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Die richtigen Schuhe ZUM GEHEN

1945 1960 1980 2000 2020

In Klagenfurt ist Monique Schwitter leer ausgegangen. Nun steht ihr Roman "Eins im Andern" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

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In Klagenfurt ist Monique Schwitter leer ausgegangen. Nun steht ihr Roman "Eins im Andern" auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.

Als die gebürtige Schweizerin Monique Schwitter beim diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Wettlesen den Text "Esche" aus ihrem neuen Roman vorträgt, erntet sie durchwegs Lob. Man attestiert ihr eine "schräge", "freche", ja interessante Geschichte, die "Leerstellen" habe. Obgleich sie in Klagenfurt gänzlich leer ausgegangen ist - Brigitte Schwens-Harrant hat an ihrem Beispiel erhellend gezeigt, dass sehr viel positive Kritik keineswegs zu einem "Siegertext" führen muss (siehe DIE FURCHE Nr. 28) -, ist Schwitter eine erfolgreiche Autorin und bereits mehrfache Preisträgerin, nachdem sie den Beruf der Schauspielerin 2010 völlig aufgegeben hat.

Nach ihren ersten Veröffentlichungen in der Grazer Literaturzeitschrift manuskripte folgt 2005 ihr Debüt "Wenn's schneit beim Krokodil", später dann der Roman "Ohren haben keine Lider" und ihr viel beachteter Erzählband "Goldfischgedächtnis". Schreiben ist essentiell für ihr Leben. Einmal bezeichnet sie es als Gefühl, sich damit "in die Welt tragen" zu können, was tröstlich anmute.

Mikrokosmos der Gefühle

Ihr neuer Roman "Eins im Andern", der nun auf der Longlist des Deutschen Buchpreises ist, bestätigt ihren kreativen Zugang zur Welt des Schreibens aufs Neue. Schwebendes Erzählen mit ineinandergeschobenen Zeitebenen und kuriose Einfälle um ein Tableau von Beziehungen schaffen einen wunderbaren Nährboden für eine originelle Geschichte, die sich, wie es im Klappentext heißt, um eine "recherche amoureuse" entspinnt, um den bunten Mikrokosmos der Gefühle.

Alles beginnt damit, dass die Protagonistin den Namen ihrer ersten Liebe googelt. Durch Zufall erfährt sie dabei von Petrus' Selbstmord, der sie so berührt, dass sie sich schreibend zu einer Reise in die Vergangenheit aufschwingt. Zwölf Namen für zwölf Kapitel, sie folgen fast den Namen der zwölf Apostel, aber nur fast, denn Bartholomäus und Judas existieren hier nicht, stattdessen taucht ein Nathanael auf. Es sind Geschichten von einst und jetzt, die zwischen Silvester 1992/1993 und Dezember 2013 angesiedelt sind. Die Orte fädeln sich interessanterweise entlang der Lebensstationen der Autorin auf: Zürich, Salzburg, Graz und Hamburg.

Die Ich-Erzählerin ist mit einem Spieler verheiratet, den Gläubiger und ein Schuldenberg verfolgen; sie hat zwei Kinder und eine Hündin, die Theaterakademie besucht, Regie studiert und sie schreibt. Auch hier scheinen Fiktion und Puzzlestücke aus der Realität fest miteinander verquickt worden zu sein. Petrus' Selbstmord stürzt die Protagonistin in eine Phase der Irritation. Tatsächlich hat sie noch immer die Ansichtskarte mit dem Hl. Christophorus aufbewahrt, die ihr Petrus damals zu Silvester geschenkt hat, als sie mit ihm gemeinsam im kniehohen Schnee - großteils nur in Socken - zur Kirche St. Peter in Mistail gegangen ist. Was folgt, ist die Auseinandersetzung mit Männern, die im Leben der Ich-Erzählerin bedeutend waren. "Petrus, dann Andreas: der Beginn einer Reihe, wenn wir die Namen ernst nehmen, einer Zwölferreihe, zwölf Namen, zwölf Männer. Einer nach dem anderen. Wie viele Lieben hat man?" Nach Petrus folgt sein Bruder Andreas, dessen Mund der grauenvolle Biss einer Ratte verunstaltet hat. Dann tritt der Schauspieler Jakob in ihr Leben: "12 x Herbst könnte eine Gleichung für unsere Beziehung lauten." Diese Chronologie der Männer umkreist aber nicht nur Geliebte, sondern auch Freunde, ihren Bruder, Bekannte oder einen Schüler. Ein Schreibkurs führt die Ich-Erzählerin beispielsweise in die Schule. Es ist der Jahrgang ihres Kindes, das sie abgetrieben hat. Ein Schüler, Mathieu, fällt ihr besonders auf, ihn motiviert sie zum Schreiben.

Schlusspunkt der Reihe

Und ihr eigener Mann? Philipp sollte, setzt sie zu Beginn fest, der Schlusspunkt der Reihe sein. Vorerst ist sie vor ihm auf der Flucht, um Abstand zu gewinnen. Zu enttäuscht ist sie, weil er das ganze Geld, sogar das der Kinder, durchgebracht hat. Die Reflexion über ihre gegenwärtige Beziehung gelingt ihr mit einem fiktiven Jakob, ihrer Kopfgeburt, der ihr als geistiges Gegenüber zum Nachdenken zur Verfügung steht. "Die Liebe sucht man sich nicht aus, mein Herz." Ein Satz, den ihre Großmutter ihr immer gepredigt hat.

Schwitter durchbricht die Gedanken an die einstigen Begegnungen immer wieder mit reflexiven Passagen. Sie handeln vom Schreiben an sich, aber auch von der Liebe, der ein experimentelles, aber zugleich undurchdringliches Unterfutter anhaftet: "Was ist das, die Liebe? Wieso kann sie kommen und gehen? Wohin geht sie, wenn sie geht? ... Eins geht ins andere über, eine Liebe in die andere. Oder bleibt die Liebe immer dieselbe, bleibt sie sich treu? Ändern sich nur ihre Gefäße?" Auch wenn Fragen wie diese nicht weiter verfolgt werden, stellen sie sich der Protagonistin, die sie mit den verschiedenen Gesichtern der Geliebten in Verbindung bringt.

Rauch-Zeit-Kind-Morsezeichen

Und da sind auch noch die ominösen Klopfzeichen, mit denen Schwitter ihren Text strukturiert, Rauch-Zeit-Kind-Morsezeichen, die in einem gewissen Rhythmus auftauchen und Erinnerungssedimente aus dem Gedächtnis hämmern. Sie kehren verlässlich als markante Zeitsäulen wieder und werfen neue Blitzlichter auf das Ich in einer fragilen Vergangenheit. Schwitter spannt die Grammatik des Gehens als übergeordnetes Motiv über die Transformationen der Liebe. Da ist Christophorus, der Schutzpatron, Becketts Kurzstück "Kommen und Gehen" oder Schuberts Lied aus der "Winterreise":"Die Liebe liebt das Wandern."

Mit großer Leichtigkeit entwirft Monique Schwitter - sie kann fürwahr erzählen - in ihrem Roman ein klares Plädoyer für das Leben und arrangiert dabei eine Vielzahl schon längst verschütteter Spuren zu einem Beziehungsmosaik. Es sind die unterschiedlichen Perspektiven, ja außerordentliche Lebensentwürfe und Einfälle, die dem Text eine wahrhaft beeindruckende Signatur verleihen. "Die feinsten Splitter sind die gefährlichsten. Tauchen denn alle wieder auf?" Muss nicht sein. Wichtig ist bloß, die richtigen Schuhe zu finden. "These boots are made for walking."

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