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Die Tabus bröckeln

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist sicher kein Zufall, daß die neu entfachte Euthanasie-Debatte zeitlich mit jener über die Zukunft des Gesundheitswesens zusammenfällt.

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Es ist sicher kein Zufall, daß die neu entfachte Euthanasie-Debatte zeitlich mit jener über die Zukunft des Gesundheitswesens zusammenfällt.

Die letzten 40 Jahre waren in Österreich Jahre des Reichtums und des steigenden Wohlstands. Sie waren aber mehr als das - sie waren auch Jahrzehnte, in denen die Österreicher durchschnittlich um vieles länger zu leben begonnen haben.

Kein Mensch hätte Anfang der 60er Jahre geglaubt, daß im Jahr 2000 Männer im Schnitt 75 Jahre alt werden (statt rund 66 im Jahr 1960) und Frauen 81 (statt 72 Jahre). Und niemand hätte damals erwartet, daß trotz dieses Gewinns an Lebensjahren das Pensionsalter sinken statt steigen wird: Bei Männern durchschnittlich von 62 auf 58, bei Frauen von knapp über 60 auf rund 56 Jahre.

So gesehen waren die letzten 40 Jahre Goldene Jahre. So billig wird man nie wieder in den vollen Genuß des Generationenvertrags kommen, der vorsieht, daß die jeweils im Arbeitsleben aktive Generation die noch nicht ebenso wie die nicht mehr aktive Generation finanziell erhalten muß.

Bis vor etwa fünf Jahren war der Generationenvertrag politisch absolutes Tabu. Wer auch nur andeutete, daß dieser nicht ewig halten könne, weil nicht in alle Ewigkeit immer weniger arbeitende Menschen immer mehr nicht aktive erhalten können (und wollen), wurde von den Sozialverfechtern des Umlageverfahrens als "sozialer Brandstifter" angesehen.

Heute, und speziell im Zusammenhang mit den laufenden Regierungsverhandlungen, liest man auf den Titelseiten so gut wie aller Zeitungen: "Grenze der Umverteilung", "Sterbt schneller, Senioren!", "...immer weniger müssen immer mehr zahlen", "In fünf Jahren 2,3 Millionen Pensionisten" und ähnliche Alarmmeldungen mehr.

Nun ist es an sich natürlich ein Gewinn, wenn Menschen länger leben als das früher der Fall war - wenn das auch mehr auf die Verbesserung sozialer Umstände als auf medizinische Fortschritte zurückzuführen ist - sofern die älter gewordenen Menschen ihr verlängertes Dasein auch bei relativ guter Gesundheit feiern können.

Und hier liegt der Knackpunkt der Diskussion: Leider nimmt mit der generell zunehmenden Zahl relativ gesund älter Gewordener auch diejenige der alten, chronisch kranken, und teilweise auch pflegebedürftigen Menschen zu, und zwar rasant. Das bedeutet, daß schon in wenigen Jahren aus heute rund 500.000 hilfsbedürftigen Österreichern 600.000 und mehr geworden sein werden.

Ähnlich an der "Pflegefront": Derzeit leben in Österreich etwa 120.000, die ohne Hilfe nicht überleben könnten - mit den Jahren vergrößert sich ihre Zahl unausweichlich. Schon heute sind in vielen Krankenanstalten die Internen Abteilungen zu 70, ja sogar 80 Prozent mit geriatrischen, pflegebedürftigen Kranken belegt. All das ist teuer und braucht zunehmend viele qualifizierte Pflegepersonen.

Eine Frage, die sich immer mehr Menschen stellen, lautet daher: Können wir uns das noch leisten, und wenn ja, wie lange?

Schweres Versäumnis Und hier fügt sich jetzt ein Tabu an ein zweites, und beide sind vom Untergang bedroht: Das Tabu des Generationenvertrags geht unter wie die vom Eisberg zerstörte "Titanic", die man seinerzeit auch für unsinkbar gehalten hatte, und das Tabu der Euthanasie (im deutschsprachigen Raum durch die verbrecherische Ideologie der Nationalsozialisten bisher besonders stark verankert) beginnt zu zerbröseln wie die Berliner Mauer, die heutzutage nur mehr in Spuren aufzufinden ist, deren Abbau aber nicht mit der ersten Spitzhacke begonnen hat, sondern in den Köpfen der Menschen - ähnlich ist es jetzt mit der Tabumauer Euthanasie: Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, daß auch sie quasi von heute auf morgen, scheinbar plötzlich verschwinden wird.

Die ersten Anzeichen jedoch sind heute schon deutlich lesbar. Diskussionen über Euthanasie ja oder nein finden fast wöchentlich statt, Argumente pro Euthanasie werden heftig beklatscht, und es fällt manchmal tatsächlich schwer, sich dem Bannkreis der Argumente zu entziehen, die oft (und zu Recht) das menschliche Leid in den Mittelpunkt stellen.

Es ist allerdings sicher kein Zufall, wenn die neu entfachte Euthanasie-Debatte zeitlich exakt mit der Erkenntnis zusammenfällt, daß die Kostensteigerung im Gesundheits- und Sozialwesen ohne einschneidende Sparmaßnahmen und Umverteilungen nicht zu bewältigen sein wird.

Es kann kein Zufall sein, daß in diese jüngste Zeitperiode die gerontologische Entdeckung fällt, daß es klüger sei, den Jahren Leben hinzuzufügen, als dem Leben Jahre (um jeden Preis). Auf Englisch heißt dieser Slogan "Add life to years - not years to life!"

Anders gesagt: Ihr müßt nicht so lange leben wie es rein medizinisch ginge. Seid nicht so anspruchsvoll! Es ist doch auch viel wert, wenn man vielleicht kürzer, dafür aber qualitätsvoller lebt.

Klingt das nicht ein wenig nach Versicherungsmentalität? Den kühlen Rechnern der Krankenkassen wird es wohl nicht ungelegen kommen, wenn ein Versicherter nicht mehr allzuviele Jahre seiner/ihrer Pension genießt.

Man sollte - schon aus Gründen ethischer Hygiene - sehr sorgfältig beobachten, in wessen Interesse Argumente pro Euthanasie gebracht werden, und ob es nicht Alternativen gibt. Meistens gibt es diese nämlich. Sie zeichnen sich dadurch aus, daß die betroffenen Kranken respektive Sterbenden menschlich begleitet werden, daß man ihnen Schmerzen nimmt, soweit möglich, und ihnen persönliche Wünsche, im Rahmen des Machbaren, erfüllt.

Man könnte zusammenfassen: Wer Sterbehilfe (die oft im Gewand der Erlösung von Schmerz, von Angst auftritt) nicht will, der muß für Sterbebegleitung sein. Für Sterbebegleitung aber ist unser Gesundheitssystem nicht eingerichtet - ein schweres Versäumnis, das im Ausbau des Gesundheitswesens Priorität haben sollte - nicht zuletzt deshalb, weil sich die Qualität eines Gesundheitswesens daran ablesen läßt, wie es mit den chronisch Kranken und den Sterbenden umgeht.

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