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Feuilleton

Die Spiele eines bösen Knaben

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Kinderverbrechen rufen Ratlosigkeit hervor - eine Erzählung von Cees Nooteboom bringt etwas Licht ins psychologische Dunkel

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Kinderverbrechen rufen Ratlosigkeit hervor - eine Erzählung von Cees Nooteboom bringt etwas Licht ins psychologische Dunkel

Verbrechen an Kindern rufen Zorn und Verzweiflung hervor, Verbrechen von Kindern Entsetzen und Ratlosigkeit. Die Erzählung "Kinderspiele" von Cees Nooteboom beginnt beunruhigend und endet schockierend. Doch sie hilft tatsächlich, die Psychostrukturen und gruppendynamischen Konstellationen, die zu solchen Tragödien führen können, etwas besser zu verstehen. Der Suhrkamp-Verlag konnte daher den Zeitpunkt für eine Buchausgabe der Erzählung kaum besser wählen. Dabei schrieb Nooteboom die kurze Geschichte schon vor langer Zeit: Sie entstand kurz nach seinem ersten Roman "Das Paradies ist nebenan".

Ein kleiner Trost für jene Leser, denen die Lektüre von Seite zu Seite größere Pein bereiten mag, und das könnten einige sein: Sie ist nur 38 groß bedruckte Druckseiten lang. Ein sehr viel größerer Trost: "Kinderspiele" ist literarisch ein frühes kleines Meisterwerk des 1933 geborenen Holländers, der noch in den deutschen Nachschlagewerken der sechziger und siebziger Jahre überhaupt nicht zu finden war und sich in den letzten Jahren die besondere Gunst des an Literatur interessierten deutschen Publikums erwarb. Die Sprache ist einfach, klar und dabei von großer Schönheit (man darf auch ohne Kenntnis des Originals annehmen, daß der Übersetzerin Helga van Beuningen hier eine bemerkenswerte Leistung gelungen ist). Nooteboom versteht es, den Leser bereits mit wenigen Sätzen so in die dichte Atmosphäre der Erzählung einzuspinnen, daß an Aufhören nicht mehr zu denken ist.

Zwei erzähltechnische Kunstgriffe ermöglichen es ihm, über ein Kinderverbrechen, das um ein Haar hätte stattfinden können, unter etwas anderen Umständen möglicherweise stattgefunden hätte, alles Sagbare mitzuteilen und den großen Rest, das nicht Aufklärbare, im dunkeln zu lassen. Der eine dieser Kunstgriffe ist die Handlungsführung. Der zwar tragische, aber für das Opfer des möglichen Verbrechens glimpfliche Ausgang - falls dem möglichen Täter überhaupt ein solches vorgeschwebt haben sollte, was man eben nicht so genau erfährt. Der andere Kunstgriff ist die Erzählperspektive. Nooteboom schreibt die Geschichte aus dem Blickwinkel des Knaben Andre, der den ungefähr gleichaltrigen Paul kennenlernt, sich auf diese Beziehung zunächst nur widerstrebend und mit recht gemischten Gefühlen einläßt, dann aber der Herrschaft des anderen verfällt.

Pauls Welt ist eine zutiefst gestörte. Offenbar hat nicht er selbst, sondern sein Vater die Ratte getötet. Sie steht nun aber im Mittelpunkt eines von Paul veranstalteten Opferrituals. Dieses ist unappetitlich und abstoßend, wird aber vom Autor kunstvoll in Beziehung zu den "an sich" (oder besser: aus heutiger Sicht) kaum weniger perversen, jedoch als Selbstverständlichkeit praktizierten Eingeweide-Orakeln im antiken Rom gesetzt. Was Paul mit Eline geplant hat, für die Andre eine starke Kinderliebe empfindet, darf man vermuten, wird man aber nie erfahren. Die Gefahr wird zum Schneiden dicht, doch was sich da zusammenbraut, dient Nooteboom als Hintergrund für das, worum es ihm eigentlich geht: Das Machtspiel dreier Knaben.

Er schreibt das Protokoll eines widerstandslosen, bedingungslosen und in keinem Augenblick in Frage gestellten Verfallenseins, das Andre aber in dem Moment zu durchbrechen sucht, in dem etwas in der Hierarchie seiner Werte offenkundig höher Positioniertes in Gefahr gerät. Daß die Erklärung dieses Verfallenseins, dieser Hörigkeit, nicht bei Andre zu suchen ist, vermittelt Nooteboom - kompositorisch überzeugend - dem Leser dadurch, daß Paul auch noch ein zweiter Knabe verfallen ist. Paul ist der Prototyp der negativen charismatischen Persönlichkeit.

Versucht man die Botschaft dieser erschreckenden, aber fesselnden, ja faszinierenden Erzählung zu verstehen, erkennt man: Sie läßt sich ebenso als politische Parabel, als Trias des Verführers und zweier konkreter Typen von Verführten lesen, wie, ganz konkret, als einfühlsame Erzählung über gefährliche Abwege kindlicher Entwicklung. Daß der Text beide Lesarten eigentlich gleich gut bestätigt, beweist einerseits die psychologische Meisterschaft des Erzählers Cees Nooteboom. Und stößt dabei andererseits den Leser geradezu mit der Nase auf die Zusammenhänge zwischen kindlichem Verhalten, infantilem Erwachsenenverhalten - und kollektiven Katastrophen.

Kinderspiele Erzählung von Cees Nooteboom, Verlag Suhrkamp, Frankfurt/M. 1998, 46 Seiten, Bütten-Broschur, öS 145,