Die Opernprimadonna als Operettendiva

Der Wiener Volksoper ist mit Leo Falls "Madame Pompadour“ eine stimmige, szenisch wie musikalisch durchwegs überzeugende Produktion gelungen.

Leo Falls "Madame Pompadour“ gilt als die wichtigste deutschsprachige Operette der 1920er Jahre. Uraufgeführt wurde sie mit dem Operettenstar dieser Jahre, Fritzi Massary, für die auch die Titelpartie dieses Dreiakters maßgeschneidert ist, im September 1922 im Berliner Theater. Im März darauf folgte die Wiener Premiere im Carltheater. Erst 1955 kam es zur ersten Produktion an der Wiener Volksoper. Erika Jelinek war die erste Volksopern-Pompadour. Später konnte man in dieser Partie Friedl Loor, Sonja Mottl, Adele Leigh, Sigrid Martikke, Sylvia Holzmayer oder Elisabeth Kales erleben. 1957 gelang es dem damaligen Chefdramaturgen Marcel Prawy sogar einen Star der New Yorker "Met“ für einige "Pompadour“-Vorstellungen zu gewinnen: Jarmila Novotna.

Im Dasch-Salon

Einen Star hat man auch für diese Neuproduktion engagiert: Annette Dasch, die international erfolgreiche Opern- und Liedsängerin. Besseres hätte man nicht finden können. Nicht nur, dass sie einen Abend lang zeigt, wie ernst ihr diese Aufgabe ist und dementsprechend genau artikuliert und phrasiert. Auch als Schauspielerin weiß sie zu begeistern. Alleine mit welcher Selbstverständlichkeit sie in den unterschiedlichen Kleidern auftritt, vor allem mit welch umwerfendem Charme sie im zweiten Akt den ob dieses Angriffs völlig verdutzten hilflos-keuschen Joseph, den sonst so kecken Poeten Calicot, verführt, zeigt ihre große Klasse. Und bringt zudem die Lacher auf ihre Seite. Denn auch das vergisst die Dasch bei ihrer auf genaue Personencharakteristik zielenden, vokal stets brillanten Darstellung nicht: dass bei allen noch so verzwickten und unerwarteten Situationen die ungekünstelte Heiterkeit nie zu kurz kommen darf.

Wie sehr es um Ironie und tiefere Bedeutung geht, macht schon das Bühnenbild des Volksoperndebütanten Hinrich Horstkotte - er zeichnet auch für die historischen Kostüme und die Inszenierung verantwortlich - deutlich. Im ersten Akt eine überdimensionale Sektflasche, womit er die Atmosphäre des hier angesprochenen Karnevalstreibens pointiert suggeriert. Im zweiten und dritten die gleichfalls stark vergrößerte Figur der Pompadour, zuerst ihr Oberkörper, schließlich nur mehr ihre von hinten gezeigten Füße - eine Perspektive, welche die komischen Verwicklungen im Finale noch verstärkt.

Ansonsten konzentriert sich die Inszenierung auf eine klare Nacherzählung der Handlung, versucht den einzelnen Darstellern ein - nicht zuletzt durch das jeweilige Kostüm ausgedrücktes - Profil zu geben. Vor allem im ersten Akt, der zuweilen an Tempo und damit an Spannung verliert, hätte man einiges kürzen, die Handlungsfäden straffen können. Horstkotte, ausgewiesen durch zahlreiche Arbeiten vor allem an deutschen Bühnen und bei deutschen Festivals, versteht diesen Stückeinstieg offensichtlich als sich langsam steigernde Ouvertüre. Entsprechend lebendiger gestaltet er die beiden folgenden Akte. Auch dabei zeigt er besondere Freude an bunten, das vielfach ausgelassene Treiben markant illustrierenden Bildern und ist damit einer Meinung mit dem Publikum, wie der Premierenbeifall zeigte.

Der galt ebenso ungeteilt den Protagonisten - wie dem einmal mehr mit seiner komödiantischen Ader brillierenden Heinz Zednik als dementem König oder Mirko Roschkowski als zwischen der Pompapour und ihrer Schwester Madeleine (bestrickend naiv: Elvira Soukop) hin- und hergerissenem, mit viel tenoralem Schmelz aufwartendem Grafen René. Beate Ritter gab eine bagschierliche Belotte, Boris Pfeifer den gleichermaßen sich selbst überschätzenden wie von Mutlosigkeit geplagten Calicot, Gerhard Ernst den vor allem auf sein Ego bedachten, unfähigen Polizeiminister, Joachim Moser die Karikatur eines österreichischen Gesandten, Georg Wachs, der auch als wenig feiner Wirt überzeugte, einen gekonnt steifen Haushofmeister.

Viel Gespür im Orchestergraben

Andreas Schüller am Pult des gut studierten Volksopernorchesters und des Volksopernchors sorgte für eine stimmige Balance zwischen Bühne und Orchestergraben und erwies sich als sorgfältiger Begleiter. Mit viel Gespür arbeitete er die von einschmeichelnden wienerischen Walzeranklängen bis zu schneidigen Imponiermärschen reichenden musikalischen Facetten des Werks, hinter denen Falls Vorliebe für exotische Farben und seine kontrapunktische Meisterschaft immer wieder hervorschimmern, heraus und hatte damit wesentlichen Anteil am Gelingen des Abends.

Weitere Termine

14., 16., 18., 20., 24., 27. Juni

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