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Die Schreie des Entsetzens

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Das Leben als Hölle und Kunst als Weg entlang einer bodenlosen Tiefe: Leben und Werk von Edvard Munch, der vor 150 Jahren geboren wurde.

"Malen ist für mich wie eine Krankheit, ein Rausch. Eine Krankheit, die ich nicht los werden will, ein Rausch, den ich brauche“. So emphatisch beschrieb Edvard Munch seine Malerei.

Wie kaum ein anderer Künstler der klassischen Moderne hat Edvard Munch elementare seelische Vorgänge in seinen Bildern dargestellt, in denen er seine innere Bewegtheit unmittelbar auf die Leinwand übertrug. Ihn faszinierten die Nachtseiten der menschlichen Existenz: Krankheit, Tod, Wahnsinn, Eifersucht und Melancholie waren zentrale Themen, die in seinen Gemälden und graphischen Werken immer wieder auftauchten. Er verglich sein Leben mit einem Aufenthalt in der Hölle. "Meine Kunst hat entlang einem Abgrund, einer bodenlosen Tiefe geführt“ so notierte Munch, "dem Weg muss ich folgen, bis ich in die Tiefe stürze“. Dieser Weg führte ihn in ein tumultuarisches Leben - voll von traumatischen Liebesbeziehungen, Krankheit, Wahnsinn und Alkoholdelirien -, bevor es im Alter in ruhigeres Fahrwasser geriet.

Triste Jugend

Geboren wurde Edvard Munch am 12. Dezember 1863 als ältester Sohn des Militärarztes Christian Munch und dessen Ehefrau Laura Catherine in dem norwegischen Dorf Löten. Die frühe Jugend Munchs war von der schweren Krankheit der Mutter geprägt. Auch um seine eigene Gesundheit war es schlecht bestellt. Die jüngst erschienene Biografie des in Stuttgart lehrenden Kunsthistorikers Hans Dieter Huber "Tanz des Lebens“, die plastisch die verschiedenen Lebensstationen des Künstlers nachzeichnet, vermittelt ein anschauliches Bild dieser tristen Jugend. Nach einem kurzen Zwischenspiel an der Technischen Hochschule wandte sich Munch der Malerei zu und nahm am Unterricht an der königlichen Zeichenschule teil. 1885 begann er mit der Arbeit an dem Bild "Das kranke Kind“. Darin bezog er sich auf den frühen Tod seiner Schwester Sophie. Munch sprach später davon, dass er das Thema des kranken Kindes "bis zum letzten Schmerzensschrei durchlebt“ habe. Dies hinterließ sichtbare Spuren auf der Bildoberfläche; "Eindrücke meiner Kindheit sollten wie mit einem Phonographen die bewegte Stimmung zum Vibrieren bringen“, schrieb Munch. Zum Vibrieren brachte das Bild auch die Besucher der Herbstausstellung 1886 in Kristiania - wie Oslo damals hieß - wo Munch das Bild erstmals präsentierte. Auch ein Großteil der Kunstkritiker war wenig von Munchs Bild begeistert: Die Rede war von "Humbugmalerei“, und von "Farbengeklecks“. Munch ließ sich jedoch nicht beirren. Er betrachtete sein Werk "Das kranke Kind“ als das wohl bedeutendste Bild, das für das Verständnis seiner Kunst unumgänglich ist. Bereits in diesem frühen Werk wird deutlich, dass Munch den Malprozess als Erinnerungsarbeit verstand. "Ich male nicht, was ich sehe, sondern was ich sah“ - so lautete die Formel für sein künstlerisches Schaffen.

Im Jahr 1889 erfolgte ein wichtiger Einschnitt in der Biografie Munchs. Drei staatliche Stipendien ermöglichten längere Aufenthalte in Paris. Dort kam er mit verschiedenen Strömungen der zeitgenössischen Kunst in Berührung. 1892 erhielt er die Einladung des Vereins "Berliner Künstler“ zu einer Einzelausstellung, die über fünfzig Gemälde präsentierte. Die Ausstellungseröffnung endete mit einem Eklat; es kam zu Pfeifkonzerten und zu Rangeleien. Die Presse reagierte mit schroffen Beleidigungen: Die Bilder seien "rohe Anstreicherarbeiten“ und "in der liederlichsten Art hingeschmiert“. Wie bei fast jedem Kunstskandal steigerte sich der Bekanntheitsgrad von Munch. "Bessere Reklame kann ich nicht bekommen“, so lautete sein ironischer Kommentar. In diesen Jahren entstand Munchs wohl bekanntestes Gemälde "Der Schrei“. Zwischen 1892 und 1910 schuf er verschiedene Fassungen des Bildes; den Bildaufbau behielt er jedoch bei. Alle Versionen dieser Thematik vermitteln das Grungefühl einer tiefgehenden Verzweiflung über die geringe Bedeutung des Menschen im Kosmos. Oder, wie es der schwedische Schriftsteller August Strindberg ausdrückte: Es ist der "Schrei des Entsetzens vor der Natur, die vor Zorn errötet und sich anschickt, durch Sturm und Donner zu den törichten kleinen Wesen zu sprechen, die sich einbilden, Götter zu sein, ohne ihnen zu gleichen.“

Mitte der 1890er-Jahre begann Munch auch mit der Produktion von Druckgraphik, die gleichberechtigt neben seinen Gemälden steht. In den Bereichen der Lithographie und der Radierung fand er Techniken, die es ihm erlaubten, neuartige Ausdrucksmöglichkeiten zu finden. Munch eignete sich verschiedene Techniken wie die Aquatinta-Technik oder die Kaltnadelradierung an, die er besonders schätzte. Nachdem Munch diese Drucktechniken beherrschte, befasste er sich mit dem Holzschnitt, der erst im 19. Jahrhundert wieder von einzelnen Künstlern aufgegriffen wurde; so etwa von Paul Gaugin und von japanischen Malern wie Hiroshige. Außerdem schuf er in atemberaubendem Tempo großformatige Gemälde, die sein ikonographisches Grundvokabular variierten: Melancholie. Krankheit, Tod und Angst waren weiter bestimmende Themen. Dazu kamen noch Porträts von Mäzenen und Kunstliebhabern, die nicht immer zur Zufriedenheit der Porträtierten ausfielen. Munch setzte sein unstetes Wanderleben fort und stellte seine Gemälde in Berlin, Stockholm, Paris und Brüssel aus.

Im Alter ein "Eremit“

Munch bezahlte für sein leidenschaftliches Engagement für die Kunst einen hohen Preis: er verfiel zunehmend dem Alkohol. "Ich soff wie ein Besessener“ notierte er. Nach einem tagelangen Alkoholexzess, bei dem Munch 1908 nach eigener Aussage einen Nervenzusammenbruch und einen leichten Schlaganfall erlitt, entschied er sich, eine Entzugsklinik in Kopenhagen aufzusuchen. Der Ernst der Lage war ihm durchaus bewusst: "Diesmal bin ich so ernsthaft gewarnt worden, dass ich nichts mehr mit dem Gift zu tun haben will“. Munchs Wille zur Selbstheilung war stark genug, um mit Hilfe kompetenter Ärzte seine Sucht zu überwinden.

Nach seiner Genesung beschloss Munch, nach Norwegen zurückzukehren. Anfangs beurteilte er seine Rückkehr etwas skeptisch, denn bisher war er in seiner Heimat hauptsächlich mit bösartigen Kritiken konfrontiert worden, die ihn sehr erbosten. 1916 erwarb Munch das große Gut Ekely in der Nähe von Kristiania. Von nun an lebte Munch zurückgezogen auf seinem Anwesen "Ich lebe in einer Einsamkeit, mit einer Scheu vor Menschen“, schrieb er an einen Bekannten, "das ist eigentlich mein Wesen“. Ab und zu unterbrach der Künstler sein Eremitenleben und reiste zu Ausstellungen seiner Werke nach Dänemark, Deutschland, Frankreich und in die Schweiz. Er feierte große Triumphe und wurde als einer der bedeutendsten Maler der Moderne des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts anerkannt.

Am 12. Dezember 1943 feierte Munch seinen 80. Geburtstag, der mit offiziellen Ehrungen verbunden war. Wenige Tage danach zog er sich eine schwere Bronchitis zu, der der geschwächte Körper nicht mehr gewachsen war. Munch verstarb am 23. Jänner 1944. Seinen künstlerischen Nachlass hinterließ er der Stadt Oslo, der heute im Nationalmuseum und im Munchmuseum besichtigt werden kann.

Edvard Munch

Tanz des Lebens. Eine Biographie

Von Hans Dieter Huber, Reclam 2013.

198 Seiten, gebunden, e 20,60

Ö1-Radiokolleg

Nikolaus Halmer gestaltet diese Woche das Ö1-Radiokolleg zu Edvard Munch.