Digital In Arbeit

Die prekäre Identität der US-Muslime

Vor 9/11 gehörten die Muslime der USA zur Wählerschaft der Republikaner, deren konservative Werte sie weitgehend teilten. Doch der 11. September 2001 änderte dies grundlegend.

Als die Anschläge am 11. September 2001 die USA erschütterten, wurde das Herz der "Nation unter Gott“ schwer getroffen. Jener Staat, der sich politisch unter den Schutz Gottes stellt und sich auch mehr als deutlich zu seinen christlichen Wurzeln bekennt, wurde durch diese Attentate bleibend verändert. Jedoch, so oft diese Anschläge und deren Auswirkungen auf das Selbstbild der Vereinigten Staaten im Zentrum stehen, wird eine Opfergruppe meist übersehen und ausgeblendet, nämlich die der amerikanischen Muslime. US-Bürger, welche sich öffentlich zum Islam bekennen, bewegen sich seither in einer unwirklichen Zone zwischen US-Staatsbürgerschaft und religiösem Bekenntnis und finden sich in einer äußerst prekären Lage.

Vor 9/11 waren Muslime in den USA nicht nur weitgehend gut integriert, sondern sie stellten für die konservativen Politiker eine wichtige Wählerschaft dar. Schließlich teilten Muslime weitgehend die auch von konservativen Christen geforderten Werte wie etwa das Verbot von Abtreibung und der Ehe unter Homosexuellen. So waren diese muslimischen Gruppen ein etablierter Teil der Republikanischen Partei. Dies änderte sich jedoch mit 9/11 auf drastische Weise: Durch die terroristischen Angriffe wurde die Stellung der Muslime in den USA, besonders durch die öffentlich geänderte Wahrnehmung des Islam, empfindlich getroffen.

Verstärkt wurde der Islam mit terroristischen Akten und Unterdrückung von Freiheit assoziiert, wobei im Folgenden auch die Anti-Islam-Politik George W. Bushs noch ihren maßgeblichen Teil dazu beitrug. Der Argwohn und das Misstrauen gegenüber den korantreuen US-Bürgern verstärkte sich immer mehr. So zeigte eine Umfrage bereits 2004: Mehr als 50 Prozent der nicht-muslimischen US-Bürger schätzten Muslime als fanatisch, gewalttätig und gefährlich ein, 44 Prozent sprachen sich gar für eine Einschränkung der öffentlichen Bürger- und Freiheitsrechte für Muslime aus. Nur mehr 24 Prozent sahen die Werte von Islam und Christentum als vergleichbar an.

Die Abwertung der Muslime der USA

Solche Abwertung von Muslimen hatte vielerlei Folgen: Politisch zeigte sich eine Veränderung sowohl in der Orientierung von muslimischen Wählern als auch im Umgang von Politikern mit dem Islam. Hatte George W. Bush 2000 noch breite Unterstützung unter US-Muslimen, änderte sich das im Jahr 2004 - nach seiner Anti-Islam-Politik - grundlegend. John Kerry, Kandidat der Demokraten, konnte bei den Wahlen 2004 schon große Teile der muslimischen Stimmen für sich verbuchen. Und auch 2008 zeigten sich die US-Muslime beim Wahlsieg Barack Obamas als wichtige Unterstützer der Demokraten, nämlich gerade in jenen Staaten, die als "Swing States“ bezeichnet werden. Obama setzte in seiner Politik durchwegs auf eine positive Einschätzung der Muslime. So betonte er in einem 2009 gehaltenen Interview, dass der Dialog zwischen Religionen verbessert werden müsse. Schließlich sei "die USA, nimmt man die Einwohnerzahlen von US-Muslimen, eines der größten islamischen Länder der Welt.“

Wurde diese Formulierung von vielen Demokraten und Muslimen im In- und Ausland positiv aufgenommen, führte sie hingegen zu einem Aufschrei bei Konservativen. Auch in Umfragen machte sich ein Wandel in der Wahrnehmung Obamas bei Konservativen bemerkbar: Hatten 2008 noch 49 Prozent der Amerikaner Obama, der einer protestantischen Gemeinde in Chicago angehört, noch als Christ bezeichnet, machten dies 2011 nur noch 34 Prozent, wobei aber fast jeder fünfte US-Bürger (18 Prozent) Barack Obama als muslimischen Politiker sieht. Solch öffentliche Einschätzungen der Person Obamas sind nicht nur falsch, sondern gerade auch für europäische Verhältnisse befremdend. Doch im aktuellen US-Wahlkampf haben bereits alle US-Politiker die wichtige Stellung der islamischen Wähler erkannt. Denn gerade in solchen Staaten, die für den Ausgang der Wahlen besonders wichtig sind, etwa in Florida, Michigan, Ohio oder Virginia, konzentrieren sich Ansiedlungen von US-Muslimen.

Muslimische Wählerpotenziale

Diese Wählerpotenziale dürfen von keinem Politiker vernachlässigt werden. So hat sich auch der anti-muslimische Tonfall unter Republikanern gewandelt. Hatte Rick Santorum Muslime 2007 noch verallgemeinernd mit radikalen Islamisten gleichgesetzt und den Islam als "das Herz des Feindes, von dem terroristische Angreifer stammen“ bezeichnet, hat sich die republikanische Islamophobie zumindest offiziell gewandelt. Mitt Romney schwört in seinen Ansprachen US-Muslime auf ihre Identität als Bürger der USA ein und möchte damit eine Verbindung zwischen der stark fundamentalistischen "rechten“ Seite bzw. der evangelikalen Basis der Republikaner hin zu möglichen muslimischen Wählern schaffen und die politische Diskussion von religiösen Elementen befreien.

Tendenz, muslimische Gettos zu bilden

Diese politischen Auswirkungen können aber nicht über die prekäre Lage der Muslime in der US-Gesellschaft hinwegtäuschen. In amerikanischen Städten fanden sich Muslime immer stärker der Herabwürdigung und dem sozialen Ausschluss ihrer nicht-muslimischen Mitbürger ausgesetzt. Dies führte zu Siedlungsbewegungen innerhalb der Städte, bei denen sich Muslime in Gegenden mit hohem Islam-Anteil ansiedelten. Diese Menschen sahen sich verstärkt als Unterdrückte im eigenen Land und fühlten sich durch die sozialen und politischen Umstände zu einem Exodus gezwungen. So entstehen in den USA vermehrt gettoähnliche Siedlungen von Muslimen, die so ihrer Ausgrenzung entgehen möchten.

Eine Institution, die dieser Entwicklung entgegenwirken möchte, ist CAIR (Council on American-Islamic Relations). Diese Vereinigung, gegründet 1994, hat es sich zur Mission gemacht, "die Kenntnis des Islam zu fördern, amerikanische Muslime zu mobilisieren und Koalitionen zu bilden, die Gerechtigkeit und gegenseitiges Verständnis hervorbringen“. Mehr als 500.000 Menschen in und außerhalb der USA lesen die täglichen Newsletter von CAIR, in denen sie mit Interviews, Umfragen und Medien die Stellung von Muslimen als vollwertige US-Bürger abseits ihrer Religion betonen. Doch auch CAIR wird regelmäßig mit terroristischen Gruppierungen in Verbindung gebracht, nicht zuletzt als 2009 das CAIR-Mitglied Ghassan Elashi in Madrid für die Anschläge 2004 zu 65 Jahren Haft verurteilt wurde. Republikanische Abgeordnete haben schon vermehrt Untersuchungen von CAIR durch das FBI gefordert; auch innerhalb der Muslime ist CAIR nicht unumstritten: Liberale Muslime sehen die Vereinigung als stark von traditionalistischen Interpretationen des Koran geprägt. Aber trotz aller Kritik stellt CAIR weiterhin eine der zentralen Institutionen für US-Muslime dar.

Eines zeigt sich aber in der vielschichtigen und oftmals ideologisch bzw. politisch fundierten Diskussion über die Muslime in den USA deutlich: Die Anschläge der Terroristen am 11. September 2001 haben ihre Zerstörung nicht nur im Herzen der christlichen USA angerichtet, sondern auch die Stellung der Muslime innerhalb der USA auf Dauer geschädigt. Dort kämpften nicht nur Islamisten gegen "die westliche (christliche) Welt“, sondern in der Folge auch gegen Muslime, die sich als US-Bürger sehen. Auch elf Jahre nach den Anschlägen sind in den Vereinigten Staaten Muslime meilenweit von der öffentlichen Anerkennung und sozialen Integration, die vor 9/11 bereits vorhanden war, entfernt. Zu stark waren die Anfeindungen, politischen Kollektivanklagen und Verzerrungen des Islambildes in der Zeit nach dem 11. September.

Für viele US-Muslime waren die Anschläge ebenso zerstörerisch wie für nicht-muslimische Bürger. Ihre Lebenswelt und Identität als US-Bürger mit islamischem Glauben wurden immer stärker als ein unvermeidlicher Widerspruch angesehen. Diese politischen und sozialen Wellen von 9/11 werden in den USA gerade für diese Gruppe, die normalerweise nicht zur Sprache kommt, wohl noch lange nicht abflachen.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau