt und schon bald übermenschlich werden könnte. Das zumindest glauben Futuristen wie Vernor Vinge und Ray Kurzweil. In seinem Buch "Menschheit 2.0" (2014) argumentiert Google-Techniker Kurzweil, dass das Gesetz des sich beschleunigenden Nutzens zu exponentiellem Fortschritt führt und diese Entwicklung bereits im Jahr 2045 in einer "Singularität" kulminieren könnte.

Posthumane Zukunft oder Untergang?

Genau das ist das Terrain, auf dem sich Nick Bostrom bewegt. Der schwedische Philosoph ist seit mehr als zwei Jahrzehnten im Umfeld der Transhumanisten aktiv -eine techno-utopische Bewegung, die einen epochalen Wandel durch drastische soziale und vor allem biologische Veränderungen prophezeit. Diese umstrittene Bewegung ist im Aufwind und Bostrom inzwischen Direktor des "Future of Humanity"-Instituts an der Universität Oxford: der Meister des Konjunktivs als Leiter eines "Spekulationsinstituts" (Die Zeit). Er hat einen Bestseller über "Superintelligenz" (Suhrkamp, 2016) verfasst, und kürzlich sind seine Aufsätze zur "Zukunft der Menschheit" ebenfalls bei Suhrkamp veröffentlicht worden. Und diese Texte, entstanden zwischen 2003 und 2013, sind auch heute noch spannend -und schaurig -zu lesen. Denn der Autor denkt zugleich über posthumane Optimierung und existenzielle Risiken nach, die den Untergang der Menschheit bedeuten könnten.

Bostrom ist Fortschrittsfanatiker und apokalyptischer Vordenker in Personalunion, der "gruseligste Philosoph der Welt" (Washington Post). Er interessiert sich vor allem für die extremen Möglichkeiten der menschlichen Entwicklung, also den technologischen Aufstieg in eine übermenschliche Welt oder die unwiderrufliche Auslöschung. "Die Voraussagbarkeit wird mit zunehmendem zeitlichem Abstand nicht unbedingt immer schlechter", so sein Credo. "Es mag sehr schwierig sein zu sagen, wo sich eine Person eine Stunde nach Beginn ihrer Reise aufhält, und doch lässt sich vorhersehen, wo sie fünf Stunden später sein wird, nämlich an ihrem Ziel. Die ganz entfernte Zukunft der Menschheit könnte insofern relativ leicht vorherzubestimmen sein, da sie vermutlich ins Ressort der Naturwissenschaften fällt (...)"

Es geht also um gigantische Zeiträume. Dass in einer Milliarde Jahre die Erde ein recht ungemütlicher Platz sein wird, ist bekannt: Die Sonne wird immer mächtiger, das Wasser verdampft, Leben wird unmöglich. Bostroms Untergangsszenarien sind freilich auf die nächsten 100.000 Jahre bezogen. Aber wer weiß, vielleicht hat sich die Zivilisation da bereits über mehrere Planeten und Sternensysteme ausgebreitet, und die Menschen haben ihren Geist längst auf Festplatten hochgeladen und auf einer Sicherheitskopie abgespeichert? Dann würde das Risiko einer völligen Auslöschung signifikant sinken. Doch zunächst gilt es einmal, die nächsten Jahrzehnte zu überstehen, wie Bostrom betont: "Es spricht einiges dafür, dass das 21. Jahrhundert (oder die nächsten paar Jahrhunderte) eine kritische Phase für die Menschheit darstellt: Überstehen wir sie, könnte die Lebenserwartung der menschlichen Zivilisation extrem nach oben schnellen."

Die Zukunft der Menschheit. Aufsätze. Von Nick Bostrom. Suhrkamp 2018. 209 Seiten, kart., € 18,50

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