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Feuilleton

Die Tage der Dämonen

1945 1960 1980 2000 2020

Der Toten der Weltkriege wäre am besten gedacht, wenn das oft deklamierte "Nie wieder" entschiedener gegen regierende Unmenschlichkeit verteidigt würde.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Toten der Weltkriege wäre am besten gedacht, wenn das oft deklamierte "Nie wieder" entschiedener gegen regierende Unmenschlichkeit verteidigt würde.

Dass die Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Illusion ist, wenn auch eine sehr hartnäckige, hat Albert Einstein gesagt. Man sollte darüber nicht bloß Physiker nachdenken lassen, sondern auch Politiker und alle Teile der Zivilgesellschaft. Wenn nämlich die Vergangenheit so sehr im Morgen steht und auch noch in unserem Wesen im Jetzt -was sagt uns dann unser Gedenken zu 1918? All die hohen Worte und Gesten. All das von Pathos getragene Gesagte von Frieden und Freundschaft -was ist das alles wert? Will sagen: Hat es Wert? Oder besser: Haben uns die 14 Millionen Toten in unserem Wesen verändert und in dem, was wir öffentliches Bewusstsein nennen?

Ich glaube das nicht, oder vielmehr, es veränderte sich nicht genug. Das beginnt schon im scheinbar Kleinen, Symbolischen: dass man bei der größten Gedenkveranstaltung in Paris der Kriegstoten mit Waffen und Jagdflugzeugen gedenkt. Warum? Welche Ethik schreibt vor, dass man eines Erschossenen mit dem Werkzeug gedenkt, das ihn tötete? Ist das nicht eine groteske Form der Ehrerbietung -und noch einmal grotesker in der Pose des "Nie wieder Krieg"? Und läuft diese Tradition des Gedenkens damit nicht noch immer durch dieselben Gedankengräben, die sich jederzeit zu Schützengräben verengen können?

Einheit schaffen ohne Waffen

Die EU fand nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen, indem sie die Waffen schaffenden Industrien vergemeinschaftete und damit den internen Rüstungswettlauf der Nationen verhinderte. Nur hat dieses vertragliche Korsett den Europäer darunter nicht verändert und Ängste seiner Massen nicht therapiert.

Die EU hat sie nur mit Reichtum und Wachstum jahrzehntelang betäubt. Und sie hat ein Wachstum ohne Fundamente im Süden Europas zugelassen, das letztlich am Prellbock der Krise zerschellte. Die nachfolgende Austerität aber war das eigentliche Beben, das die Union als Ganzes sturmreif für radikale Gegner von allen Seiten machte. Denn plötzlich waren die alten Ängste wieder da, jene der Armut, des Abstiegs und der Zukunftslosigkeit einer ganzen Generation. An diesem Trauma droht sie nun zu scheitern. Der Grund dafür ist nicht so sehr, dass die Menschen bewusst den Zerfall wollen, sondern dass sie ihn nicht für möglich halten; dass sie in übertragenem Sinn sich selbst nicht für möglich halten; dass sie nicht ahnen, wozu sie und die von ihnen Gewählten fähig sind. Dass eben die Vergangenheit immer noch da ist, gleichsam hinter der nächsten Tür lauert, lodernd in Vorurteil und Hass.

Vorboten der Entgleisung

Der Brexit und die Unterstellungen und falschen Versprechungen, die zu ihm führten, deuten nur zart die Möglichkeiten an, vor denen Europa steht. Denn wie hier einige wenige im Verein mit Medienpropaganda die Mehrheit verführen konnten, muss als epochal bezeichnet werden. Die Taktiken der Brexiteers werden die zentrifugalen Politiken und Taktiken aller extremen Gruppierungen in den kommenden Jahren prägen. Die Unverfrorenheit, mit der Italien seine gemeinschaftlichen Verpflichtungen mit Füßen tritt, mit der die Regierung Orbán Antisemitismus und die regierende FPÖ blanken Rassismus auslebt, sind Vorboten einer Entgleisung, nach der wieder alles möglich sein wird.

Europa ist dabei, seine Schicht an Gesetzlichkeit zu verlieren, die es bisher zumindest sicher zusammengehalten hat. Es ist nicht die edle Persönlichkeit des Europäers, der den Frieden garantiert. Es sind -soviel man sie kritisieren mag -die scheinbar öden europäischen Verträge. Sie verhindern letztlich, dass "die Dämonen von 1918", vor denen Frankreichs Emmanuel Macron in Paris gewarnt hat, wieder ihre Gräben ziehen. Und es kann kein Zweifel bestehen, wer dafür verantwortlich ist, dass dieser Schutz aufrechtbleibt. Es sind alle, die in Verschiedenheit vereint bleiben wollen.

oliver.tanzer@furche.at | @olivertanzer

Dass die Trennung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nur eine Illusion ist, wenn auch eine sehr hartnäckige, hat Albert Einstein gesagt. Man sollte darüber nicht bloß Physiker nachdenken lassen, sondern auch Politiker und alle Teile der Zivilgesellschaft. Wenn nämlich die Vergangenheit so sehr im Morgen steht und auch noch in unserem Wesen im Jetzt -was sagt uns dann unser Gedenken zu 1918? All die hohen Worte und Gesten. All das von Pathos getragene Gesagte von Frieden und Freundschaft -was ist das alles wert? Will sagen: Hat es Wert? Oder besser: Haben uns die 14 Millionen Toten in unserem Wesen verändert und in dem, was wir öffentliches Bewusstsein nennen?

Ich glaube das nicht, oder vielmehr, es veränderte sich nicht genug. Das beginnt schon im scheinbar Kleinen, Symbolischen: dass man bei der größten Gedenkveranstaltung in Paris der Kriegstoten mit Waffen und Jagdflugzeugen gedenkt. Warum? Welche Ethik schreibt vor, dass man eines Erschossenen mit dem Werkzeug gedenkt, das ihn tötete? Ist das nicht eine groteske Form der Ehrerbietung -und noch einmal grotesker in der Pose des "Nie wieder Krieg"? Und läuft diese Tradition des Gedenkens damit nicht noch immer durch dieselben Gedankengräben, die sich jederzeit zu Schützengräben verengen können?

Einheit schaffen ohne Waffen

Die EU fand nach dem Zweiten Weltkrieg zusammen, indem sie die Waffen schaffenden Industrien vergemeinschaftete und damit den internen Rüstungswettlauf der Nationen verhinderte. Nur hat dieses vertragliche Korsett den Europäer darunter nicht verändert und Ängste seiner Massen nicht therapiert.

Die EU hat sie nur mit Reichtum und Wachstum jahrzehntelang betäubt. Und sie hat ein Wachstum ohne Fundamente im Süden Europas zugelassen, das letztlich am Prellbock der Krise zerschellte. Die nachfolgende Austerität aber war das eigentliche Beben, das die Union als Ganzes sturmreif für radikale Gegner von allen Seiten machte. Denn plötzlich waren die alten Ängste wieder da, jene der Armut, des Abstiegs und der Zukunftslosigkeit einer ganzen Generation. An diesem Trauma droht sie nun zu scheitern. Der Grund dafür ist nicht so sehr, dass die Menschen bewusst den Zerfall wollen, sondern dass sie ihn nicht für möglich halten; dass sie in übertragenem Sinn sich selbst nicht für möglich halten; dass sie nicht ahnen, wozu sie und die von ihnen Gewählten fähig sind. Dass eben die Vergangenheit immer noch da ist, gleichsam hinter der nächsten Tür lauert, lodernd in Vorurteil und Hass.

Vorboten der Entgleisung

Der Brexit und die Unterstellungen und falschen Versprechungen, die zu ihm führten, deuten nur zart die Möglichkeiten an, vor denen Europa steht. Denn wie hier einige wenige im Verein mit Medienpropaganda die Mehrheit verführen konnten, muss als epochal bezeichnet werden. Die Taktiken der Brexiteers werden die zentrifugalen Politiken und Taktiken aller extremen Gruppierungen in den kommenden Jahren prägen. Die Unverfrorenheit, mit der Italien seine gemeinschaftlichen Verpflichtungen mit Füßen tritt, mit der die Regierung Orbán Antisemitismus und die regierende FPÖ blanken Rassismus auslebt, sind Vorboten einer Entgleisung, nach der wieder alles möglich sein wird.

Europa ist dabei, seine Schicht an Gesetzlichkeit zu verlieren, die es bisher zumindest sicher zusammengehalten hat. Es ist nicht die edle Persönlichkeit des Europäers, der den Frieden garantiert. Es sind -soviel man sie kritisieren mag -die scheinbar öden europäischen Verträge. Sie verhindern letztlich, dass "die Dämonen von 1918", vor denen Frankreichs Emmanuel Macron in Paris gewarnt hat, wieder ihre Gräben ziehen. Und es kann kein Zweifel bestehen, wer dafür verantwortlich ist, dass dieser Schutz aufrechtbleibt. Es sind alle, die in Verschiedenheit vereint bleiben wollen.

oliver.tanzer@furche.at | @olivertanzer