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Die Stadt braucht den Zuzug

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Flüchtlingsströme, asylquoten, Wahlkampf-schlager migration: Wird Österreich überrannt? Keineswegs, wir benötigen Zuwanderung.

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Flüchtlingsströme, asylquoten, Wahlkampf-schlager migration: Wird Österreich überrannt? Keineswegs, wir benötigen Zuwanderung.

Bei den jüngsten Landtagswahlen stand politisch wieder einmal zur Debatte, was aus demografischer wie auch urbanistischer Sicht gar keine Frage ist: nämlich, ob Österreich so viel Zuwanderung verträgt. Wollen sich die Bundeshauptstadt oder auch die oberösterreichischen Zentren wie Linz, Wels und Steyr ihre Vitalität erhalten, brauchen sie den Bevölkerungszustrom aus dem Ausland. Die Frage ist lediglich, ob die Politik es versteht, sich die wirtschaftlichen und kulturellen Impulse der Zuwanderer zu Nutze zu machen und ihre gesellschaftliche Integration zu fördern.

Zuzug von außen war immer schon eine Grundbedingung für die Entwicklung der Stadt. Unabhängig von Kulturkreis und Epoche zeichnet sich die etablierte Stadtbevölkerung dadurch aus, dass ihre geringe Geburtenrate die Einwohnerzahl nicht aufrecht halten kann - und dass sie die dicht bebaute Stadt gern verlässt. Was wir heute als Suburbanisierung infolge der Abwanderung vieler Städter in die sogenannten Speckgürtel beobachten, fand im Prinzip beispielsweise auch schon im Wien des 19. Jahrhundert statt, als sich die Bürgerschicht in den Cottage-Vierteln im grünen Westen der Stadt niederließ.

Globalisierung hat alle Bereiche umfasst

Waren es um 1800 noch Landflüchtlinge aus dem Wein-oder Waldviertel, die Wien zu einer prosperierenden Stadt machten, und um 1900 die "Ziegelböhmen" oder die mährischen Köchinnen und Stubenmädel, so sind es heute eben Zuwanderer aus Rumänien oder der Ukraine beziehungsweise Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan. Die Globalisierung hat nolens volens alle Bereiche unseres Lebens erfasst: So wie Wiens Obst und Gemüse schon längst nicht mehr nur aus Niederösterreich stammen und die Urlaubsdestinationen der Wiener weit über den Semmering und das Salzkammergut hinausgehen, sind auch die Herkunftsregionen der Migranten mittlerweile andere.

Dabei ist Wiens zugewanderte Bevölkerung ohnehin kulturell relativ homogen. Menschen aus Lateinamerika, Afrika, Indien oder Ostasien sind nach wie vor rare "Exoten" im Stadtbild - es gibt hier weder eine China Town, noch rein maghrebinische Vorstädte. Mit Ausnahme der Türkei sind die wesentlichen Herkunftsländer mit Österreich schon seit der Monarchie verbunden. Aber selbst die Türkei ist eine europäische Gesellschaft - und verglichen etwa mit Berlin-Kreuzberg weisen Wien-Ottakring oder Wien-Brigittenau eine recht solide ethnische Durchmischung mit mehrheitlich "autochthoner" Bevölkerung auf. Wer in Wien also Tendenzen zur Ghetto-Bildung sieht, dem fehlt entschieden jeder internationale Vergleich.

Das bedeutet nicht, dass es keine Probleme gibt oder gab. So stand den "Gastarbeitern" in Wien bis 2006 nur der private Wohnungsmarkt offen, wo sie oft auf die schlechtesten Wohnungen in verwahrlosten Altbauten an minderwertigen Standorten angewiesen waren - und dies vielfach zu überhöhten Preisen. So ballten und ballen sich gerade in dicht bebauten Gründerzeitvierteln mit geringem Freiflächenanteil, vor allem aber mit hoher Verkehrsbelastung sozial schwache, ausländische Bevölkerungsgruppen: speziell entlang des stark befahrenen Gürtels, aber auch in anderen weniger attraktiven Lagen des 2., 3., 5., 10., 11. und 12. Bezirks oder der Bezirke 15,16, 17 und 20. Dass die Stadt Wien vor knapp einem Jahrzehnt, einer Richtlinie der Europäischen Union folgend, ihre 220.000 Gemeindebauwohnungen auch für bedürftige Nicht-EU-Bürger öffnen musste, trägt seither zur Entspannung dieser Situation bei.

Von noch größerer Bedeutung für den sozialen Frieden in der Donaumetropole ist freilich die seit 1984 praktizierte sanfte Stadterneuerung, die in ihrer Wirkung weit über die städtebauliche Dimension hinausgeht und insbesondere auch die Lebenssituation von aus dem Ausland stammenden Bewohnern nachhaltig verbesserte. Mit Subventionen in Höhe von 5 Milliarden Euro wurden bis dato 330.000 Wohnungen in etwa 7000 vorwiegend gründerzeitlichen Häusern sozial verträglich saniert. Lebte vor 40 Jahren noch gut ein Drittel der Bevölkerung Wiens - und darunter auch das Gros der Arbeitsmigranten und ihrer Familien - ohne eigenes Bad und WC, so konnte die Zahl der Substandardwohnungen bis heute von 300.000 auf etwa 40.000 reduziert werden.

Die Bürger als Akteure

Zudem konzentriert sich Wiens Stadterneuerung in den letzten Jahren neben rein baulichen Maßnahmen an einzelnen Objekten zunehmend auf die Aufwertung ganzer Viertel - und versucht, die Bürger nicht länger als Betroffene zu sehen, sondern sie als Akteure der Stadterneuerung zu unterstützen. Dabei geht man verstärkt auch auf die ausländische Bevölkerung zu, wie etwa im Rahmen der EU-geförderten Pilotprojekte im Ottakringer Brunnenmarktviertel oder im Volkert- und Alliiertenviertel in Wien-Leopoldstadt. Ansprechpartner im Aufwertungsprozess sind hier nicht mehr nur die Bewohner eines Quartiers, sondern genauso türkische Marktstandler, Frauengruppen aus Ex-Jugoslawien oder ein Roma-Kulturverein. Denn es geht nicht mehr ausschließlich um die Sanierung der eigenen vier Wände, sondern auch um das Wohnumfeld, um den knappen städtischen Freiraum, um stadtverträglichen Verkehr, die lokale Wirtschaft, um Kinder und Jugendliche -unabhängig welcher Herkunft - sowie um das interkulturelle Zusammenleben im Grätzl.

Maßnahmen, die der zugewanderten Bevölkerung zu Gute kommen, verbessern in der Regel auch die Lebensbedingungen der angestammten Bevölkerung - sprich, eine nachhaltige Stadtteilentwicklung ist für in- und ausländische Bürger gleichermaßen von Wert: sei es eine funktionierende Nahversorgung oder ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr, sei es ein attraktiver öffentlicher Raum oder ein differenziertes Angebot an Spielplätzen.

Weniger Menschen als vor 100 Jahren

Auch die neuen Stadterweiterungsgebiete sind keine Inseln für "echte Wiener" mehr, so wie das bis in die 1990er-Jahre der Fall war. Das aktuelle Wachstum der Stadt ist auch in den Neubauvierteln maßgeblich auf Zuwanderer zurückzuführen. Ungeachtet dessen leben in Wien als wohl einziger Weltstadt heute nach wie vor weniger Menschen als vor 100 Jahren. Ab den 1950er-Jahren ging die Bevölkerung bis in die späten 1980er-Jahre stetig zurück. Aus der einst multikulturellen 2,2 Millionen-Metropole war eine bis in die 70er-Jahre triste und bis in die 80er-Jahre verschlafene Provinzstadt mit eineinhalb Millionen Einwohnern geworden. Kein Zweifel: Ohne Ostöffnung wäre Wien vermutlich immer noch eine zwar gemütliche, aber wenig vitale Stadt mit stagnierender Bevölkerungszahl.

Belebend wirkte ab 1989 nicht so sehr, dass die Donaumetropole rasch ihre alte Rolle als pulsierendes Herz Mitteleuropas wieder erlangt hätte. Vielmehr wurde die - damals übrigens kaum kontrollierte - Zuwanderung aus Mittelost- und Südosteuropa, verstärkt durch den - nicht kontrollierbaren - Flüchtlingsstrom aus dem zerfallenden Jugoslawien, zum entscheidenden Motor der Modernisierung und Internationalisierung Wiens. Und die meisten der damals Zugezogenen haben die Chancen genutzt, die Städte seit jeher Menschen aus entwicklungsschwächeren Regionen bieten: Aufgrund ihres hoch differenzierten Arbeitsmarkts sowie ihrer gesellschaftlichen Heterogenität sind sie die prädestinierten Orte sozialen Aufstiegs und tatsächlicher Integration. So profitieren Zuwanderer von der Stadt und die Stadt von ihren Zuwanderern - vorausgesetzt, die Politik verhindert dies nicht auf so vorsätzliche oder zumindest kurzsichtige Art und Weise, wie sie es hierzulande in den Bereichen Bildung und Arbeitsmarkt tut.

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