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Feuilleton

Die Steigerung von "wund"

1945 1960 1980 2000 2020

"Land der Wunder": Alice Rohrwachers zweiter Film ist wieder autobiografisch gefärbt und erzählt eindringlich vom Heranwachsen in einer toskanischen Familie.

1945 1960 1980 2000 2020

"Land der Wunder": Alice Rohrwachers zweiter Film ist wieder autobiografisch gefärbt und erzählt eindringlich vom Heranwachsen in einer toskanischen Familie.

Die größten Wunder gehen in der größten Stille vor sich", schrieb Wilhelm Raabe, deutscher Erzähler des 19. Jahrhunderts und ein Vertreter des poetischen Realismus.

Ein Satz, der sehr gut auf Alice Rohrwachers neuen Film passt: Vor allem mit den Augen der introvertierten Protagonistin, der 14-jährigen Gelsomina (Maria Alexandra Lungu), wirkt hier eine ländliche Region in der italienischen Toskana wie ein "Land der Wunder" aus der Etrusker-Zeit. Hier leben die Menschen, wie Gelsominas Familie, noch auf autarken Höfen, mit und von der Natur. Hier stolpert man mitten im Wald in einen See - oder in die Heiligen-gleiche Erscheinung, die Monica Bellucci bietet, wenn sie als TV-Show-Moderatorin Milly Catena für einen regionalen Tourismus-Werbe-Spot inszeniert wird.

Leben auf der Imker-Farm

Der Ausverkauf von Traditionen und die wenig romantische ökonomische Realität, mit der die Bauern - oft auch gegeneinander - kämpfen, ist aber nur ein Thema in Rohrwachers zweitem Film - nach "Corpo Celese" wieder deutlich autobiografisch gefärbt und in Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Alba umgesetzt, die hier Gelsominas Mutter Angelica spielt. Gemeinsam mit drei weiteren Schwestern Gelsominas und einer Freundin der Familie, Coco (Sabine Timoteo), leben sie auf der Imker-Farm, die Haus-und Hofherr Wolfgang (Sam Louwyck) anarchisch, archaisch, despotisch und cholerisch, aber nicht gänzlich unliebevoll leitet. Wolfgang kann sich in seiner Arbeit voll und ganz auf Gelsomina verlassen, die geheime Chefin dieser Post-68er-Kommune, von deren Idealismus sie zwar durchdrungen ist, aber deswegen nicht blind heranwächst.

Rohrwacher findet einen bescheidenen, reduzierten und wie instinktiv geleiteten Zugang, manchmal beinahe traumwandlerisch, sich ihren Figuren über einen Sommer hinweg zu nähern. Sie lenkt den Blick oft auf Details, auf kleine Gesten, auf scheinbar ungeschehene Bewegungen, die doch viel auslösen. Dadurch entsteht eine Sensibilität, die dem Heranwachsen von Gelsomina eine poetische Grandezza verleiht und gleichzeitig zum melancholischen Abgesang einer Ära wird.

Ganz still und trotzdem ganz laut

Wolfgang, der sich insgeheim immer einen Sohn wünschte, nimmt eines Tages das Angebot an, einen "schwer erziehbaren" Jungen als Hilfskraft zu engagieren, ein ebenfalls sehr wortkarger Typ, aber für Gelsomina ein weiteres Tor zu einer Welt, die ihr bisher entrückt war. Wie Wolfgang ist Gelsomina sich, viel mehr noch als ihre Schwestern oder vielleicht sogar ihre Mutter und deren Freundin, der Parallelität bewusst, in der sie sich bewegt. Einerseits wie in einem aus der Zeit gefallenen Bienenstock, andererseits sehr wohl im Klaren darüber, dass der sich auflöst.

Anders aber als Wolfgang reagiert sie darauf nicht mit Wut und Ablehnung, sondern mit Neugier. Nach ihrer Begegnung mit Milly meldet sie die Familie gegen Wolfgangs Willen für einen Wettbewerb an. Mit der Aufzeichnung der Show in der Höhle auf einer entlegenen Insel, zu der die Bauern aus der Region in traditionellen Kostümen auffahren, kulminiert Rohrwachers Film ganz still und trotzdem ganz laut: Wunder, das ist der Komparativ von wund.

Land der Wunder (Le meraviglie)

I/CH/D 2014. Regie: Alice Rohrwacher. Mit Alba Rohrwacher, Monica Bellucci, Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck. Filmladen. 110 Min.

Die größten Wunder gehen in der größten Stille vor sich", schrieb Wilhelm Raabe, deutscher Erzähler des 19. Jahrhunderts und ein Vertreter des poetischen Realismus.

Ein Satz, der sehr gut auf Alice Rohrwachers neuen Film passt: Vor allem mit den Augen der introvertierten Protagonistin, der 14-jährigen Gelsomina (Maria Alexandra Lungu), wirkt hier eine ländliche Region in der italienischen Toskana wie ein "Land der Wunder" aus der Etrusker-Zeit. Hier leben die Menschen, wie Gelsominas Familie, noch auf autarken Höfen, mit und von der Natur. Hier stolpert man mitten im Wald in einen See - oder in die Heiligen-gleiche Erscheinung, die Monica Bellucci bietet, wenn sie als TV-Show-Moderatorin Milly Catena für einen regionalen Tourismus-Werbe-Spot inszeniert wird.

Leben auf der Imker-Farm

Der Ausverkauf von Traditionen und die wenig romantische ökonomische Realität, mit der die Bauern - oft auch gegeneinander - kämpfen, ist aber nur ein Thema in Rohrwachers zweitem Film - nach "Corpo Celese" wieder deutlich autobiografisch gefärbt und in Zusammenarbeit mit ihrer Schwester Alba umgesetzt, die hier Gelsominas Mutter Angelica spielt. Gemeinsam mit drei weiteren Schwestern Gelsominas und einer Freundin der Familie, Coco (Sabine Timoteo), leben sie auf der Imker-Farm, die Haus-und Hofherr Wolfgang (Sam Louwyck) anarchisch, archaisch, despotisch und cholerisch, aber nicht gänzlich unliebevoll leitet. Wolfgang kann sich in seiner Arbeit voll und ganz auf Gelsomina verlassen, die geheime Chefin dieser Post-68er-Kommune, von deren Idealismus sie zwar durchdrungen ist, aber deswegen nicht blind heranwächst.

Rohrwacher findet einen bescheidenen, reduzierten und wie instinktiv geleiteten Zugang, manchmal beinahe traumwandlerisch, sich ihren Figuren über einen Sommer hinweg zu nähern. Sie lenkt den Blick oft auf Details, auf kleine Gesten, auf scheinbar ungeschehene Bewegungen, die doch viel auslösen. Dadurch entsteht eine Sensibilität, die dem Heranwachsen von Gelsomina eine poetische Grandezza verleiht und gleichzeitig zum melancholischen Abgesang einer Ära wird.

Ganz still und trotzdem ganz laut

Wolfgang, der sich insgeheim immer einen Sohn wünschte, nimmt eines Tages das Angebot an, einen "schwer erziehbaren" Jungen als Hilfskraft zu engagieren, ein ebenfalls sehr wortkarger Typ, aber für Gelsomina ein weiteres Tor zu einer Welt, die ihr bisher entrückt war. Wie Wolfgang ist Gelsomina sich, viel mehr noch als ihre Schwestern oder vielleicht sogar ihre Mutter und deren Freundin, der Parallelität bewusst, in der sie sich bewegt. Einerseits wie in einem aus der Zeit gefallenen Bienenstock, andererseits sehr wohl im Klaren darüber, dass der sich auflöst.

Anders aber als Wolfgang reagiert sie darauf nicht mit Wut und Ablehnung, sondern mit Neugier. Nach ihrer Begegnung mit Milly meldet sie die Familie gegen Wolfgangs Willen für einen Wettbewerb an. Mit der Aufzeichnung der Show in der Höhle auf einer entlegenen Insel, zu der die Bauern aus der Region in traditionellen Kostümen auffahren, kulminiert Rohrwachers Film ganz still und trotzdem ganz laut: Wunder, das ist der Komparativ von wund.

Land der Wunder (Le meraviglie)

I/CH/D 2014. Regie: Alice Rohrwacher. Mit Alba Rohrwacher, Monica Bellucci, Maria Alexandra Lungu, Sam Louwyck. Filmladen. 110 Min.