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Die rasende Buchwelt

Immer schneller geht es im Buchbetrieb zu und es sind überall dieselben Bücher, die für kurze Zeit große Beachtung finden, bevor sie wieder verschwinden.

Der Weg vom Schaufenster in die Wühlkiste ist kurz, das Buch fällt sozusagen direkt hinein. (Außer es ist ein Bestseller.) Kaum ist es erschienen (im schlimmsten Fall hat das "die Öffentlichkeit" noch gar nicht bemerkt), wird es schon verramscht. Denn Platz ist teuer und Neues drängt nach. Der Markt braucht Bewegung, zwischen verstaubten Bücherregalen stöbernde Bücherfreunde sind seine Sache nicht.

Was Buchhändler und Literaturredakteurinnen unter enormen Zeitdruck versetzt, hat auch Auswirkungen auf Autoren. Sobald ein Buch Aufmerksamkeit erlangt hat, sollte das nächste schon geschrieben sein. So kommt es, dass - mangels neuer Ideen und Zeit - auch Projekte, die zu Recht in dunklen Schubladen gelandet sind, zwischen zwei Buchdeckel gepresst werden und das Licht der Buchwelt erblicken. Auf diese Weise bleibt der Autorenname Marke und im Programm. Offensichtlich wird Lesern (und Literaturkritikern?) nicht zugetraut, dass sie sich die Namen über mehrere Jahre merken.

Für Lyriker gilt diese Beschleunigung übrigens selten, im Gegenteil: Sie kreisen eher mit ihren Buchprojekten in Warteschleifen über den Landebahnen der Verlage, solange, bis der nächste Platz für Lyrik frei wird. Womit auch angedeutet wäre, dass es eine Rangordnung gibt, und die einen ein gutes Herz brauchen für das Schnellschreiben und die anderen vor allem einen langen Atem.

In der kurzen Zeit zwischen Erscheinen eines Buches und seinem Ausverkauf redet die Literaturkritik ihr Wörtchen mit, je früher desto besser für den Verlag. Je früher heißt mittlerweile: selbst wenn die Bücher noch gar nicht im Handel ist. "Sperrfristenbrechspiel" nenne ich zungenbrechend diesen eigenartigen Brauch des Betriebes, Rezensionen zu veröffentlichen, noch bevor das Buch im Handel erhältlich ist. Von diesem Brauch erhoffen sich offensichtlich die Medien ihrerseits die gewünschte Aufmerksamkeit. Erster sein ist alles, selbst für das Romanelesen gilt das also. Wer später dran ist, den straft die Häme der Konkurrenz: Die Bücher gelten als "abrezensiert".

Absurde Geschwindigkeiten

Was für ein Betrieb! Was für absurde Geschwindigkeiten! Als wären Romane Nachrichten, die morgen schon überholt sind. Als würden Bücher drei Wochen später zu Staub zerfallen. (Vielleicht sollte man aus Protest eine Literaturkritik der Wühlkisteninhalte ins Leben rufen?) Als wären Literaturredaktionen die PR-Abteilungen der Verlage. Als würden Leser einen Nutzen daraus ziehen, Rezensionen von Büchern zu lesen, die es noch gar nicht gibt.

Doch halt. Die Geschwindigkeitsregel gilt nur für bestimmte Bücher. Für wichtige Bücher. Für den Hype, den (meist große) Verlage Arm in Arm mit willfährigen Medien produzieren, am besten durch Skandale und provokante Debatten. Es wird nämlich nicht nur immer schneller hoch gehoben und weggeschubst, sondern es ist auch überall dasselbe, was dargeboten wird: dieselben Bücher, derselbe Themeneinheitsbrei, der aus diesem Bemühen der Medien um Aufmerksamkeit entsteht. Was für ein Paradox! Auffallen wollen, indem man von demselben spricht wie alle. Statt einzigartig zu wirken, indem man die eigene Spürnase einsetzt.

Literaturkritik selektiert, sie kann gar nicht anders angesichts der Berge von Neuerscheinungen und es ist auch eine ihrer Aufgaben, für die Leserinnen und Leser diese Auslese zu übernehmen. Man spricht in diesem Zusammenhang von der Funktion des "Gatekeepers". Und tatsächlich: Das Tor zur Öffentlichkeit bewacht sie recht gut, statt selbstbewusst eigene Themen zu setzen und unbeeinflusst von Marketingabteilungen auf die Suche nach dem zu gehen, was bedeutsam sein könnte. Und der Themeneinheitsbrei geht auf wie ein Germteig (und erinnert an das Märchen vom süßen Brei).

Prominenz sticht

Weil aufgegriffen wird, was alle anderen auch aufgreifen, wird die Schere zwischen wahrgenommenen Autoren, Werken und Themen und jenen im Schatten der Öffentlichkeit immer größer. Die Prominenz bleibt prominent, weil sie stets den prominenten Platz bekommt; der Roman wird mehr gelesen als Lyrik, weil keiner auf Lyrik hinweist; die Sensation wird zu einer solchen gemacht. Dasselbe gilt für die für den Markt so wichtigen Marken: Schriftstellerinszenierungen werden zwar kritisiert, aber dennoch fröhlich mitkreiert. Man denke nur an die seitenfüllende Hegemanndiskussion im Frühjahr.

Was ist wichtig, und was ist unwichtig? Nicht nach hehren Wertungskriterien, zu denen sich die Literaturkritik gerne bekennt, auch wenn sie sie selten benennt, scheint das entschieden zu werden, sondern nach den Regeln des Kartenspiels. Warum halten sich alle daran? Und wer hat sie eigentlich festgesetzt? Man könnte den Buben doch zum Beispiel für mehr wert erklären als den König. Oder man könnte die Regeln des Kartenspiels auf den Tisch legen und kritisch hinterfragen. Doch meist werden die vorgegebenen Hierarchien übernommen, und da ist und bleibt der König König: Prominenz sticht.

Warum aber nicht "den neuen Franzen" als fünfzehnzeilige Buchbesprechung erwähnen und dafür dem großartigen Buch einer unbekannten Debütantin eine ganze Seite widmen? Das würde den Pluralismus anfeuern und entspräche so manchen hehren Kriterien der Literaturkritik wohl eher. Warum nicht Literatur, die offensichtlich als Skandal bestens vermarktet werden soll, auch einmal einfach verschweigen? Ein schöner Traum.

Dass die Realität anders aussieht, kritisiert die Literaturkritik zwar, sie wirkt aber mit, indem sie etwa den Erfolg, den Verleger vorausplanen, nicht nur mitmacht, sondern gerade erst macht. Das Wort Kritik kann man auf denselben Wortstamm zurückführen wie die Krise - und nach Roland Barthes bedeutet "Kritik betreiben" "in Krise bringen". Demnach wäre das Herstellen der Krise sogar eine Aufgabe der Literaturkritik. Wolfgang Hilbig schrieb einmal, Kritik finde so lange statt, "bis der Zustand, den sie im Auge hat, in eine Krise gerät. Allgemeiner ausgedrückt: das Ziel von Kritik ist in jedem Fall die Krise." Die Kritik arbeite "notgedrungen auf einen Wendepunkt in der Situation ihres Gegenstandes" hin. Dass so etwas ziemlich unbequem ist, versteht sich von selbst.

Unterbrechung des Automatismus

Kann man bei all dem Buchrasen nicht einfach agieren wie Herman Melvilles "Bartleby, der Schreiber" und sagen: "Ich möchte lieber nicht"? Wer eine solche Frage stellt, scheint keinen Realitätssinn zu besitzen. Alles spricht augenscheinlich dagegen, dass eine solche Verweigerung möglich wäre. Literaturkritiker und vor allem Literaturredakteure haben zu funktionieren, nicht zu stören; sie haben zu vermitteln, nicht zu verweigern. Trotzdem ist Kritik als "Unterbrechung des Automatismus" (Alexander Kluge) nicht nur machbar, sondern sogar sinnvoll, auch und gerade aus Sicht des Mediums, das sich verkaufen will. Denn ein Medium, das nicht alle Hypes mitmacht und dessen Beilagen nicht aussehen wie die von allen, profiliert sich.

Sigrid Löffler nannte als eine der wichtigen Funktionen der Literaturkritik das Marktkorrektiv: "Literaturkritik sollte einen Gegenkanon zu den gängigen Bestsellerlisten aufstellen, sollte als Marktkorrektiv wirken, indem sie vorzugsweise Bücher propagiert, die keine Massenbasis haben." Darüber hinaus sollen Kritiker "die Kritikfähigkeit des Publikums gegenüber solchen Marktstrategien schärfen, indem sie etwa Werbekampagnen als solche analysieren und kenntlich machen". Und Walter Hinck schrieb 1990: "Hätten wir Literaturkritik bisher nicht gekannt, im Zeitalter des Marketing müßte sie erfunden werden."

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