Die Nichtkönner abschrecken

Die Leser wollte er bilden, die Mittelmäßigen zu Bedeutenderem nötigen: Mit Marcel Reich-Ranicki starb eine gewichtige Stimme im Literaturbetrieb.

Er "liebte die Fragen. Er wollte gefragt werden, und er wollte Antworten geben, bis zuletzt“, schreibt der Literaturkritiker Volker Weidermann in seinem Nachruf auf Marcel Reich-Ranicki in der FAZ. Seit bekannt geworden ist, dass der als "Literaturpapst“ berühmte Literaturkritiker am 18. September 2013 verstorben ist, füllen Erinnerungen an ihn die Seiten der deutschen Feuilletons. Hellmuth Karasek, ständiger Begleiter Reich-Ranickis im "Literarischen Quartett“, weiß etwa zu berichten, dass Reich-Ranicki vor Jahren diese Sendung beenden wollte, weil es seiner Frau damals nicht recht gut ging. Und tatsächlich meinte man in den vergangenen Jahren zu sehen, dass Reich-Ranicki nach dem Tod seiner Frau im April 2011 älter und gebrechlicher zu werden schien. Unvergesslich wird der Auftritt im Januar 2012 bleiben, als Marcel Reich-Ranicki vor dem Deutschen Bundestag in brüchiger Stimme seine Rede zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus hielt. Da sprach nicht ein alles wissender und brutal urteilender Literaturpapst, da sprach ein zerbrechlicher Mensch, der Unerzählbares erlebt und auch mit Hilfe von Literatur überlebt hat.

Überleben im Getto

Er liebte die Fragen, schreibt Weidermann und: "Ein kleiner Unglaube und Stolz schien auch immer mit dabei zu sein. Dass er, der in Polen geborene Jude Marcel Reich-Ranicki, der keine deutsche Universität besuchen durfte und der nach dem Willen vieler Deutscher längst nicht mehr hätte am Leben sein sollen, dass er nun zu einer Art Ein-Mann-Sachverständigenrat geworden war, der Weise aus Frankfurt, ein Orakel, die höchste Autorität, das empfand er auch selbst wohl immer wieder als kurios. Wie sein ganzes Leben.“

Dieses war zunächst einmal ein Überleben: Am 2. Juni 1920 in Polen geboren, kam Marcel Reich als Kind nach Berlin, 1938 wurde er mit vielen anderen Juden deportiert, doch der Krieg holte ihn in Warschau ein. Seine Deutschkenntnisse verhalfen ihm 1940 zu einer Anstellung im "Judenrat“, und so musste er am 22. Juli 1942 das "Todesurteil“ protokollieren: die Räumung des Warschauer Gettos. Weil Angehörige von jenen, die im Judenrat arbeiteten, zunächst verschont blieben, heiratete er an diesem Tag Teofila, Tosia genannt. Die Eltern und der Bruder wurden ermordet. Tosia und Marcel flohen 1943 aus dem Getto und überlebten versteckt. Über diese Zeit erzählte Reich-Ranicki in seiner Autobiografie ",Mein Leben“, die erst 1999 erschien. Er konnte, schreibt er darin, keine Romane lesen, aber die Lyrik war ihm Hilfe, vor allem Erich Kästners "Lyrische Hausapotheke“. Tosia hatte sie für ihn abgeschrieben und illustriert.

Dass Reich-Ranicki nach dem Krieg im polnischen Geheimdienst arbeitete, verschwieg er selbst engsten Freunden. Auch als 1994 eine Debatte darüber losbrach, sagte er nur wenig darüber. 1950 wurde Reich-Ranicki aber aus dem Ministerium, dann aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen und später auch mit Publikationsverbot belegt. 1958 flüchteten die Reich-Ranickis mit dem Sohn aus Polen in die Bundesrepublik, wo er in Hamburg als Verfasser von Literaturkritiken für "Die Zeit“ seinen neuen Lebensweg begann.

Als "Ein-Mann-Sachverständigenrat“ wusste er sich zu inszenieren. Aber auch die Literatur. Er brachte sie ins mediale Gespräch, vor allem durch das legendäre "Literarische Quartett“, das er von 1988 bis 2001 leitete und ohne das er wohl seine Berühmtheit nicht erlangt hätte. Weder die Leitung der Redaktion für Literatur und literarisches Leben bei der FAZ (1973-1988), noch seine Serie "Frankfurter Anthologie“ hätten diese Öffentlichkeit gebracht. 1977-1986 wirkte er als Sprecher der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Daran erinnerte Michael Köhlmeier bei der diesjährigen Eröffnungsrede in Klagenfurt.

Legendäre Verrisse

Der "Ein-Mann-Sachverständigenrat“ wusste auszuteilen. Wer von ihm im "Literarischen Quartett“ gelobt wurde, verkaufte seine Bücher gut, wer von ihm - wie Michael Köhlmeier - verrissen wurde, vergaß dies wohl auch nicht schnell. Marcel Reich-Ranicki verzichtete dabei gerne auf Argumentation. Mit abfälligem Wort und abschätziger Geste kreierte er sich als Marke.

Seine Verrisse sind legendär und wurden auch Buch: "Lauter Verrisse“. Sie gingen in die Literaturgeschichte ein, etwa als Spiegel-Cover abgebildeter Zerriss von Günter Grass’ Roman "Ein weites Feld“ im Jahr 1995 oder als Debatte um Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers“.

Der "Ein-Mann-Sachverständigenrat“ wollte pädagogisch tätig sein. Seine Literaturkritik sollte "die Nichtkönner abschrecken, die Mittelmäßigen zu Bedeutenderem nötigen, die Großen warnen und, vor allem, die Leser bilden.“ Er sah sich selbst "in zwei Rollen“ gleichzeitig, "als Rechtsanwalt und als Staatsanwalt“: "In wessen Namen also klage ich an? Die ehrliche Antwort auf diese Frage klingt pathetisch: im Namen der Literatur. Ich muß jede Seite des neuen Werks mißtrauisch lesen, ich muß es hartnäckig anzweifeln. Ich habe alles Schwache, Fragwürdige und Schlechte im Gegenstand der Betrachtung zu suchen. Es ist meine Aufgabe, dem Autor auf die Schliche zu kommen, ihn zu entlarven. Im Interesse der Literatur kann ich nicht zu streng sein. Mein Schützling ist auch mein Opfer.“

Dabei wusste er, dass er sich irren konnte und das auch tat. Man "muß mit Irrtümern rechnen, … muß sie in Kauf nehmen. Denn oft bedarf das Plädoyer bereits nach wenigen Jahren einer Korrektur“. Doch dieses Wissen brachte Reich-Ranicki nicht dazu, seine Haltung aufzugeben, von Kritikern ein entschiedenes Ja oder Nein einzufordern. Die Art und Weise seiner Machtausübung wusste Reich-Ranicki zu begründen: "Also gut, der erste Grund ist sozusagen der pure Egoismus. Es macht Spaß zu schreiben, man drückt sich gern aus, man möchte überlegen sein.“

Freiheit und Kritik

Doch Reich-Ranicki wusste auch um die Bedeutung der Kritik: "Es liegt auf der Hand, daß der Untertanenstaat die Kritik, in welcher Form auch immer, als etwas Überflüssiges und Lästiges empfand, daß er sie bekämpfte und womöglich ganz zu verhindern suchte und daher die Kritisierenden zu verketzern bemüht war: Wo man Unterordnung und Ergebenheit fordert und den Gehorsam und die Gefolgschaft verherrlicht, wird das selbstständige Denken sogleich zum Ärgernis, wo Befehle gelten sollen, muß sich die Kritik als gefährlicher Störfaktor erweisen. Mit anderen Worten: Freiheit und Kritik bedingen sich gegenseitig. Wie es also keine Freiheit ohne Kritik geben kann, so kann auch die Kritik nicht ohne die Freiheit existieren.“

Die Art und Weise, wie er selbst Kritik betrieb, brachte freilich ihrerseits eine Form von Untertanentum hervor: "Wohin er auch kam, bildete sich eine ehrfürchtige Gasse; so müssen seine Besuche auf der Frankfurter Buchmesse legendär gewesen sein, bei denen sich in geziemendem Abstand ein Gefolge bildete, das darauf erpicht war, seine Kommentare zu vernehmen, ohne indes in die unmittelbare Gefahrenzone zu geraten und sich eine seiner blitzartigen Bemerkung zu fangen“, erzählt Felicitas von Lovenberg in der FAZ.

Sein Einsatz für das Störfeuer der Kritik aber - selbst in Unterhaltungsmedien -, bleibt auch als Plädoyer für Presse- und Denkfreiheit Reich-Ranickis bedeutsames Verdienst und Vermächtnis.

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