Die Schrift als schönste aller Schöpfungen

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Eine bis vor Kurzem unbekannte und unvergleichliche Sammlung jüdischen Schrifttums ist derzeit in Zürich zu sehen. Ihre Ausstellung zog bereits in Amsterdam, New York und Jerusalem mehr als hunderttausend Besucher an.

Nicht schlecht staunten die internationalen Fachleute, als die "Braginsky Collection“ vor zwei Jahren in der berühmten Bibliotheca Rosenthaliana von Amsterdam zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde. In aller Stille hatte der Schweizer Finanzinvestor René Braginsky während dreier Jahrzehnte die "wohl bemerkenswerteste Privatsammlung illustrierter hebräischer Manuskripte der Welt“ aufgebaut, wie die New York Times konstatierte. Der Fundus umfasst kostbare Schriftrollen und Bibelausgaben, Gebetbücher und Gesetzeskodexe, kabbalistische Abhandlungen und wissenschaftliche Literatur sowie jüdische Hochzeitsverträge aus der Zeit vom Mittelalter bis in die jüngste Vergangenheit. Nach einer Reise um den halben Globus ist die Ausstellung nun auf ihrer vorerst letzten Station in Braginskys Heimatstadt Zürich zu besichtigen, unter dem Dach des Nationalmuseums direkt neben dem Hauptbahnhof. Zwei Räume füllen die über hundert Exponate.

Lettern für die Lupe

Das wertvollste Stück der Kollektion ist dabei auch das imposanteste. Es liegt mehrtausendseitig in einer Vitrine des ersten Raumes: eine Abschrift des jüdischen Religionsgesetzes in der Zusammenfassung von Moses Maimonides (1135/38-1204), der noch heute als die Autorität schlechthin für die rabbinische Rechtsauslegung gilt. Nicht umsonst ehrt die Überlieferung den Universalgelehrten mit dem Lobspruch: "Von Moses bis Moses war keiner wie Moses.“

Gleich daneben verdienen wesentlich kleinere Bändchen große Aufmerksamkeit, nämlich die Werke von Aaron Wolf Herlingen aus Wien (ca. 1700-ca. 1757). Er war kaiserlich-königlicher Bibliotheksschreiber und zugleich vielleicht der bedeutendste hebräische Kalligraf der Geschichte. Zu seinen Spezialitäten gehörte die Mikroschrift. Beim näheren Betrachten entpuppt sich eine knapp zehn auf zehn Zentimeter messende Darstellung von König David aus Herlingens Hand als zusammengesetzt aus den Worten von acht Psalmen. Ohne Lupe lassen sich die winzigen Buchstaben gar nicht entziffern. Wie der Meister sie schrieb, bleibt für den Laien rätselhaft. Nicht weniger kunstvoll erscheinen die präsentierten Ausgaben der traditionellen "Pessach-Haggada“ mit Erzählungen und Liedern zur Feier des Auszugs aus Ägypten im familiären Kreis. Wein- und Ölflecken auf den Seiten zeugen vom regen Gebrauch der Bücher bei Tisch. Sammler Braginsky besitzt unter anderem die älteste nachweislich von einer Frau illustrierte Haggada (Hamburg 1842) sowie eine prächtige goldverzierte Haggada, die möglicherweise im Auftrag der Rothschild-Familie entstand (Frankreich ca. 1870) und mit ihrer Ornamentik stark an persisch-islamische Malerei erinnert. Überhaupt ist der fremde kulturelle und religiöse Einfluss auf die Gestaltung der jüdischen Schriften immer wieder erkennbar. Doch die Beeinflussung ging auch in die andere Richtung. So entwickelte sich etwa in der europäischen Renaissance eine ganze Gruppe christlicher Hebraisten, die sich um die Kenntnis der Sprache des Alten Testaments bemühten und teilweise selbst Bibeln mit hebräischem Text druckten. Ihnen ist in der Zürcher Ausstellung eine eigene Sequenz gewidmet.

Eine Ehe für die Ewigkeit

Der zweite Raum der Schau wird von einem besonders wichtigen Dokument jüdischen Alltagslebens geprägt: In vielfacher Ausfertigung hängen historische Hochzeitsverträge (hebräisch "Ketubbot“) an den Wänden. Darin wurden nach altem Brauch die Rechte und das Eigentum der Braut sowie die Verpflichtungen des Bräutigams festgehalten, wozu auch die Ausübung der Sexualität gehörte. Bei der Eheschließung erfolgte die Vorlesung der Vereinbarung.

Die großformatigen Pergamente aus aller Welt sind, je nach Entstehungsort unterschiedlich, farbenreich und opulent dekoriert. Bei manchen besteht die Verzierung aus einem Band mit den Tierkreiszeichen, auf anderen finden sich Abbildungen der Stadt Jerusalem oder von Personen aus der Bibel, deren Namen die Eheleute oder ihre Angehörigen trugen. Zum Beispiel fährt auf einer Ketubba aus dem Jahr 1789 der Prophet Elija mit seinem Feuerwagen gen Himmel, wie es im zweiten Buch der Könige geschrieben steht, weil der Bräutigam aus dem italienischen Ancona Elia Mordecai hieß.

Derartige figürliche Darstellungen, wie sie etliche der Exponate vorweisen, zeugen von einem überraschend freien Umgang mit dem herkömmlichen Bilderverbot im Judentum, der offenbar in zahlreichen Gemeinden üblich war. In einer wandfüllenden Vitrine gibt es passend zu den Ketubbot mehr als zwanzig Schriftrollen zu bestaunen, die von einer Ehe erzählen, welche nicht nur Leben spendete, sondern sogar rettete.

Die sogenannten "Megillot“ enthalten die biblische Geschichte von Esther, der jüdischen Gattin des persischen Königs Ahasveros, dank derer Fürsprache die Israeliten vor der Vernichtung durch ihren Widersacher Haman bewahrt wurden. In diesem Bericht fehlt eine explizite Erwähnung Gottes, weswegen für seine Abschrift nicht dieselben Reinheitsgebote galten wie beim Erstellen einer Thorarolle für die Synagoge. Deshalb konnten auch Frauen als Schreiberinnen auftreten. So wurde die früheste Megilla der Sammlung aus dem Jahr 1564 wohl von einer Venezianerin namens Stellina kopiert.

Am eindrucksvollsten erscheint ein durchgängig illustriertes Exemplar aus Indien (ca. 1900). Darin verbinden sich auf einzigartige Weise westliche Stilformen mit solchen des Subkontinents. Mindestens gleich reich wie der Text sind jeweils die runden Hülsen der Estherrollen geschmückt, die aus Holz, Elfenbein, Silber oder Gold bestehen.

Wo die hier offenkundige Hochachtung des geschriebenen Worts ihren Ursprung hat, macht ein Manuskript deutlich, das auf den ersten Blick in der Ausstellung gar nicht sonderlich auffällt. Es ist ein Hochzeitsvertrag aus Gibraltar (ca. 1830/1840). Dieser verkündet jedoch nicht die Vermählung eines Mannes mit einer Frau, sondern diejenige des Volkes Israel mit der Thora. Nach der Überlieferung wurde die Ehe am Freitag, den 6. Siwan 2448 (1313 v. Chr.) am Berg Sinai geschlossen, als Moses die Gesetzestafeln empfing - und sie hält bis heute.

Schöne Seiten. Jüdische Schrift-kultur aus der Braginsky Collection

bis zum 11. März 2012 im Landesmuseum Zürich, Schweiz.

www.schoeneseiten.landesmuseum.ch.

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