Digital In Arbeit

"Die Türkei ist kein EU-Kandidat"

Hans Joachim Meyer, Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, über die "unredliche Politik" der EU gegenüber der Türkei, das Missverständliche am Begriff der "Seele Europas" und den mangelnden Mut der Christen, eigene Überzeugungen offensiv zu vertreten.

Die Furche: Sie haben sich kürzlich ablehnend bezüglich eines EU-Beitritts der Türkei geäußert, unter anderem mit der Begründung, der Islam würde dort "rigide bevormundet". Viele sehen die Sache eher umgekehrt: das Problem im Falle der Türkei ist für sie der Islam, die Gefahr des Islamismus - und nicht, dass sich der Islam zuwenig entfalten kann.

Hans Joachim Meyer: Die Türkei ist ein Staat des rigorosen Laizismus'. Das ist etwas, das einigen in Europa offenbar großes Zutrauen einflößt, weil es ja die Tendenz gibt, das europäische Erbe auf die Tradition eines militanten Laizismus' zu reduzieren. Und dieser Laizismus in der Türkei verbindet sich mit einer rigiden Bevormundung des Islam und einer schikanösen Behandlung der christlichen Kirchen. Das ist eine Konstruktion, die nicht funktionieren kann, und das zeigt ja auch die Entwicklung; da ist eine ständige Spannung, die nur durch Drohungen der Militärs am Sich-Entladen gehindert werden kann.

Die Furche: Sie stellen sich aber nicht in die Reihe jener, die einen EU-Beitritt der Türkei aus religiösen Gründen ablehnen - weil ein islamisches Land eben in einem christlichen Europa keinen Platz habe?

Meyer: Nein. Welche Entwicklung der Islam nehmen wird, wissen wir nicht. Als Christen müssen wir jedenfalls in aller Demut sagen, dass es auch bei uns nicht von vornherein klar war, dass wir zu einer Anerkennung der Gewissensfreiheit und der Trennung von Staat und Kirche kommen würden. Wir sollten also auch nicht behaupten, dass dies dem Islam unmöglich wäre.

Die Furche: Das heißt, Sie halten den Islam prinzipiell für kompatibel mit demokratisch-rechtsstaatlichen Ordnungen?

Meyer: Ich will es nicht generell ausschließen. Es hat bisher keine wirkliche Chance gegeben, dass sich im Islam eine entsprechende Richtung als vorherrschende Kraft entwickelt. Ob es eine solche Entwicklung je geben wird, wissen wir freilich nicht.

Die Furche: Müsste man dann mit einer Aufnahme der Türkei in die EU zuwarten, bis sich diese Frage beantworten lässt?

Meyer: Die gegenwärtige Türkei kann nicht Mitglied der Europäischen Union werden. Wir können gute Beziehungen zur Türkei haben - die haben wir bereits: in sicherheits- und wirtschaftspolitischer Hinsicht; es können sich noch intensivere kulturelle Kontakte entwickeln. Aber zum derzeitigen Zeitpunkt halte ich einen EU-Beitritt für nicht möglich, und ob er einmal möglich sein wird, wissen wir nicht. Daher halte ich das Spiel mit dem In-Aussicht-Stellen eines Beitrittstermins, wie es die europäischen Staaten derzeit wohl eher aus Opportunismus und Drückebergerei vollziehen, für eine unredliche Politik. Und die wird sich auch rächen, denn die Türkei wird sagen können: Ihr habt uns hingehalten.

Die Furche: Sie sagen, der Islam habe bisher nie die Chance gehabt, seine Demokratieverträglichkeit unter Beweis zu stellen ...

Meyer: ... denn es gab im Einflussgebiet des Islam niemals die Auseinandersetzung mit einer Aufklärung von solch geschichtlicher Wirkungskraft, wie das in Europa der Fall war.

Die Furche: Die Frage ist, ob das nur ein historisches Faktum ist, oder ob das mit dem Kern der Religion selbst zusammenhängt: ob also etwa im Koran ein integralistisches Verständnis von Staat, Gesellschaft und Religion schon angelegt ist, während demgegenüber die Bibel in sich schon ein größeres freiheitliches, aufklärerisches Potenzial birgt.

Meyer: Das ist sicher was dran. Aber ich misstraue grundsätzlich Argumenten, die sich ausschließlich aus der inneren Logik eines geistigen Systems - sei es eine Philosophie oder eine Religion - herleiten. Die Geschichte ist ein viel zu widersprüchlicher Prozess, als dass man da alleine auf zwingende gedankliche Logik setzen könnte.

Die Furche: Der europäische Einigungsprozess wird begleitet vom schönen Wort, dass Europa auch eine "Seele" brauche. Was müsste das Ihrer Ansicht nach sein? Impliziert das etwas Religiöses, gar Christliches? Und was bedeutet das in einem pluralistischen Kontext?

Meyer: Sie machen auf ein wirkliches Problem dieses schönen Bildes aufmerksam. Der Begriff "Seele" ist mit zwei Dingen verbunden: mit einer religiösen Vorstellung und mit einer homogenen Größe. Beides passt für Europa nicht. Das europäische Erbe speist sich aus unterschiedlichen Quellen: die Antike mit griechischer Philosophie und römischem Rechtsdenken, die jüdisch-christliche Glaubenstradition - und die europäische Freiheitsgeschichte, die einerseits aus dem Christentum kam, andererseits sich im Gegensatz zum Christentum bzw. überhaupt jeder Religion verstand. Identität setzt sich also aus verschiedenen Strängen zusammen, und da es sich dabei nicht um etwas Statisches handelt, sondern um etwas Dynamisches, wird es auch immer eine Größe mit inneren Spannungen sein. Ich halte das Bild von der "Seele Europas" für schön, aber es ist auch missverständlich; ich würde daher den Begriff "Identität" vorziehen - er ist rationaler, zuverlässiger und realitätsnaher.

Die Furche: Hinter der Rede von der "Seele Europas" steht ja der Anspruch der christlichen Kirchen, einen substanziellen Beitrag zum sich vereinigenden Europa zu leisten. Welcher Art könnte denn ein solcher Beitrag sein?

Meyer: Welchen Anteil christliche Glaubensüberzeugungen an der Definition der europäischen Identität haben, hängt davon ab, mit welcher Intensität Christen ihre Positionen vertreten. Christen müssen ihre Überzeugungen in einen öffentlichen Wertediskurs einbringen. Wenn wir Christen diesen Diskurs mit Nachdruck und guten Argumenten führen, werden sich die anderen darauf einlassen müssen.

Die Furche: Der derzeit wohl spannendste Komplex für eine solche Debatte ist die Bioethik. Sie haben kürzlich kritisiert, dass die deutsche Regierung das Thema "Lebensschutz" im Koalitionsvertrag und in der Regierungserklärung nicht erwähnt hat. Kann in einer pluralen Gesellschaft das Prinzip des uneingeschränkten Lebensschutzes, das auf einer religiösen Überzeugung basiert, als allgemeinverbindlich eingefordert werden?

Meyer: Es kommt darauf an, ob es uns als Christen gelingt, einen entsprechenden Konsens zu erreichen, der sich dann auch rechtlich verbindlich umsetzen lässt. In der bisherigen bioethischen Debatte haben die christlichen Kirchen eine maßgebliche Rolle gespielt, aber es hat auch von einem nichtchristlichen Humanismus herkommende Personen gegeben, die Sorge um die Menschenwürde geäußert haben. Es haben sich da ethische Allianzen angedeutet, an die vorher niemand gedacht hätte. Die Christen sollen also einmal ihren Part in der Diskussion im Auge haben und nicht immer gleich mitdenken, ob ihre Position für die anderen Diskussionsteilnehmer akzeptabel sein kann.

Die Furche: Was soll der Part der Christen sein? Ist es denkbar, dass Christen anerkennen, dass in der säkularen Gesellschaft Kompromisse zwischen religiös fundierten Überzeugungen und anderen gefunden werden müssen, sodass man etwa zu einer Form des abgestuften Lebensschutzes kommt, wie das ja in der Abtreibungsfrage bereits geschehen ist?

Meyer: Ich kann nicht nachvollziehen, wieso ich als Christ von vornherein darauf verzichten soll, meine Auffassung offensiv zu vertreten und ethische Verbündete zu gewinnen. Wir haben im deutschen Bundestag eine intensive bioethische Auseinandersetzung geführt, bei der die Linien quer zu den Parteien liefen. Da hat es dann einen Kompromiss gegeben, den wir kritisch sehen. Er geht davon aus, dass das Prinzip des Schutzes des Embryos von der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an gilt; aber in Bezug auf das, was in der Vergangenheit schon passiert ist, gibt es Möglichkeiten für die Forschung. Da sehen wir einen Einbruch - aber dass überhaupt am Prinzip des Embryonenschutzes in dieser Deutlichkeit festgehalten wurde, war nur möglich, weil es eine entsprechende Debatte zuvor gegeben hatte. Und hier knüpfe ich eine grundsätzliche Kritik an: dass weite Kreise der Christen glauben, sie müssten mit ihren Beiträgen zum öffentlichen Gespräch den Konsens der Mehrheit treffen.

Die Furche: Letztlich geht es wohl auch um einen Wahrheitsanspruch - der naturgemäß auch in einem Spannungsverhältnis zum Freiheitsverständnis moderner Gesellschaften steht ...

Meyer: Ich habe den Eindruck, dass viele Menschen in diesen Gesellschaften an der Wahrheitsfrage nicht interessiert sind, weil sie befürchten, dass sich aus der Anerkennung von Wahrheit Einschränkungen ihres Selbstverwirklichungsanspruchs ergeben könnten. Das ist historisch - aufgrund des Missbrauchs, der mit "Wahrheit" getrieben wurde - verständlich, aber dennoch Anlass zur Sorge.

Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner.

Oberster katholischer Laie Deutschlands

Hans Joachim Meyer, 1936 in Rostock (Mecklenburg-Vorpommern) geboren, ist seit 1997 Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, der Organisation der Laien in der katholischen Kirche Deutschlands, vergleichbar der Katholischen Aktion Österreich. Von 1990 bis zum Mai dieses Jahres war der CDU-Politiker Meyer Mitglied der sächsischen Landesregierung unter dem mittlerweile ausgeschiedenen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf (ebenfalls CDU); Meyer war Staatsminister für Wissenschaft und Kunst. Zuvor, im Jahre 1990, hatte er als Bildungsminister der einzigen frei gewählten Regierung der DDR amtiert. Bereits 1985 war er zum a.o. Professor an der Berliner Humboldt-Universität berufen worden, an der er selbst Anglistik und Geschichte studiert hatte. Kürzlich war Meyer zu Gast in der Grazer Katholischen Hochschulgemeinde, wo er über "Christliches Engagement in einer pluralen Gesellschaft" referierte.

FURCHE-Navigator Vorschau