Digital In Arbeit
Feuilleton

Die Verlierer dieser Tage: jung und lohnflexibel

1945 1960 1980 2000 2020

Die EU ist gescheitert, Zäune und Korruption prägen den Kontinent. Manfred Rumpl entwirft ein durchaus reales Bild der möglichen Zukunft.

1945 1960 1980 2000 2020

Die EU ist gescheitert, Zäune und Korruption prägen den Kontinent. Manfred Rumpl entwirft ein durchaus reales Bild der möglichen Zukunft.

Liegen Dystopien knapp an unserer Gegenwart, ergeben sie kein utopisches, sondern ein durchaus reales Bild der möglichen Zukunft. Manfred Rumpls Roman deutet das schon mit dem Titel "Dieser Tage" an und verzichtet auf eine Datierung. Was hier außer Kontrolle geraten ist, schreibt Entwicklungen fort, deren Anfänge wir gerade erleben.

Es ist eine Gesellschaft, die auf gut ein Drittel der Bevölkerung als aktive Teilnehmer am Gemeinwesen verzichten kann. Daher steigt der Druck auf jene, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt hineinpassen, sie müssen unabhängig von ihrer Qualifikation im unteren "lohnflexiblen" Segment bereitstehen.

Es ist eine Gesellschaft, die radikal gespalten ist in die "Bewegung" und die "Frommen", mit einem massiv ausgebauten Sicherheitsapparat, der gewaltsam gegen Demonstranten vorgeht und in regelmäßigen Abständen die aus der Not heraus anarchisch wachsenden Favelas an den Stadträndern planiert. Ohne Security Checks lassen sich kaum mehr öffentliche Toiletten betreten, Info- bzw. Propaganda-Screens sind von Hausund Plakatwänden auf die Hügelketten übergesprungen, Gratiszeitungen offiziell zu Regierungsorganen mutiert, die Union ist zerfallen, Politik, Korruption und organisiertes Verbrechen haben sich final amalgamiert. Das ist in etwa der Hintergrund, vor dem Rumpl das klassische Setting vom Mann zwischen zwei Frauen ablaufen lässt.

Verlust und Abstieg

Der Roman ist "konventionell" erzählt. Was bei Romanen von Daniel Kehlmann oder Thomas Glavinic, die oft auch konventionell erzählt sind, auf der Positiva-Seite gebucht wird, gilt bei Autoren, denen wie Rumpl selbst lange nach 1968 Gesellschaftspolitisches immer noch ein Anliegen ist, gerne als Schwäche. Dass er oft einen kleinen Personenkreis von Außenseitern unterschiedlichster Provenienz und mit hohen Sympathiewerten porträtiert, der im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Demokratieverlust und Machtmissbrauch zusammensteht, kann man als klischeehaft interpretieren -oder als modernes Märchen und Utopie, die einer problematischen gesellschaftlichen Entwicklung eingeschrieben wird.

In "Dieser Tage" erlebt der Informatiker Vincent Pygmali einen radikalen Absturz. Seine Freundin Gala verschwindet spurlos, und er verliert seinen Job - Informatiker gelten wie Vincent mit 34 Jahren ja schon heute als schwer vermittelbar. Von einem Loft im Zentrum fällt er ins provisorisch eingerichtete Souterrain in einem Problembezirk, kämpft mit seinen Verlusterlebnissen und Subsistenzproblemen.

Stimmungsbild einer Gesellschaft

Aufgefangen wird er von einem losen Freundeskreis aus einem Vorstadtlokal. Hier bahnt sich auch die zweite Frauengeschichte mit der geheimnisvollen Stadtstreunerin Rita an, die einst im Wohnbauamt tätig war. Während Vincent Pygmali gleichsam als Erbe seines griechischen Namensvetters auf die Verbesserung der Motorik seines Roboters setzt, der am Ende mit vollendeter Grandezza ein sämiges Risotto zubereiten und in Kochshows Geld einspielen soll, betreut Rita im praktischen Kampf gegen die Folgen eines Spekulationsskandals die illegale Besiedelung eines halbfertig stehen gebliebenen Stadtteils. Und irgendwie geht vieles im Roman dann gut aus - freilich nicht für Vincents afrikanische Freunde, die dann doch abgeschoben werden.

Interessant ist weniger der Plot als das entworfene Stimmungsbild. Die Phrasen von den fröhlich anzugehenden "Herausforderungen" und "Chancen" zu neuen Aufbrüchen zeigen sich als das, was sie sind: Das Ende der sozialen Absicherungen, das für immer breitere Teile der Bevölkerung Lebenswege völlig unberechenbar macht.

Zu den besten Szenen zählen Vincents Kampf mit Arbeitsamt und Assessment Centers wie beim Bewerbungstest im Großkonzern Database. Hier werden die Bewerber gleich direkt aufeinander losgelassen. Finden Sie Schwachstellen und dunkle Punkte im Leben ihrer Mitbewerber heraus, lautet die Aufgabenstellung. Das trainiert in das notwendige Anforderungsprofil ein, erspart der Personalabteilung aufwändige Recherchen und illustriert eine der Kernaussagen, um die es Rumpl wohl eigentlich geht, und die lautet in etwa: "Geht's der Wirtschaft gut. Geht's der Wirtschaft gut", wie die Performancegruppe "Freunde des Wohlstands" so trefflich formuliert hat.

Dieser Tage

Roman von Manfred Rumpl

Picus 2016

288 Seiten, geb., € 24,-

Liegen Dystopien knapp an unserer Gegenwart, ergeben sie kein utopisches, sondern ein durchaus reales Bild der möglichen Zukunft. Manfred Rumpls Roman deutet das schon mit dem Titel "Dieser Tage" an und verzichtet auf eine Datierung. Was hier außer Kontrolle geraten ist, schreibt Entwicklungen fort, deren Anfänge wir gerade erleben.

Es ist eine Gesellschaft, die auf gut ein Drittel der Bevölkerung als aktive Teilnehmer am Gemeinwesen verzichten kann. Daher steigt der Druck auf jene, die nicht mehr in den Arbeitsmarkt hineinpassen, sie müssen unabhängig von ihrer Qualifikation im unteren "lohnflexiblen" Segment bereitstehen.

Es ist eine Gesellschaft, die radikal gespalten ist in die "Bewegung" und die "Frommen", mit einem massiv ausgebauten Sicherheitsapparat, der gewaltsam gegen Demonstranten vorgeht und in regelmäßigen Abständen die aus der Not heraus anarchisch wachsenden Favelas an den Stadträndern planiert. Ohne Security Checks lassen sich kaum mehr öffentliche Toiletten betreten, Info- bzw. Propaganda-Screens sind von Hausund Plakatwänden auf die Hügelketten übergesprungen, Gratiszeitungen offiziell zu Regierungsorganen mutiert, die Union ist zerfallen, Politik, Korruption und organisiertes Verbrechen haben sich final amalgamiert. Das ist in etwa der Hintergrund, vor dem Rumpl das klassische Setting vom Mann zwischen zwei Frauen ablaufen lässt.

Verlust und Abstieg

Der Roman ist "konventionell" erzählt. Was bei Romanen von Daniel Kehlmann oder Thomas Glavinic, die oft auch konventionell erzählt sind, auf der Positiva-Seite gebucht wird, gilt bei Autoren, denen wie Rumpl selbst lange nach 1968 Gesellschaftspolitisches immer noch ein Anliegen ist, gerne als Schwäche. Dass er oft einen kleinen Personenkreis von Außenseitern unterschiedlichster Provenienz und mit hohen Sympathiewerten porträtiert, der im Kampf gegen Ungerechtigkeit, Demokratieverlust und Machtmissbrauch zusammensteht, kann man als klischeehaft interpretieren -oder als modernes Märchen und Utopie, die einer problematischen gesellschaftlichen Entwicklung eingeschrieben wird.

In "Dieser Tage" erlebt der Informatiker Vincent Pygmali einen radikalen Absturz. Seine Freundin Gala verschwindet spurlos, und er verliert seinen Job - Informatiker gelten wie Vincent mit 34 Jahren ja schon heute als schwer vermittelbar. Von einem Loft im Zentrum fällt er ins provisorisch eingerichtete Souterrain in einem Problembezirk, kämpft mit seinen Verlusterlebnissen und Subsistenzproblemen.

Stimmungsbild einer Gesellschaft

Aufgefangen wird er von einem losen Freundeskreis aus einem Vorstadtlokal. Hier bahnt sich auch die zweite Frauengeschichte mit der geheimnisvollen Stadtstreunerin Rita an, die einst im Wohnbauamt tätig war. Während Vincent Pygmali gleichsam als Erbe seines griechischen Namensvetters auf die Verbesserung der Motorik seines Roboters setzt, der am Ende mit vollendeter Grandezza ein sämiges Risotto zubereiten und in Kochshows Geld einspielen soll, betreut Rita im praktischen Kampf gegen die Folgen eines Spekulationsskandals die illegale Besiedelung eines halbfertig stehen gebliebenen Stadtteils. Und irgendwie geht vieles im Roman dann gut aus - freilich nicht für Vincents afrikanische Freunde, die dann doch abgeschoben werden.

Interessant ist weniger der Plot als das entworfene Stimmungsbild. Die Phrasen von den fröhlich anzugehenden "Herausforderungen" und "Chancen" zu neuen Aufbrüchen zeigen sich als das, was sie sind: Das Ende der sozialen Absicherungen, das für immer breitere Teile der Bevölkerung Lebenswege völlig unberechenbar macht.

Zu den besten Szenen zählen Vincents Kampf mit Arbeitsamt und Assessment Centers wie beim Bewerbungstest im Großkonzern Database. Hier werden die Bewerber gleich direkt aufeinander losgelassen. Finden Sie Schwachstellen und dunkle Punkte im Leben ihrer Mitbewerber heraus, lautet die Aufgabenstellung. Das trainiert in das notwendige Anforderungsprofil ein, erspart der Personalabteilung aufwändige Recherchen und illustriert eine der Kernaussagen, um die es Rumpl wohl eigentlich geht, und die lautet in etwa: "Geht's der Wirtschaft gut. Geht's der Wirtschaft gut", wie die Performancegruppe "Freunde des Wohlstands" so trefflich formuliert hat.

Dieser Tage

Roman von Manfred Rumpl

Picus 2016

288 Seiten, geb., € 24,-