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Die Vampire, untot und sehr präsent

Sie haben kein Spiegelbild und existieren mehr in der Fantasie als in der Realität. Dennoch erleben Vampire derzeit einen Boom. Das vorliegende Buch beleuchtet die Welt der Untoten aus verschiedenen Perspektiven und geht weit über ein bloßes Zeitgeistthema hinaus.

Menschen brauchen Mythen. Der Vampir beschäftigt seit Jahrhunderten die Fantasie, nährt Ängste, reizt Lüste. Was steckt dahinter? Was sind die Ursachen? Wo vermischen sich Trivialität und Tieferes? Reinhard Deutsch und Christine Klell haben das "Phänomen Vampir" aus ungewöhnlichen Blickwinkeln beleuchtet. Gefundenes und Wissenschaftliches, Erfundenes und Literarisches werden zu einem Ganzen verwoben, in dem auch die seriöse Wissenschaft nicht zu kurz kommt. Gerade in einer Zeit, in der so mancher Haushalt von Stephenie Meyers Vampirsaga "Twilight" belastet ist, weil ihre All-Age-Bestseller Mädchen sowie gestandene Frauen in ihren Bann ziehen, tut es gut, wenn mit "Dracula - Mythen und Wahrheiten" ein Buch erscheint, das sich von "Bis(s) zur Mittagsstunde" und Co. wohltuend abhebt. Dennoch: Woher kommt die Faszination, die von Vampiren ausgeht?

Vom Original bis zum Finanzamt

Die beiden Autoren haben die Spuren von Dracula und Konsorten bis zu deren Wurzeln zurückverfolgt. "Die ältesten Vampyren, wovon wir Nachricht haben, waren bei den Griechen zu Hause", schreibt Carl von Knoblauch zu Hatzbach 1791 im Taschenbuch für Aufklärer und Nichtaufklärer.

Ein Meilenstein in der Erfolgsgeschichte dieser Figur ist der Roman "Dracula I" des Iren Bram Stoker von 1895, der schon mit "Dracula II - wie alles weiterging" Serienreife bewies. "Graf Dracula, seit vierhundert Jahren ein Untoter, der seinen Sarg nur zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang verlassen darf, kein Spiegelbild und keinen Schatten hat, bittet den jungen englischen Rechtsanwalt zu sich nach Transsylvanien (= lateinisch für Siebenbürgen), um mit ihm über den Ankauf eines Grundstückes in England zu verhandeln."

Hilfreich für das Verständnis der vielen Originaltexte im Buch sind die eingeschobenen Enzyklopädie-Elemente. Darin werden zentrale Begriffe wie "Blutsbrüderschaft" oder "Clan-Zugehörigkeit" erklärt. Als Beispiel für die Blutsbrüderschaft dient neben dem geritzten Unterarm von Winnetou auch das Kübeltrinken im Mallorca-Urlaub. Bemerkenswert, dass sich unter den assoziierten Begriffen zu Blutsaugern und Vampiren auch das Finanzamt befindet.

Wer glaubt, Vampir sei Vampir, wird eines Besseren belehrt: Der traditionelle Vampir, auch als Nosferatu bekannt, ist blass, hat einen kalten Körper, spitze Eckzähne und trinkt Blut. Der moderne Vampir ist vornehm, reich, gut gekleidet und charmant. Diese Spezies findet man schon eher im eigenen Bekanntenkreis. Der alternative Vampir definiert sich über seinen Lifestyle und ist äußerlich nicht als solcher zu erkennen. Besondere Vorsicht ist beim Cybervampir geboten: Er erscheint als normaler Mensch, ist meist am PC zu finden, meidet frische Luft und findet seine Opfer in Online-Foren und Chatrooms.

Tipps zur Abwehr von Vampiren

Die Blutsauger in Menschengestalt gehören zu den ganz großen Stoffen der Kulturgeschichte. Von der "Fledermaus" von Johann Strauß sind es nur ein paar Jahrzehnte zur "Rocky Horror Picture Show", deren Musik wie bei Strauß von guter Laune und Schwung geprägt ist. Nicht zu vergessen das Musical "Der Tanz der Vampire", das vom Wiener Raimund Theater den Siegeszug um die Welt angetreten hat.

Ein Ende der Geschichte von Dracula und Co. ist nicht abzusehen. Der grafisch exzellent und außergewöhnlich gestaltete Band bietet daher Tipps für die Abwehr von Vampiren. Dass die Rezepte viel mit Knoblauch zu tun haben, ist selbstverständlich. Die Thematik kommt, der Ironie des Werkes entsprechend, dem Alltag normaler Menschen sehr nahe: Sind Knutschflecken als Zeichen für Liebe und Leidenschaft wirklich die Folge einer kleinen Vampirmahlzeit, eines kleinen Schluckes zwischendurch? Eine eindeutige Antwort liefern die Autoren nicht - aber zahlreiche Überraschungen!

Dracula - Mythen und Wahrheiten.

Ein Handbuch der Vampire.

Von Christine Klell und Reinhard Deutsch.

Styria Premium Verlag 2010.

296 Seiten, e 29,95

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