Digital In Arbeit

Die schwindende Klima Hoffnung

Seit dem Scheitern des Gipfels von Kopenhagen tritt der UN-Klimaprozess auf der Stelle. Der Gipfel im mexikanischen Cancún wird nur noch in wenigen Teilbereichen Fortschritte erzielen.

Die globale Verwirrung, der Zwiespalt zwischen Wollen, Können und tatsächlicher Aktionsfähigkeit der Menschheit wird bisweilen in den kleinen Dingen sichtbar. Der WWF und die Unternehmensberater von KPMG befragten dieser Tage 129 österreichische Unternehmer und Manager nach ihrer Meinung zur globalen Erwärmung. Hauptsächliches Ergebnis: Unsicherheit. Über 80 Prozent der Unternehmer befürworten ambitioniertere EU-Klimaziele, gleichzeitig behaupten aber 90 Prozent, ihnen seien bisherige Klimaschutzvorgaben unbekannt oder unklar. 94 Prozent glauben auch, es sei möglich, den Klimawandel unter der entscheidenden Zwei-Grad-Grenze zu stabilisieren. Aber überzeugt, dieses Ziel tatsächlich zu erreichen, sind nur 25 Prozent. So paaren sich wenige Tage vor dem UNO-Klimagipfel im mexikanischen Cancún idealistische Wünsche mit realistischer Hoffnungslosigkeit.

In dieses zwiespältige Feld lassen sich auch jene Informationen einfügen, die im Vorfeld des Gipfels von Cancún die Runde machen.

Zunächst die ernüchternde politische Realität: Die Chefin des UN-Klimasekretariats, Christiana Figueres, meint: "Es ist unrealistisch, in einem Schritt zu einem umfassenden Klimaabkommen zu gelangen." Die zuständige EU-Kommissarin Connie Hedegard vermisst "neue Botschaften" aus dem Mund der politischen Führungen in den USA und China. Und das Potsdamer Institut für Klimaforschung (PIK) fasst ernüchtert zusammen: "Der Klimabazar - jeder gibt so wenig, wie er kann - hat die Verhandlungen in die Sackgasse geführt" (Hans Joachim Schellnhuber, Leiter des PIK).

Tatsächlich könnte das Kyoto-Protokoll 2013 ersatzlos auslaufen. Damit wäre das einzige internationale Abkommen Geschichte, in dem sich die Staatengemeinschaft über die Reduktion von CO2 auch zu einer Mäßigung und Modernisierung im wirtschaftlichen Bereich verpflichtet. Abgelöst würde es durch ein unilaterales Fort- oder Rückschreiten der Staaten, wobei ausreichendes oder fehlendes Wirtschaftswachstum den Ausschlag für oder gegen Klimamaßnahmen geben würde.

Wissenschaftliche Horrorvisionen

Diese Partikularisierung ist umso erstaunlicher, als die Berichte über dramatische Folgen der Erderwärmung immer dichter werden. Hier die Meldungen zu Forschungsergebnissen aus dem November: "Erderwärmung könnte die Winter in Europa extrem kalt werden lassen" (Vladimir Petoukhov, Journals of Geophysical Research, 16. 11.); "Chinas CO2-Fußabdruck wird immer größer" (Studie des WWF, 15. 11.); "Energiebedarf steigt weltweit um 36 Prozent" (Studie Internationale Energieagentur, 9. 11.); "Katastrophenschäden steigen bis Ende des Jahrhunderts um das Dreifache" (UN-Studie, 11. 11.). Zwischen Jänner und September dieses Jahres registrierte die Münchener Rückversicherungsgesellschaft 725 Naturkatastrophen weltweit, die mit extremen Wetterereignissen in Zusammenhang stehen. Zum Vergleich: In den Jahren 2000 bis 2009 hatte es insgesamt nur 550 solcher Ereignisse gegeben. "Die Wettermaschine schaltet einen Gang höher", sagt Peter Höppe von der Klimaschutzabteilung der Versicherung. Die Moral aus der Geschichte nach Höppe: "Verbindliche CO2-Reduktionsziele müssen auf der Tagesordnung bleiben, sonst tragen künftige Generationen die Kosten dafür." So sicher diese Analyse des Experten ist, so sicher ist auch, dass sie derzeit ungehört bleibt. Vor einem Jahr war das noch ganz anders. Allerorten wurde in Statements, Werbekampagnen und Sonntagsreden das Bekenntnis zum Klimaschutz vorgetragen. Nun herrscht Schweigen. Woran liegt also die Untätigkeit?

Blockade in den USA

Stefan Schleicher, österreichischer Vertreter im Weltklimabeirat IPCC, macht dafür die Rolle der USA und Chinas verantwortlich (siehe Interview rechts). In den USA ist Präsident Obama nach den Midterm Elections auf die Zustimmung der betont Kyoto-feindlichen Republikaner angewiesen. Ein neues Abkommen würde sicher keine Mehrheit finden. Der gute Wille Obamas während des Präsidentschaftswahlkampfs verblasst so zum Lippenbekenntnis.

China dagegen hat seine ablehnende Politik gegenüber den Weltklimabemühungen der Vereinten Nationen nicht geändert. Wobei das Hauptmotiv dafür nicht der eigentliche Unwille zum Klimaschutz sein dürfte als vielmehr die Weigerung, sich einer internationalen Kontrolle zu unterziehen.

Doch auch die Monate dauernde Diskussion um einige haarsträubende Fehler im Bericht des Weltklimabeirats IPCC hat nicht zum Fortschritt der Klimapolitik beigetragen. Dazu kommt: Nach wie vor plagt die Wissenschafter auch die Unsicherheit bezüglich der ermittelten Forschungsergebnisse, weil die Klimaforschung selbst erst am Anfang steht. Sicher ist nur, dass die Erderwärmung stattfindet und dass sie auch durch den Menschen beeinflusst wird. Wie schnell sie voranschreitet und wann die schwerwiegendsten Folgen spürbar werden, ist dagegen umstritten: Gerade in dieser Woche ließen Messungen aufhorchen, wonach das Abschmelzen der arktischen Gletscher auf Grönland wesentlich schneller vor sich gehen könnte als ursprünglich in Modellen angenommen. Einen bis zu 18 Zentimeter höheren Meeresspiegel hatten die Forscher als Extremwert für das Jahr 2100 berechnet. Gemäß den Wissenschaftern von NASA, der Universität Aalto und dem PIK könnten es aber mehr als 1,8 Meter sein. Das würde bedeuten, dass London, New York, Kairo oder Bangkok von wiederkehrenden Fluten betroffen sein könnten. Ganz zu schweigen von Bangladesch und den Inselstaaten im Pazifik, für die schon ein halber Meter Seehöhe über Sein oder Untergang entscheidet.

Cancún wird allerdings Fortschritte in Detailbereichen bringen, etwa die finanzielle Unterstützung von Waldbesitzern gegen die Zusicherung, die Bestände nicht zu schlägern oder - weniger wahrscheinlich - konkrete Finanzhilfe für geschädigte Entwicklungsländer. Doch inzwischen nagen Erderwärmung und Raubbau still an den Ressourcen, die einer wachsenden Weltbevölkerung die Nahrung sichern sollen. Jedes Jahr verwandeln sich zwölf Millionen Hektar fruchtbares Ackerland in unfruchtbare Steppe oder Wüste.

Angesichts der Bedrohung helfen vielleicht doch die Unternehmer weiter. 260 international tätige Großfirmen haben sich zum Cancún Kommuniqué vereint. Ihr Rezept ist das exakte Gegenprogramm zur herrschenden Politik: "Veränderungen in Gang setzen. Zügig, verbindlich, effektiv, kostenbewusst."

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau