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Feuilleton

Die offene Tür in die Welt der Information

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Wissen und Information vermehren sich ständig, sollten aber zugänglich sein. Auch in Österreich beginnt sich eine Open-Access-Infrastruktur zu etablieren.

Die Wissensbestände der Menschheit sind umfangreich, räumlich weit verteilt und sie wachsen laufend. Moderne Informationstechnologien erlauben den weltweiten Zugriff auf zahlreiche Quellen vom eigenen Rechner aus. Insbesondere die Wissenschaft profitiert davon, dass immer mehr Fachartikel und Daten frei im Netz verfügbar sind. Unter dem Begriff "Open Access“ etabliert sich zunehmend ein Verständnis von Wissen als einem Gut, das jederzeit und jedem zugänglich sein soll.

Viel beachtetes Beispiel einer Open-Access-Infrastruktur ist das System Phaidra an der Universität Wien. Griechischer Mythologie Kundige führt der Name auf eine falsche Fährte. Hat er doch nichts mit der grausamen Geschichte um die Ehefrau des Theseus zu tun. Vielmehr ist "Phaidra“ ein Akronym für "Permanent Hosting, Archiving and Indexing of Digital Resources and Assets“ ("Dauerhafte Aufbewahrung, Archivierung und Indizierung digitaler Ressourcen und Güter“). Es handelt sich also um ein System, das digitale Objekte aller Art speichert, Texte, Bilder oder Multimediadateien. Zugleich dient es der Weitergabe dieser Bestände. "Die Kernidee war, ein System zur Archivierung digitaler Objekte zu schaffen“, erklärt Susanne Blumesberger, stellvertretende Projektleiterin von Phaidra. "Dabei haben wir den Open Access Anspruch immer schon explizit mitgedacht.“

Nach mehrjähriger Test- und Optimierungsphase soll das System 2013 in den Regelbetrieb gehen. Derzeit befinden sich rund 230.000 digitale Objekte auf den Servern des Systems. Phaidra kann von jedem Mitarbeiter und jedem Studierenden der Universität Wien mit Inhalten befüllt werden. "Es gibt keine Zensur“, sagt Blumesberger. "Jeder Nutzer ist selbst dafür verantwortlich, welche Daten er ablegt.“ Die nahe liegende Befürchtung, dass Phaidra zu einem Datenfriedhof fragwürdiger Relevanz verkommt, hat sich nicht bestätigt. "Lediglich einmal hat ein Nutzer ein privates Kochrezept online gestellt, aber das war ein Versehen“, so Blumesberger.

Jedes Objekt in Phaidra erhält einen permanenten, eindeutigen Weblink und kann weltweit via Internet abgerufen werden - sofern der Urheber dies nicht explizit unterbindet. Zudem werden sämtliche Objekte mit Metadaten im standardisierten XML-Format versehen, die sie näher beschreiben oder Zusatzinformationen beinhalten. Dadurch können elaborierte Suchfunktionen genutzt werden, zugleich ist die Kompatibilität mit anderen Systemen aus der IT-Welt gegeben.

Bibliotheken einscannen

Über Phaidra frei zugänglich sind auch Bücher, Inkunabeln und andere Schriften, die im Rahmen des europäischen Netzwerkes E-Books-on-demand digitalisiert wurden. Teilnehmende Bibliotheken scannen gegen eine geringe Gebühr Werke die älter als 70 Jahre und damit urheberrechtsfrei sind. Der Auftraggeber erhält eine digitale Kopie des Werkes. Zuerst zur alleinigen Nutzung. Nach ein paar Monaten wird sie dann ohne Einschränkung online gestellt. Diese Werke können entweder über einen in Phaidra integrierten "Book Viewer“ gelesen oder direkt auf den Rechner heruntergeladen werden. Künftig sollen auch Hochschulschriften wie Diplomarbeiten und Dissertationen standardmäßig in Phaidra abgelegt werden. Kurz vor dem Launch befindet sich ein sogenantes Repositorium.

Repositorien sind oft an akademischen Einrichtungen beheimatet und stellen wissenschaftliche Fachliteratur ihrer Mitarbeiter zur Verfügung. In Österreich betreibt etwa die Österreichische Akademie der Wissenschaft das Publikationsportal Epub-ÖAW. Internationale Beispiele sind eDoc von der Max Planck Gesellschaft, CDS des Kernforschungsinstituts CERN oder DSpace vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Nachteil von Repositorien für die Zwecke der Wissenschaft ist, dass sie meist lediglich frühe Versionen wissenschaftlicher Artikel vor deren offizieller Veröffentlichung in einem Fachjournal bereitstellen. Diese so genanten "Preprints“ enthalten im Regelfall weder Bilder noch Diagramme. Außerdem fehlt die endgültige Formatierung, so dass Preprints sich nicht zum Zitieren eignen.

Publikation bleibt das Gütesiegel

Nichtsdestotrotz erfreuen sich einige Repositorien großer Beliebtheit in der Scientific Community. Allen voran wohl arXiv.org, ein fachspezifisches Repositorium, das von der amerikanischen Cornell Universität betrieben wird. Für viele theoretische Physiker, Mathematiker und Informatiker ist arXiv.org längst die erste Anlaufstelle bei der Literaturrecherche. "ArXiv wird von der Community sehr gut angenommen, trotzdem publizieren die Wissenschaftler weiter in Fachmagazinen“, sagt Falk Reckling, Leiter der Abteilung Strategie-Analyse des Wissenschaftsfonds FWF. "Denn Publikationen in renommierten Journalen fungieren gleichsam als Gütesigel für die wissenschaftliche Arbeit.“

Der FWF setzt sich deshalb besonders für die Verbreitung von Fachmagazinen ein, die Open Access ohne Einschränkung als Geschäftsmodell implementieren. Qualitätsanspruch und anonymisiertes Gutachterverfahren sind dabei dem klassischen wissenschaftlichen Verlagswesen entnommen. Im Unterschied zu diesem sind jedoch alle Artikel frei via Internet zugänglich. Die Finanzierung erfolgt typischerweise so, dass die Autoren selbst den Kostenbeitrag für einen veröffentlichten Artikel übernehmen.

Neue Förderung, neue Titel

Derzeit gibt es weltweit mehr als 8.000 solcherart "freien“ Journale. Der Großteil davon in den Natur- und Lebenswissenschaften. Ein neues Förderprogramm des FWF soll nun mittels Anschubfinanzierung die Neugründung österreichischer Open- Access-Zeitschriften in den Sozial- und Geisteswissenschaften anregen. Aber auch klassische Zeitschriften, die sich über Subskription finanzieren können in Open Access "umgewandelt“ werden. Das Programm verfügt über ein Budget von 500.000 Euro. Der FWF geht von einer Fördersumme zwischen 50.000 und 100.000 Euro pro Projekt aus. Es kann also fünf bis zehn neuen Zeitschriften zur Geburt verholfen werden. Voraussetzung für die Förderung ist, dass eine langfristige Finanzierung für die neue Zeitschrift sichergestellt ist. Als Träger kommen daher vorwiegend Forschungsunternehmen, Hochschulen oder Fachgesellschaften infrage.

Mit der "E-Book-Library“ betreibt der Wissenschaftsfonds FWF ein Repositorium für Monografien. Sämtliche vom Wissenschaftsfonds seit 2011 geförderten Publikationen werden dort eingestellt, sind kostenfrei verfügbar. Derzeit beinhaltet der Bestand rund 150 Bücher. "Einer der größten Nutzen von Open Access ist, dass neue, innovative Publikationsformen in der Wissenschaft entstehen“, sagt Falk Reckling. "Dazu haben die herkömmlichen Verlage gar keine Motivation.“ Das neue, auf biologische und medizinische Forschung spezialisierte Magazin PeerJ etwa bietet Autoren gegen eine einmalige Zahlung von 99 Dollar das lebenslange Recht, eine Publikation pro Jahr kostenfrei zu publizieren. Wer 299 Dollar bezahlt, darf sogar unbegrenzt viele Arbeiten veröffentlichen - vorausgesetzt natürlich, sie erfüllen die Qualitätsstandards des Verlages. Sehr innovativ ist auch das Journal of Visualized Experiments (JoVE). Im vermutlich weltweit ersten wissenschaftlichen Videojournal veröffentlichen Forscher kurze Filme ihrer Arbeit. Wissenschaft ist ein natürliches Habitat für kreative Ideen. Dank Open Access können sich immer mehr Menschen davon überzeugen.

Wissen und Information vermehren sich ständig, sollten aber zugänglich sein. Auch in Österreich beginnt sich eine Open-Access-Infrastruktur zu etablieren.

Die Wissensbestände der Menschheit sind umfangreich, räumlich weit verteilt und sie wachsen laufend. Moderne Informationstechnologien erlauben den weltweiten Zugriff auf zahlreiche Quellen vom eigenen Rechner aus. Insbesondere die Wissenschaft profitiert davon, dass immer mehr Fachartikel und Daten frei im Netz verfügbar sind. Unter dem Begriff "Open Access“ etabliert sich zunehmend ein Verständnis von Wissen als einem Gut, das jederzeit und jedem zugänglich sein soll.

Viel beachtetes Beispiel einer Open-Access-Infrastruktur ist das System Phaidra an der Universität Wien. Griechischer Mythologie Kundige führt der Name auf eine falsche Fährte. Hat er doch nichts mit der grausamen Geschichte um die Ehefrau des Theseus zu tun. Vielmehr ist "Phaidra“ ein Akronym für "Permanent Hosting, Archiving and Indexing of Digital Resources and Assets“ ("Dauerhafte Aufbewahrung, Archivierung und Indizierung digitaler Ressourcen und Güter“). Es handelt sich also um ein System, das digitale Objekte aller Art speichert, Texte, Bilder oder Multimediadateien. Zugleich dient es der Weitergabe dieser Bestände. "Die Kernidee war, ein System zur Archivierung digitaler Objekte zu schaffen“, erklärt Susanne Blumesberger, stellvertretende Projektleiterin von Phaidra. "Dabei haben wir den Open Access Anspruch immer schon explizit mitgedacht.“

Nach mehrjähriger Test- und Optimierungsphase soll das System 2013 in den Regelbetrieb gehen. Derzeit befinden sich rund 230.000 digitale Objekte auf den Servern des Systems. Phaidra kann von jedem Mitarbeiter und jedem Studierenden der Universität Wien mit Inhalten befüllt werden. "Es gibt keine Zensur“, sagt Blumesberger. "Jeder Nutzer ist selbst dafür verantwortlich, welche Daten er ablegt.“ Die nahe liegende Befürchtung, dass Phaidra zu einem Datenfriedhof fragwürdiger Relevanz verkommt, hat sich nicht bestätigt. "Lediglich einmal hat ein Nutzer ein privates Kochrezept online gestellt, aber das war ein Versehen“, so Blumesberger.

Jedes Objekt in Phaidra erhält einen permanenten, eindeutigen Weblink und kann weltweit via Internet abgerufen werden - sofern der Urheber dies nicht explizit unterbindet. Zudem werden sämtliche Objekte mit Metadaten im standardisierten XML-Format versehen, die sie näher beschreiben oder Zusatzinformationen beinhalten. Dadurch können elaborierte Suchfunktionen genutzt werden, zugleich ist die Kompatibilität mit anderen Systemen aus der IT-Welt gegeben.

Bibliotheken einscannen

Über Phaidra frei zugänglich sind auch Bücher, Inkunabeln und andere Schriften, die im Rahmen des europäischen Netzwerkes E-Books-on-demand digitalisiert wurden. Teilnehmende Bibliotheken scannen gegen eine geringe Gebühr Werke die älter als 70 Jahre und damit urheberrechtsfrei sind. Der Auftraggeber erhält eine digitale Kopie des Werkes. Zuerst zur alleinigen Nutzung. Nach ein paar Monaten wird sie dann ohne Einschränkung online gestellt. Diese Werke können entweder über einen in Phaidra integrierten "Book Viewer“ gelesen oder direkt auf den Rechner heruntergeladen werden. Künftig sollen auch Hochschulschriften wie Diplomarbeiten und Dissertationen standardmäßig in Phaidra abgelegt werden. Kurz vor dem Launch befindet sich ein sogenantes Repositorium.

Repositorien sind oft an akademischen Einrichtungen beheimatet und stellen wissenschaftliche Fachliteratur ihrer Mitarbeiter zur Verfügung. In Österreich betreibt etwa die Österreichische Akademie der Wissenschaft das Publikationsportal Epub-ÖAW. Internationale Beispiele sind eDoc von der Max Planck Gesellschaft, CDS des Kernforschungsinstituts CERN oder DSpace vom Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Nachteil von Repositorien für die Zwecke der Wissenschaft ist, dass sie meist lediglich frühe Versionen wissenschaftlicher Artikel vor deren offizieller Veröffentlichung in einem Fachjournal bereitstellen. Diese so genanten "Preprints“ enthalten im Regelfall weder Bilder noch Diagramme. Außerdem fehlt die endgültige Formatierung, so dass Preprints sich nicht zum Zitieren eignen.

Publikation bleibt das Gütesiegel

Nichtsdestotrotz erfreuen sich einige Repositorien großer Beliebtheit in der Scientific Community. Allen voran wohl arXiv.org, ein fachspezifisches Repositorium, das von der amerikanischen Cornell Universität betrieben wird. Für viele theoretische Physiker, Mathematiker und Informatiker ist arXiv.org längst die erste Anlaufstelle bei der Literaturrecherche. "ArXiv wird von der Community sehr gut angenommen, trotzdem publizieren die Wissenschaftler weiter in Fachmagazinen“, sagt Falk Reckling, Leiter der Abteilung Strategie-Analyse des Wissenschaftsfonds FWF. "Denn Publikationen in renommierten Journalen fungieren gleichsam als Gütesigel für die wissenschaftliche Arbeit.“

Der FWF setzt sich deshalb besonders für die Verbreitung von Fachmagazinen ein, die Open Access ohne Einschränkung als Geschäftsmodell implementieren. Qualitätsanspruch und anonymisiertes Gutachterverfahren sind dabei dem klassischen wissenschaftlichen Verlagswesen entnommen. Im Unterschied zu diesem sind jedoch alle Artikel frei via Internet zugänglich. Die Finanzierung erfolgt typischerweise so, dass die Autoren selbst den Kostenbeitrag für einen veröffentlichten Artikel übernehmen.

Neue Förderung, neue Titel

Derzeit gibt es weltweit mehr als 8.000 solcherart "freien“ Journale. Der Großteil davon in den Natur- und Lebenswissenschaften. Ein neues Förderprogramm des FWF soll nun mittels Anschubfinanzierung die Neugründung österreichischer Open- Access-Zeitschriften in den Sozial- und Geisteswissenschaften anregen. Aber auch klassische Zeitschriften, die sich über Subskription finanzieren können in Open Access "umgewandelt“ werden. Das Programm verfügt über ein Budget von 500.000 Euro. Der FWF geht von einer Fördersumme zwischen 50.000 und 100.000 Euro pro Projekt aus. Es kann also fünf bis zehn neuen Zeitschriften zur Geburt verholfen werden. Voraussetzung für die Förderung ist, dass eine langfristige Finanzierung für die neue Zeitschrift sichergestellt ist. Als Träger kommen daher vorwiegend Forschungsunternehmen, Hochschulen oder Fachgesellschaften infrage.

Mit der "E-Book-Library“ betreibt der Wissenschaftsfonds FWF ein Repositorium für Monografien. Sämtliche vom Wissenschaftsfonds seit 2011 geförderten Publikationen werden dort eingestellt, sind kostenfrei verfügbar. Derzeit beinhaltet der Bestand rund 150 Bücher. "Einer der größten Nutzen von Open Access ist, dass neue, innovative Publikationsformen in der Wissenschaft entstehen“, sagt Falk Reckling. "Dazu haben die herkömmlichen Verlage gar keine Motivation.“ Das neue, auf biologische und medizinische Forschung spezialisierte Magazin PeerJ etwa bietet Autoren gegen eine einmalige Zahlung von 99 Dollar das lebenslange Recht, eine Publikation pro Jahr kostenfrei zu publizieren. Wer 299 Dollar bezahlt, darf sogar unbegrenzt viele Arbeiten veröffentlichen - vorausgesetzt natürlich, sie erfüllen die Qualitätsstandards des Verlages. Sehr innovativ ist auch das Journal of Visualized Experiments (JoVE). Im vermutlich weltweit ersten wissenschaftlichen Videojournal veröffentlichen Forscher kurze Filme ihrer Arbeit. Wissenschaft ist ein natürliches Habitat für kreative Ideen. Dank Open Access können sich immer mehr Menschen davon überzeugen.