Die Sucht nach dem Glück im Spiel

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Spielsüchtige Menschen sind oft hoch verschuldet. Die Angehörigen leiden mit den Spielern mit.

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Spielsüchtige Menschen sind oft hoch verschuldet. Die Angehörigen leiden mit den Spielern mit.

"Früher wusste ich nicht, warum meine Eltern ständig streiten, meine Mutter nicht schlafen kann, mein Vater so oft weg ist und ich selten Taschengeld bekomme. Jetzt weiß ich es: Mein Vater spielt“, erzählt eine junge Frau einem Berater der Spielsuchthilfe. So ähnlich geht es vielen Angehörigen von Spielsüchtigen. Die verheißungsvollen Versprechen der Glücksspiel-Industrie treiben jährlich drei Prozent der Erwachsenen in den finanziellen Ruin. Mit 36.000 Euro sind Spielsüchtige hierzulande durchschnittlich verschuldet.

Doch pro Spielsüchtigem sind mindestens sieben weitere Menschen mitbetroffen. Ganze 40 Prozent aller Klienten der Spielsuchthilfe sind Angehörige. "Sie sind durch das pathologische Glücksspielen ihrer Familienmitglieder meist sehr stark psychisch, psychosomatisch und existenziell belastet. Die meisten der beratungssuchenden Angehörigen sind Frauen“, erklärt Peter Berger, ärztlicher Leiter der Spielsuchthilfe. Mehr als die Hälfte haftet auch real für die Spielschulden ihrer spielenden Angehörigen mit.

Spielen, um Verluste wieder auszugleichen

Bei den Spieler-Klienten überwiegen die Männer mit fast 85 Prozent. Der Anteil der spielenden Frauen verdreifachte sich in den vergangenen zwanzig Jahren aber auf mittlerweile knapp 20 Prozent. Die Spielsucht ist ein Teufelskreis: "Die Geldverluste werden vor den Angehörigen verheimlicht, und die Betroffenen versuchen verzweifelt, diese Verluste durch weiteres Spielen auszugleichen. Aber sogar Gewinne verschlimmern die Situation, indem sie den Spieldrang und den Wunsch, noch mehr zu gewinnen verstärken, wodurch es zwangsweise zu weiteren Verlusten kommt“, so Berger.

Bei den meisten Betreuten hat das pathologische Glücksspiel fatale Folgen: Rund 80 Prozent sind hoch verschuldet, für über 40 Prozent führte das Spielen zu Problemen in der Partnerschaft oder zu einer Trennung. Rund 20 Prozent verloren ihren Arbeitsplatz, 10 Prozent ihre Wohnung. Weitere Folgen waren Selbstmordgedanken, Selbstmordversuche, kriminelle Delikte, um das Glücksspiel finanzieren zu können und psychosomatische Beschwerden. Erst 1991 wurde das pathologische Glücksspiel von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als psychische Störung klassifiziert. Bis zum Beginn einer Therapie verstreichen im Schnitt ganze acht Jahre.

Mit dem Internet ist die Verfügbarkeit von Glücksspielen explodiert. Durch das Geschäft mit Apps und Facebook-Spielen hat die Glücksspiel-Industrie die Jugendlichen entdeckt. Häufig verschwimmen die Grenzen zwischen Glücksspiel und Internetspiel, und Kinder lernen früh, ihr Taschengeld zu verspielen. Dass der geltende Jugendschutz vielfach nicht eingehalten wird, zeigt eine weitere Zahl der Spielsuchthilfe: 40 Prozent der dort Behandelten haben noch vor dem 18. Lebensjahr mit dem Spielen begonnen.

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