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Feuilleton

"Die Unsicherheit setzt Gewaltkreislauf in Gang“

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Wie weit darf die Freiheit beschnitten werden, um Sicherheit herzustellen? Die Moraltheologin Katharina Klöcker fordert einen geänderten Umgang der Gesellschaft mit dem Thema Sicherheit, Terrorismus und Risiko.

Die Münsterer Moraltheologin Katharina Klöcker plädiert für eine Grundsatzdebatte zum Thema Sicherheit und Terror.

Die Furche: Osama bin Laden wurde in der vergangenen Woche von einem Spezialkommando der US Navy getötet. Ist die Welt deshalb ein sichererer Ort geworden?

Katharina Klöcker: Ich glaube, dass sich mit der Tötung bin Ladens nicht viel ändert, sondern dass wir weiter mit dem Phänomen des internationalen Terrorismus konfrontiert sein werden.

Die Furche: Sie plädieren in Ihrem Buch für eine andere Herangehensweise an Terrorismusgefahr und Sicherheit.

Klöcker: Wir sollten diese Themen grundsätzlich debattieren. Das heißt nicht, dass ich die Legitimität des Sicherheitsbedürfnisses der Menschen infrage stelle. Ich finde aber, wir sollten uns die Gefahren der herrschenden Sicherheitsideologie vergegenwärtigen und darüber diskutieren, wie viel Unsicherheit wir in Kauf nehmen wollen. Welchen Preis sind wir bereit zu bezahlen für ein angeblich höheres Maß an Sicherheit? Das ist im Grunde auch eine moraltheologische Frage.

Die Furche: Inwiefern?

Klöcker: Weil in der Unsicherheit und ihrer Vergegenwärtigung ein großes Potenzial steckt. Wir sollten uns bewusst machen, dass wir mit Unsicherheit zu leben haben, und das auch ehrlich aussprechen. Der theologische Gedanke kommt darin zum Vorschein, dass nur der bereit ist, nach den Ursachen von Gewalt und Unrecht zu fragen, der die Unsicherheit als gegenwärtig erkennt und akzeptiert. Wer sich in Sicherheit wiegt, verspürt gar nicht den Impuls, ungerechte Strukturen zu verändern. Das meint - christlich gesprochen - Nachfolge Jesu. Es geht zugleich um eine Ethik der Verwundbarkeit.

Die Furche: Wie erklären Sie denn die beiden Kriege nach den Terroranschlägen von 9/11?

Klöcker: Ich glaube, dass 9/11 und die Reaktion darauf gezeigt haben, dass die USA den Gedanken der eigenen Verwundbarkeit verdrängen. Um die Illusion der Unverwundbarkeit aufrecht zu erhalten, musste Sicherheit mit allen Mitteln erzwungen werden. Präsident Bush hat wenige Tage nach den Anschlägen gesagt: Unsere Trauer ist beendet, sie hat sich in Zorn verwandelt. Der Afghanistan-Krieg begann. Ich glaube, dass diese Negierung der Unsicherheit und Verletzbarkeit einen Kreislauf der Gewalt erst in Gang gesetzt hat. Wer sich selbst für unverwundbar hält, erkennt nicht, dass auch der andere verwundbar ist. Darin liegt meines Erachtens ein Kern des Problems.

Die Furche: Vielleicht auch darin, dass mit dem Sicherheitsthema Wahlen gewonnen werden.

Klöcker: Ich würde da nicht einmal böse Absicht unterstellen. Ich glaube, dass sich da gegenseitig etwas hochschaukelt. Kein Politiker will sich im Falle eines Anschlags vorwerfen lassen wollen, er hätte zu wenig dagegen getan.

Die Furche: Wie sähe ein reformierter Sicherheitsansatz aus?

Klöcker: Wir müssen uns intensiv damit auseinandersetzen, was Sicherheit eigentlich ist - und was den Terrorismus ausmacht. Ich glaube, dass wir einen ziemlich banalen Gedanken vergessen: dass der Kern der Terrorbedrohung in seiner Unkalkulierbarkeit besteht. Wir können die Gefährdungslage niemals wirklich realistisch einschätzen. Wir reden von akuter Bedrohung, aber niemand kann sagen, worin diese Bedrohung konkret besteht. Unser Sicherheitsbedürfnis ist jedoch abhängig von der empfundenen Bedrohung. Damit bleibt Sicherheit ein höchst diffuser Begriff. Und nicht nur das: Gleichzeitig ist das Sicherheitsbedürfnis etwas, das durch gezielte Dramatisierung von Gefährdungslagen manipuliert werden kann. Was wäre, wenn Politiker eingestehen würden: Wir können die Terrorgefahr nicht so beschreiben, dass wir sicher sein können, dass Beschränkungen von Freiheitsrechten den erhofften Zuwachs an Sicherheit bringen?

Die Furche: Mit welchen Folgen?

Klöcker: Wenn wir uns unserer Verwundbarkeit bewusst würden, dann würden wir den anderen ebenfalls als zerbrechlich erkennen und Sicherheit eben nicht mehr mit allen Mitteln erzwingen wollen, sondern endlich beginnen, mehr nach den Verwundungen der anderen und den Ursachen des Terrors zu fragen.

Zur Moral der Terrorbekämpfung

Eine theologisch-ethische Kritik

Von Katharina Klöcker, Grünewald 2009

348 Seiten, kart., € 29,90