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Feuilleton

Die uralten Wege werden wieder begangen

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Peter Lindenthal rekonstruierte nun auch Österreichs südlichen Jakobsweg.

Im Mittelalter wurde gewandert, heute wird gewandert, im Mittelalter ging es um Ablass von so mancher Sünde, heute geht es beim Wandern vor allem um Befreiung von den Folgen einer bestimmten Sünde. Erraten, ihr altmodischer Name ist Völlerei. Aber es gibt zum Glück auch heute nicht nur den Zweckwanderer, der mehr den eigenen Nabel beziehungsweise das erhoffte Dahinschmelzen des Fleisches als die Landschaft betrachtet. Es gibt auch nach wie vor den echten, den reinen Wanderer. Er wandert um des Wanderns und der damit verbundenen Erlebnisse, und wenn er ein passionierter, fortgeschrittener, kundiger Wanderer ist, um der inneren Erlebnisse und um seiner Selbsterkenntnis und Selbstvervollkommnung willen.

Ein wahrer Proto- dieses Typs ist der Österreicher Peter Lindenthal. Wanderer seiner Art findet man in besonders hoher Konzentration auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Er ist ihn gegangen, er hat das köstliche Buch "Nach Santiago! Wohin sonst?" darüber geschrieben (Furche 19/99). Und er wurde zum Wiederentdecker der vergessenen Jakobswege. Denn der mittelalterliche Pilger reiste nicht komfortabel nach San Sebastian, wo er dann die Wanderschuhe aus dem Gepäck holte, sondern war oft seit Jahren unterwegs, wenn er am heutigen Ausgangspunkt der Jakobspilger anlangte. Sie kamen aus ganz Europa, und viele, die in Ungarn oder Böhmen aufbrachen, durchquerten in vielen Tagesmärschen Österreich. Lindenthal hat ihre Routen wieder entdeckt und rekonstruiert.

Sein Buch "Auf dem Jakobsweg durch Österreich" (Furche 19/99) wurde zum Renner. Es beschrieb den nördlichen Jakobsweg durch Österreich. Es gab aber auch einen kaum minder viel begangenen südlichen. Ihm widmete Lindenthal nun sein jüngstes Buch: "Auf dem Jakobsweg durch Süd-Österreich, Slowenien und Südtirol". Manche Fachleute, so der Autor, halten den südlichen Jakobsweg über Marburg, Kärnten, Ost- und Südtirol nach Innsbruck (wo die Pilger mit den auf dem nördlichen Weg von Linz kommenden zusammentrafen), und weiter über den Brenner und die Schweiz, sogar für wichtiger. Von Slowenien über Innsbruck nach Südfrankreich: Das war zwar ein Umweg, der aber in Kauf genommen wurde, galt diese Route im Mittelalter doch als weniger gefährlich.

Lindenthals erstes Buch entsprach einem starkem inneren Bedürfnis vieler Menschen. Nicht nur der Verkaufserfolg beweist es. Tatsächlich wächst die Zahl derer, "die sich auf den Weg machen - in jeder Hinsicht, weil sie spüren, dass sie materiell fast voll, doch spirituell fast leer sind". Auch immer mehr Pfarren und Klöster an den alten Routen öffnen sich für die Jakobspilger einer völlig neuen Art. Der Autor hofft, dass sich dieser Effekt auch am südlichen Jakobsweg einstellen wird.

Wiederum beschreibt er jedes Wegerl, jede Abzweigung, jede Kirche oder Kapelle, fast jeden Stadel und jeden Baum, den man auf dem Weg von Graz über Marburg, Lavamünd, Villach, Lienz und Sterzing nach Innsbruck passiert. Oder auf einer kleineren Wanderung, wenn es nicht gleich über Innsbruck nach Spanien gehen soll. Entfernungen, Gehzeiten, besonders schöne Rastpunkte sind ebenso angegeben wie preiswerte, dem Jakobspilger angemessene Übernachtungsmöglichkeiten mit Schlaf-, Koch- und Waschgelegenheit.

Ja, übrigens: Gewidmet ist das Büchlein Lindenthals treuem Begleiter auf den sechstausend gemeinsam gewanderten Wegen, ohne den er, wie er meint, seine drei Bücher nicht geschrieben hätte. Ajiz, gesprochen Achiss, was in der Maya-Sprache Qiché Zauberer bedeutet, hat sein zwölftes Lebensjahr vollendet, was für einen Karelier ein schönes Hundealter ist. Man sieht ihn auf vielen Bildern des durchgehend in Farbe reich illustrierten Bandes. Mittlerweile macht aber dem vierbeinigen Kenner mehrerer Jakobswege seine Arthrose schwer zu schaffen.

AUF DEM JAKOBSWEG DURCH SÜD-ÖSTERREICH, SLOWENIEN UND SÜDTIROL. Von Peter Lindenthal.

Tyrolia Verlag, Innsbruck 2002.

168 Seiten, brosch., e 21,90