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Die Unreinheit des Herzens

Fälle sexuellen Missbrauchs wiegen bei der Kirche schwerer als bei anderen Institutionen. Wer große Maßstäbe anlegt, muss sich selbst an solchen messen lassen. Doch auch die Kritik am „System Kirche“ greift zu kurz.

Die Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche erschüttern und empören zu Recht die Öffentlichkeit. Und es beruhigt nicht, wenn sie – wie etwa die derzeit am meisten diskutierten an katholischen Bildungseinrichtungen Deutschlands – schon mehrere Jahrzehnte zurückliegen. Die zeitliche Distanz macht nur juristisch, nicht moralisch einen Unterschied. Vor allem aber weiß niemand, ob wir uns nicht in zwanzig, dreißig Jahren mit ähnlichen Fällen (die dann schon lange zurückliegen …) beschäftigen müssen. Man mag nur, zumal als der Kirche Wohlgesonnener, hoffen, dass diese aus den Vorkommnissen gelernt hat und es daher nicht so kommen möge.

Kein Generalverdacht

Es beruhigt auch nicht, dass sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen natürlich kein Spezifikum der Kirche und ihrer Institute darstellt. Überall dort, wo es eine enge Beziehung von Autoritätsperson und den dieser Anvertrauten gibt, auch in Vereinigungen aller Art mit besonderen Zugangsbedingungen (etwa dem Geschlecht nach) und Abgrenzungen nach außen, besteht die Gefahr des (Macht)Missbrauchs, der natürlich kein sexueller oder sonst wie strafrechtlich relevanter sein muss. Man kann freilich deswegen nicht alle Autoritäten (vom Jugendgruppenleiter über den Geigenlehrer bis hin, ja, zum Pater Direktor) und Vereinigungen (vom Militär über Spitzenorchester bis hin, ja, zu Mönchskonventen) unter Generalverdacht stellen.

Man darf aber auch nicht unter Verweis auf die strukturelle Missbrauchsanfälligkeit und konkrete einschlägige Vorkommnisse in anderen Bereichen die Kirche exkulpieren oder Geschehnisse in ihrem Umfeld zu relativieren versuchen. Die Kirche steht unter einem anderen Anspruch. Sie hat sich mit ihrem – unaufgebbaren – Selbstverständnis als „Zeichen und Werkzeug“ (Vaticanum II) des Heils die Latte höchstmöglich gelegt. Zwar weiß die Kirche um ihre eigene Unvollkommenheit, dass sie immer eine der Heiligen und Sünder ist und bleiben wird – aber das enthebt sie nicht ihrer besonderen Verantwortung: Wer sub specie aeternitatis andere, größere Maßstäbe an den Menschen und die Welt anlegt, der muss sich auch von diesen an ebensolchen Maßstäben messen lassen. Deswegen wiegt der sexuelle Übergriff durch einen Geistlichen im Beichtstuhl schwerer als jener durch den pensionierten Lateinprofessor in der Nachhilfestunde.

Ungeachtet all dessen gibt es in dieser Debatte natürlich sehr wohl das, was die FAZ „selektive Empörung“ nennt. Nicht jede der einschlägigen Wortmeldungen dieser Tage entspringt der Sorge um die Glaubwürdigkeit der Kirche. Das muss nicht sein – das Ärgernis besteht ja auch für jene, die mit Kirche und Christentum nichts am Hut haben. Doch nicht selten dürfte die Lust des Sich-Abarbeitens am „System Kirche“, an der „katholischen Sexualmoral“ das Interesse an sachlicher Auseinandersetzung und Aufklärung überlagern. Manche – auch vorgeblich wohlmeinende – Kritiker fordern gerne, die Kirche möge sich zu Fragen der Sexualität ein Bußschweigen auferlegen. Aber wie soll gerade die Kirche zu etwas schweigen, das ans Innerste des Menschen rührt? Würde sie Intimität und Körperlichkeit als wesentliche Faktoren des Gelingens von Mann-Frau-Beziehungen ignorieren, hätte sie dazu nichts Substanzielles zu sagen, käme das einer partiellen Abdankung gleich.

Rückfrage an die Kritiker

Nun mögen manche der Ansicht sein, genau dies wäre angebracht. Doch die notorische Kritik an der kirchlichen Sexualmoral muss sich ihrerseits fragen lassen, ob ihr nicht vielfach ein seltsam naives Verständnis von Sexualität als rein positiver Triebkraft und Lustquelle zugrunde liegt. Es gibt schon – auch und gerade in diesem Bereich – das, was man früher als „Unreinheit des Herzens“ bezeichnet hat. Kern der katholischen Sexualmoral wäre demnach ein realistischer Blick, der auch um die Abgründe und die Verletzlichkeit des Menschen weiß, um die Dimensionen von Macht und Gewalt, die hier mit im Spiel sind. Dass dies der Kirche kaum jemand abnimmt, steht – siehe oben – auf einem anderen Blatt.

* rudolf.mitloehner@furche.at

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