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Die Stunde der Dilettanten

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Der Publizist Thomas Rietzschel hat mit "Die Stunde der Dilettanten“ eine scharfzüngige Zeit- und Gesellschaftsdiagnose vorgelegt: ein Weckruf für ein saturiertes Bürgertum. Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner

Aufklärung und Bildung gehören zusammen: Das ist eine der Grundüberzeugungen von Thomas Rietzschel. Angesichts des dramatischen Ansehensverlusts von Bildung sieht er demnach die Errungenschaften der Aufklärung in Gefahr.

Die Furche: Herr Rietzschel, Ihr Buch ist ein ziemlicher Rundumschlag. Die Frage, die sich einem nach Lektüre stellt, lautet: Ist es tatsächlich so schlimm, gibt es nicht zumindest ein paar Inseln, die vom grassierenden Dilettantismus verschont geblieben sind?

Thomas Rietzschel: Das wäre zu wünschen. Doch wo immer ich gesucht habe, in der Wirtschaft, der Politik, auf dem Kunstmarkt, in der Bildungslandschaft, in den Medien, stets zeigte sich, der Dilettantismus ist zur allgemein akzeptierten Gesellschaftskultur geworden. Was nicht heißt, dass das von allen unbemerkt bliebe. In einigen Bereichen scheint Widerspruch aufzukeimen. Denken wir nur an die Bildungspolitik. Es gibt inzwischen viele Eltern, denen Angst macht, was da geschieht: eine Bildungsreform nach der anderen. Und immer läuft es auf das Gleiche hinaus. Das Niveau wird Stufe um Stufe abgesenkt, nur damit die Statistik eine steigende Zahl von Abiturienten, von Maturanten verzeichnen kann. So bewahren wir uns die Illusion einer gebildeten Gesellschaft, womit wir auch wieder bei den Dilettanten wären. Gehört es doch zu ihrer Kunst - man kann auch sagen zu ihrem Geschäft - sich und den anderen etwas vorzumachen.

Die Furche: Befunden wie dem Ihren wird gerne das Etikett "Kulturpessimismus“ verpasst. Könnten Sie damit leben?

Rietzschel: Nein, so möchte ich nicht verstanden werden. Wäre ich ein Kulturpessimist, hätte ich nicht dieses Buch geschrieben. Allein die Tatsache, dass ich versuche, das Phänomen zu analysieren, zeigt doch, dass ich Hopfen und Malz noch nicht verloren gebe. Ich sehe mich eher auf dem "verlorenen Posten“ des Moralisten, von dem schon Erich Kästner sagte, dass er unverdrossen an die Vernunft glaubt, obwohl er weiß, wie wenig damit auszurichten ist. Das heißt nicht, dass ich moralisieren will, beileibe nicht, ich will mich nur nicht verschaukeln und für dumm verkaufen lassen, von keinem Anlageberater, von keinem Politiker, von keinem selbsternannten Kunstgenie.

Die Furche: Schließen Sie ein Bündnis mit Ihren Lesern, wenn Sie über die "Stunde der Dilettanten“ schreiben - wonach die Dilettanten immer die anderen wären?

Rietzschel: Im Gegenteil. Ich kann niemanden ausnehmen, auch mich nicht, zumal ich natürlich sehe, dass wir von einem Fortschritt abhängig sind, dessen technische Errungenschaften wir uns bestenfalls noch partiell erklären können. Das ist unvermeidbar, man müsste kein Wort darüber verlieren, wenn das schon alles wäre. Unterdessen aber haben wir es mit der epidemischen Ausbreitung eines aggressiven, sozusagen professionalisierten Dilettantismus zu tun. Die "gefühlte“ Kompetenz zählt mehr als die erworbene, das Wollen mehr als das Können. Die Vorspiegelung des Sachverstandes ist zum Geschäft geworden. Weder kann noch will der Dilettant in der Sache etwas bewegen, nein, er möchte vor allem etwas sein, dies oder das, zum Beispiel ein Banker wie Gordon Gekko in dem Film "Wallstreet“. So albern es einem vorkommen mag, aber diesem Vorbild haben unzählige von Anlageberatern nachgeeifert, so wollten sie sein. Die faulen Produkte, die sie uns dann verscherbelten, haben sie nur allzu oft selbst nicht verstanden. Oder blicken wir in die Politik: Nachdem er das Amt seiner Träume erhalten hatte, wusste der deutsche Außenminister Guido Westerwelle nicht mehr, was er damit anfangen sollte. Als Operettendiplomat gockelt er seither durch die Welt. Nicht zu reden von Karl-Theodor zu Guttenberg, dem Plagiator im Ministerrang, oder von Jörg Haider, der burlesken Ausgabe des Dilettanten.

Die Furche: Ist dieser Dilettantismus nicht einfach eine Folge der Massendemokratie - in dem Sinn, dass prinzipiell allen offensteht, was früher nur einer schmalen Schicht vorbehalten war?

Rietzschel: Ja. Dilettantismus und Massen- oder sagen wir besser Basisdemokratie treten mitunter in einer eigentümlichen Verquickung auf, dann nämlich, wenn die Demokratie als ein Prinzip der Gleichmacherei missverstanden wird, am ehesten erkennbar in der Bildungspolitik. Ein Beispiel mag das besser als alle Erklärung verdeutlichen. Vor Jahren gab es einen hessischen Bildungsminister, Ludwig von Friedeburg, der die Rechtschreibung abschaffen wollte, weil durch ihre Geltung jene diskriminiert würden, die sie nicht beherrschen. Was damals vielen noch zum Lachen absurd vorkam, wurde dann später, wenigstens teilweise, mit dem Bubenstück der Rechtschreibreform politisch durchgesetzt. Denn auch dabei ging es um nichts als eine Niveauabsenkung zum scheinbaren Vorteil der Schwächeren. Bildungsabbau wird unter dem Deckmantel der Sozialpolitik betrieben. Nivellierung statt Leistungsförderung. Jeder soll glauben, alles zu können. Ein probates Mittel der Politik, um die Massen für sich zu gewinnen - bildungsverarmte Massen, die sich von den Dilettanten der Macht leichter verschaukeln lassen. Dass das inzwischen geradezu im Selbstlauf zu geschehen scheint, sozusagen unabsichtlich, macht die Sache nicht besser. Es bleibt Lug und Trug.

Die Furche: Ihre Kritik geht, so hat man beim Lesen den Eindruck, in Richtung linker Sozialtechno- und -bürokratie - aber sie zielt auch auf eine rechte Ökonomisierung aller Lebensbereiche …

Rietzschel: Bei der Analyse des Phänomens Dilettantismus helfen die Kategorien "rechts“ und "links“ nicht weiter. Man muss vielmehr auf die Geschichte zurückblicken: Das Bürgertum emanzipiert sich von der Feudalgesellschaft im Zuge der Aufklärung. Nach Kant der "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Aufklärung hat also mit Bildung zu tun. So konstituierte sich die moderne bürgerliche Gesellschaft zunächst. Das Bürgertum baute der Bildung im 19. Jahrhundert Paläste - Theater, Museen, Bibliotheken. Das wirkte anspornend auch auf bildungsfernere Schichten. Es entstanden die Arbeiterbildungsvereine, später die Volkshochschulen. Und heute? Heute erleben wir, wie Bildung dramatisch an gesellschaftlichem Ansehen verliert. Selbstbewusstsein beziehen wir aus materiellem Besitz, nicht aus der Verfügbarkeit über geistige Güter. Und natürlich ist dies auch eine Folgeerscheinung unserer wachstumsfixierten Konsumgesellschaft. Sie bedarf des Dilettanten zugleich als eines Verbrauchers und als Produzenten. So gedankenlos wie er konsumiert, muss er produzieren, damit sich das Rad des Wachstums weiter und weiter dreht. Bisher funktionierte das System zu aller Zufriedenheit. Inzwischen jedoch droht die Wachstumsillusion zu platzen. Denn schon seit Jahren beruht das Wachstum nur mehr auf virtueller Geldvermehrung, auf der Umbuchung von Computer zu Computer. Die Schecks sind ungedeckt, nicht nur in Griechenland. Die Krise zeigt uns, dass wir wieder mehr kritisches Bewusstsein brauchen, eine Bildung, aus der wir wieder Selbstvertrauen beziehen können, nicht zuletzt für den Umgang mit der Macht. Der Konservative, der am überkommenen Werte- und Bildungskanon festhält, kann solcherart zum Revolutionär und Avantgardisten werden. Das ist, denke ich, eine große Hoffnung und alles andere als ein kulturpessimistischer Ausblick.